Datum
15.05.2020
Cara Roberta.
Ein Briefwechsel zwischen nicht ganz so Unbekannten. Marjana Gaponenko und Christian Futscher. April bis Mai 2020
Kategorie
Projekt
Schlagworte
Marjana Gaponenko und Christian Futscher

15. Mai 2020

Liebe Marjana,

ich habe bereits vor einer Woche begonnen, dir meinen dritten Brief zu schreiben, in dem ich bereits auf deinen zweiten Brief eingehe, ohne ihn zu kennen. Es ist erstaunlich, was für Parallelen es zwischen den Briefen gibt, ums um die Ecke zu sagen, ich nenne nur ein paar Stichwörter, auf die ich später noch ausführlicher eingehen werde: Menschen, Düfte, Bibliothek, Pater, Klosterneuburg, Schreibplatz, Social distancing … Ich bin so frei und zeige dir erstmal, was ich dir bereits letzte Woche geschrieben habe, beflügelt vom Duft der Leichen zweier toter Fliegen in einem Tintenfass in der schon einmal erwähnten Erzählung Tubutsch von Albert Ehrenstein: „Denn was kann besser zu meiner Stimmung passen als der für andere, robuster geartete vielleicht gar nicht wahrnehmbare Geruch ihrer Verwesung?“ …
Hier jetzt der Brief von letzter Woche: 

Liebe Marjana,
zuerst will ich dir von dem Traum erzählen, den ich dir im vorigen Brief angekündigt habe.
Ich stand in Dornbirn am Bahnsteig, ich hatte viel Gepäck dabei, auch meine Gitarre, ich war völlig übermüdet, verkatert und ungeduscht, es war ein heißer Sommertag, unglaublich viele Menschen standen auf dem Bahnsteig, da kam plötzlich ein Mann auf mich zu, in dessen Begleitung du dich befandest. Ich wusste, wer du warst, obwohl wir uns noch nie zuvor getroffen hatten. Der Mann sagte zu mir, ich solle dich sicher nach Innsbruck bringen, von wo du einen Flug hättest. Mir kam der Auftrag seltsam vor, du standest schweigend neben dem Mann und sahst mich nur teilnahmslos, aber freundlich an. Kurz darauf stiegen wir in den Zug, der komplett überfüllt war, an einen Sitzplatz war nicht zu denken, wir standen vor einer Toilette, es war eng, ich schwitzte, roch mich selber, du warst jung und strahlend, ich alt und glanzlos, ich schämte mich wegen meines Schweißes und meiner üblen Ausdünstungen, du standest nur schweigend und gelassen vor der Toilettentür, als sei das die größte Selbstverständlichkeit, kein Anzeichen von Unmut oder gar Widerwillen, ich hingegen wollte aus der Haut fahren, die Vorstellung, mit dir so bis Innsbruck zu fahren, war unerträglich, da hatte ich einen rettenden Einfall und sagte, dass ich in Feldkirch aussteigen würde, um meine Mutter zu besuchen, du sagtest, das sei okay, du standest lächelnd da, als sei nichts dabei, in einem überfüllten Zug vor einer Toilettentür zu stehen mit der Aussicht auf zwei Stunden Fahrt, es waren auch Grundwehrdiener in der Nähe, die Bier tranken und wahrscheinlich bald unangenehm sein würden, das war mir klar, aber ich konnte nicht anders, so gern ich in deiner Gegenwart geblieben wäre, ich musste raus. Du meintest lächelnd, das sei völlig okay, ich stürzte aus dem Zug, eilte befreit und tiefe Luft holend den Bahnsteig entlang zur Unterführung, sah nach links, sah in den Speisewagen des Zuges, und da – ich traute meinen Augen nicht – war ein Zweiertisch frei! Ich stieg spontan wieder in den Zug, stürzte in den Speisewagen, legte mein Gepäck und die Gitarre zu dem freien Tisch, sagte zur Kellnerin, sie solle den Tisch bitte reservieren, ich sei gleich wieder da. Und dann kämpfte ich mich durch all die stehenden, schwitzenden, stöhnenden Menschen in den überfüllten Waggons zurück zu dir, und nie werde ich den Anblick vergessen: Du standest lächelnd genau dort, wo ich dich verlassen hatte, ich sagte, komm mit, ich habe einen Platz für uns, und dann sagtest du, und auch das werde ich nie vergessen, dachte ich im Traum: „Das werde ich dir nie vergessen.“ Kurz darauf saßen wir an unserem Tisch, es war ein großer Speisewagen, wie es sie früher gegeben hatte, du warst der Mittelpunkt, alle Blicke waren auf dich gerichtet, wir redeten, du bestelltest wie ich ein Bier, du sagtest, das sei das erste Bier deines Lebens, du zeigtest mir ein Buch, das du von mir gekauft hattest, mein Erstling was mir die adler erzählt, ich war völlig überwältigt, dass du dieses Buch von mir hattest, das durfte doch nicht wahr sein, ich sollte dir was reinkritzeln, wir sahen schweigend aus dem Fenster, wir fuhren durch eine Berglandschaft, die Zeit verging wie im Flug, schon waren wir in Innsbruck, wo du aussteigen musstest, und kaum warst du weg, bemitleideten mich alle im Speisewagen, wie mir schien, und die Kellnerin kam zu mir und sagte: „Jetzt ist sie weg“, und sah mir tief in die Augen, machte ein bedauerndes Gesicht und seufzte … 
Corona hatte jedenfalls keinen Einfluss auf diesen Traum! Im Zug wurde kein Abstand gewahrt, was mir gar nicht auffiel, auch Gesichtsmasken gab es keine – ich denke, er spielte eindeutig in der Vergangenheit.

Jaja, ich schreibe nicht nur viel, ich träume auch viel. Einmal habe ich mich im Traum sogar schon verletzt. Meine kleine Schwester wurde vor dem Haus meiner Großeltern von einem Mann abgefangen, sie stieg zu ihm ins Auto, ich wusste, er wollte sie entführen, um ihre etwas Böses anzutun, ich begann zu laufen, das Auto fuhr rückwärts aus der Parklücke, ich sprang vorne auf die Kühlerhaube, ich sah das Gesicht des Mannes durch die Windschutzscheibe, ich wusste, er würde mich abschütteln wollen, da holte ich mit dem Fuß aus und trat zu – ich wollte ihm durch die Windschutzscheibe den Schädel zertrümmern, so groß war plötzlich mein Hass auf ihn, diesen Mann, der meiner kleinen Schwester was antun wollte, und kurz bevor mein Fuß sein Gesicht traf, sah ich, dass es ein Pfarrer war, der da am Steuer saß, deutlich zu erkennen an seinem Kragen … Ich wachte auf, denn ich hatte mit voller Wucht in die Wand neben dem Bett getreten. Am Morgen war der große Zeh blau und geschwollen, der Nagel eingerissen – ungefähr ein Jahr lang spürte ich die Folgen des Trittes, humpelte ich … 

Deinen zweiten Brief habe ich noch gar nicht bekommen, ich warte ungeduldig darauf, will auf deinen Brief reagieren, aber das geht nicht, wenn er noch nicht da ist, also erzähle ich dir von meinem Spaziergang gestern … 
Hier auf meinem Schreibtisch steht übrigens ein großes Buch, an die Wand gelehnt mit dem Titelbild zu mir. Das Bild zeigt ein Mädchen, das mit Federkiel und Tusche einen Brief schreibt, bzw. über einem Brief sinniert, und dabei einen Schatten wirft. Auf dem Briefpapier, das vor dem Mädchen auf dem Tisch liegt, ist nur zu lesen: 

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tapfer s

Das schöne große Buch befindet sich schon seit längerem an diesem Platz, es heißt: Ich sitze hier im Abendlicht … Briefe gesammelt und illustriert von Jutta Bauer. Vor dem Buch steht eine ca. 10 cm hohe blaue Leselampe, die man einschalten kann, daneben ein Sandhügel aus Plastik, in dem ein kleiner Sonnenschirm steckt, dessen Schirmstange, wenn man sie aus dem Sand zieht, sich als Bleistift entpuppt (Geschenke). Dazwischen liegen u.a. eine uralte hart und braun gewordene Zitrone und ein verschrumpeltes Radieschen (keine Geschenke). Darüber hängen zwei Fotos von rauchenden Menschen: Lou Reed, die Zigarette im Mund zeigt nach links, und Johanna Dohnal, die Zigarette im Mund zeigt nach rechts. – Das sind nur ein paar kleine Details von meinem Schreibplatz. Wie schaut dein Schreibplatz aus? – Es gäbe ein schöneres Wort dafür, ich weiß …   

Es wird wieder normal. Ich arbeite an meinem Schreibtisch, ohne dass im Nebenzimmer wer arbeitet. Meine Frau macht kaum mehr Home Office, gestern musste sie länger als geplant im Büro bleiben, also ging ich am Abend zum ersten Mal seit langem allein spazieren. Schon beim Balkon-Konzert von Ernst Molden am Mittwoch war eine Veränderung zu bemerken gewesen. Es gab wieder fast so viel Straßenverkehr wie früher, d.h. Molden war nicht mehr so gut zu hören, die Atmosphäre war nicht mehr so angenehm unwirklich, ruhig und feierlich, außerdem spielte er zum ersten Mal seit Wochen allein – sein Sohn Karl hatte wohl nach den Lockerungen wieder Besseres zu tun. Und Molden sang auch nicht das Lied „Awarakadawara“, bei dem ich so gern mitsinge: „Hokuspokus fidibus i foa mitn schwoazn Autobus …“ Ich ging allein spazieren, steuerte den Märchenwald an (umgestürzte Bäume, Unterholz …), vielleicht würde ich meinen Sohn treffen, der auch manchmal dort spazieren geht. Nein, das war unwahrscheinlich, er musste ja arbeiten (er hat sich als „außerordentlicher Zivildiener“ gemeldet, betreut eine Wohngemeinschaft von Kindern und Jugendlichen).  

Du schreibst an einem „Düfte-Buch“, ich an einem „Vater-Buch“ …

Manchmal, wenn ich übermütig bin, denke ich, dass mir mit diesem „Vater-Buch“ vielleicht etwas gelingt, das bleiben wird wie der Kleine Prinz und der Große Gatsby, hoho. Wirklich wahr, ich habe ein urgutes Gefühl, bis ins Herzblut hinein! Titel: Mein Vater, der Vogel. Die Idee dazu hatte ich schon vor Jahren, seither sammle ich Material. Es handelt sich um eine Fülle von hauptsächlich lustigen Szenen, Episoden, Geschichten, im Hintergrund lauert Hintergründiges, zwischen den Zeilen tut sich eine zweite Ebene auf, die Sache ist tragikomisch, endet fatal … Den letzten Anstoß gegeben hat mir das Buch Er hat nie jemanden umgebracht: mein Papa von Jean-Louis Fournier. Darin schreibt Fournier über seinen Vater, der Alkoholiker war und mit 43 gestorben ist, da war er 15. Ein zweites autobiografisches Buch von Fournier heißt Wo fahren wir hin, Papa? Darin schreibt er über seine zwei geistig und körperlich schwer behinderten Söhne, die er beide überlebt hat, einer der beiden starb mit 15. – Was für ein Leben als Sohn und als Vater von Söhnen! Jean-Louis Fournier ist laut Klappentext „Schriftsteller und Humorist“ … 
In letzter Zeit habe ich nicht mehr so fleißig an meinem Buch gearbeitet, nicht nur deshalb, weil meine Frau immer seltener Home Office macht. Ich hatte eine Erkenntnis: Der Grund, warum ich in letzter Zeit nicht viel an dem Buch gearbeitet habe, ist der, dass ich nicht will, dass diese Arbeit aufhört. Ich arbeite deshalb nicht, weil ich mir die schöne Arbeit länger erhalten will. Ich wollte jetzt eigentlich schon fertig sein damit, aber das wäre nicht schön. Ich will eigentlich gar nicht, dass die Arbeit aufhört. Das sehr gute Gefühl, an etwas sehr Gutem zu arbeiten, soll weiterhin erhalten bleiben. Deshalb arbeite ich nicht daran. So lange ich an etwas arbeite, kann ich außerdem nicht sterben – ich glaube, das hat Urs Widmer irgendwo so ähnlich geschrieben. Inzwischen ist er auch schon tot. Er hätte sein letztes Buch nicht beenden sollen.

Zum Geburtstag bekam ich ja viele Gutscheine für Bücher, sechs Stück habe ich damit schon besorgt, darunter das Buch Hektopolis von Wojciech Czaja, weil mich das Vorwort begeistert hat, das so beginnt: „Einmal im Monat, an einem Samstag oder Sonntag, haben wir uns ins Auto gesetzt, ich war damals sieben oder acht, und sind einfach drauflosgefahren. Mein Vater am Lenkrad, meine Mutter am Beifahrersitz, ich ständig auf der Rückbank hin- und hergleitend, Ausschau haltend nach der nächstbesten Chance am Horizont. […] Die Spielregeln waren denkbar einfach. Den ganzen Tag lang durfte ich uns dirigieren: links, rechts, geradeaus, zurück und stopp. Den ganzen Tag lang hat der Fahrer den Befehlen ohne Widerrede Folge geleistet.“ – Was für ein Vater! 

„Auf geht’s! einem ungewissen Schicksal entgegen“, denke ich oft, das ist ein Zitat von F.K. Waechter, dessen Sohn Philip auch Zeichner und Autor geworden ist und ein Buch mit dem Titel Sohntage veröffentlicht hat, das ich gerade bestellt habe. Mein Desktop-Hintergrundbild ist übrigens seit langem ein Foto vom Wallersee, auf dem ein Schneidebrett schwimmt, auf dem ein Salzfass steht. Ich war einmal ein sog. „Seeschreiber“ in Seekirchen am Wallersee, lernte dort die Berliner Autorin Johanna Straub kennen (wir wohnten Tür an Tür direkt am See), die übrigens ein Buch geschrieben hat mit dem schönen Titel Das Zebra hat schwarze Streifen, damit man die weißen besser sieht. Johanna war die „Seeschreiberin“ (es wurden immer zwei gleichzeitig zur Seeschreiberei eingeladen) und sie hatte 1000 Zitate von F.K. Waechter im Kopf, ich war begeistert, denn ich hatte 500 von ihm im Kopf, wir konnten uns stundenlang nur in Waechter-Zitaten miteinander unterhalten, und das taten wir auch, es war die helle Freude, ein unerschöpfliches Vergnügen, „Heidewitzka, Herr Kapitän!“ Und eines Tages beschlossen wir, einen Cartoon von Waechter in die Tat umzusetzen, wenn man das so sagen kann. Auf dem Cartoon sieht man ein Schneidebrett, auf dem ein Salzfässchen steht. Das Brett schwimmt am Rand eines Meeres – ein Mann hat ihm gerade einen Schubs gegeben und sagt: „Auf geht’s! einem ungewissen Schicksal entgegen, gutes altes Salzfass.“ – Wir besorgten ein Schneidebrett und ein Salzfass und machten damit Fotos im Wallersee. Eines davon ist seit damals mein Desktop-Hintergrundbild. 

Liebe Marjana, schreibst du eigentlich noch Gedichte? Ich glaube, dein letzter Lyrikband ist schon länger her. „Das Schiff bin ich …“
Meine Gedichte schreibe ich hauptsächlich im Bett – in der Nacht, am Morgen, im Halbschlaf, manchmal sogar im Schlaf … Also im Bett nehmen sie zu 90% ihren Anfang. Kürzlich kritzelte ich am Morgen ein Gedicht, an das ich gestern bei meinem Spaziergang denken musste. Es ist noch unfertig, aber wird schon, wird schon: „In einem schwarzen Haus / sitze ich in einem schwarzen Zimmer / auf einem schwarzen Stuhl / an einem schwarzen Tisch / mit einem schwarzen Bier darauf, / da geht die schwarze Türe auf / und herein kommt meine Frau, / die orange leuchtet.“ – Heissa! Das mit dem „schwarzen Bier“ lasse ich vielleicht besser weg, da denkt womöglich wer an die berühmte „schwarze Milch“, an die ich nicht dachte beim Kritzeln. Jedenfalls musste ich gestern, als ich bei meinem Spaziergang das Lied „Awarakadawara“ von Molden vor mich hin sang, plötzlich denken, dass mir vielleicht der „schwarze Omnibus“ aus diesem Lied eingefahren ist, und auf Umwegen führte die unterirdische, nächtliche Reise dann zu meinem schwarzen Haus … Ernst Molden nenne ich übrigens seit kurzem nur noch The Golden Molden, weil er ein goldenes Herz hat, eine goldene Stimme, und sein Gitarrenspiel ist auch golden. Er hat auf jeden Fall eine Goldmedaille verdient, die Balkon-Konzerte werden mir abgehen.

An der Donau entlang spazierte ich und dachte an meinen Goldschatz, der hier so gern spaziert. Es war ein bisschen traurig, dass ich allein war, aber ich sang, und auf die Gefahr hin, dass ich dir auf die Nerven gehe, hier schon wieder ein Zitat, das mir in dem Zusammenhang sofort in den Kopf schießt, eins von dem Südtiroler Dichter Gerhard Kofler, der viel zu früh gestorben ist: „und du fange nicht an / zu weinen / fange zu singen an“, und ich singe von Molden „Awarakadawara“, aber auch „Gemma ins Wossa“ – es gibt eine CD von ihm, die heißt Schdrom, sie ist voller Donau-Lieder, die ich einen Sommer lang sehr oft gehört habe – im Sommer 2017, in dem ich ein Stelzenhäuschen in Kritzendorf hinter Klosterneuburg bewohnt habe. In meinem Lyrikbändchen Grüße an alle, in dem viele Donau-Gedichte drin sind, die zum Großteil in jenem Sommer entstanden sind, habe ich Ernst Molden zitiert mit dem Satz: „Alle wollen immer nach Westen. Die Donau will nach Osten. Das mag ich so an ihr.“ – Wäre ich mit meiner Frau spaziert, wären mir andere Dinge durch den Kopf gegangen … 

Stell dir vor, einer hat mich umarmt! Ich war auf einer Geburtstagsfeier im Freien, auf einer Gstettn beim Nordbahnhof, wild wucherndes Gras, Gestrüpp und Unterholz, überwachsene Geleise, „Priklopil-City“, wie Helmut, das Geburtstagskind, den Ort nennt (ganz in der Nähe hat sich Priklopil, der Entführer von Natascha Kampusch, umgebracht), wir sitzen auf großen Steinblöcken im Kreis, in einen Stein in der Nähe hat wer ein Gesicht gemeißelt, immer wieder sehen wir einen großen Hasen, in einem kleinen Teich, der eher eine Pfütze ist, schwimmen zwei Enten, wir, die Geburtstagsgesellschaft, sind vier Schriftsteller, ein Wienerlied-Sänger, der auch Autor und neuerdings Übersetzer ist, sein Sohn, der wahrscheinlich Musiker wird, bzw. schon ist, ein Maler und zwei Burgschauspieler – ein repräsentativer Querschnitt durch die Bevölkerung quasi.
Herrliches, wildes Gelände – der Weg dorthin führt an einer Kneipe vorbei, die heißt ZUR ALM, davor in drei Metern Höhe ein eineinhalb Meter hoher Bierkrug mit schäumendem Bier aus Kunststoff (eine abstoßende Augenweide, absurd und grotesk).
Besonders faszinierend war für mich der Hase, der immer wieder auftauchte, in einem Respektabstand, ein großer, stiller, ernsthafter Bursche – traumhaft, märchenhaft. 
Als einer der Burgschauspieler, der mich vorher nicht kannte, erfährt, wie alt ich bin, nennt er mich „Babyface“ … Daraufhin stürze ich mich sofort auf ihn und würge ihn, was ich u.a. dem Einfluss des Bieres zuschreiben muss. Jedenfalls gebe ich keine Ruhe, bis er mich „Adultface“ nennt. Erst dann lasse ich ab von ihm. Der Mime ist seit einiger Zeit täglich in Ö1 zu hören mit einem Corona-Gedicht. Von mir kriegt er bestimmt keines zum Vorlesen! Später nennt er mich auch noch „Bilgeri-Schüler“, nachdem er erfahren hat, dass ich den „Professor Rock ’n’ Roll“ Reinhold Bilgeri in der Schule als Philosophie-Lehrer gehabt hatte … Das musste der Herr Jedermann allerdings mit einem Zahnverlust büßen. Schweigen wir über die weiteren Vorkommnisse. Mein Freund Uwe hätte gesagt: „Es kam zu Situationen!“ Manchmal geht es eben durch mit mir … Jedenfalls zum Schluss UMARMTE MICH das Geburtstagskind (es hat übrigens gerade Donald Duck ins Wienerische übersetzt, und vor ein paar Tagen war Molden im Radio, weil er gerade Asterix ins Wienerische übersetzt hat – diese Koinzidenzen immer!) – es war das erste Mal seit 6. März, dass mir wer so nahe kam! Ich habe in der Nacht gleich Folgendes darüber geschrieben: „Jemand hat mich umarmt. Es war nicht meine Frau. Jetzt kann ich nicht mehr schlafen. Er hat mich einfach umarmt. Ich habe nicht aufgepasst. Muss ich jetzt sterben?“ Kein Wunder, dass in manchen Ländern wegen Corona ein Alkoholverbot herrscht …
Immer wieder muss ich seither an den großen Hasen denken.

                                    * * *

Liebe Marjana, ich habe den Brief oben stark gekürzt (hoho), inzwischen ist dein Brief eingetrudelt, über den ich mich sehr gefreut habe. Du machst es spannend! Ich danke dir. Weil ich „getrudelt“ geschrieben habe, hier ein Zitat von Kurt Tucholsky, das mich seit Jahrzehnten begleitet: „Lass das Steuer los. Trudele durch die Welt. Sie ist so schön: gib dich ihr hin, und sie wird sich dir geben.“  
Für viele ist die Welt derzeit nicht schön, es sind immer mehr Hilferufe zu hören … Ich bin schwer dafür, dass niemand Existenzängste hat, allen soll geholfen werden, Brot und Spiele, Arbeit und Düfte … Freier Zugang zu allen Theatern, Konzerten, Meeren, Freuden, Aufgaben, Erfüllungen, Freundschaften, Liebschaften, Abenteuern, Liebkosungen, Reisen, Lesungen, Klöstern, Fußballstadien, Minigolfplätzen, Zügen, Schiffen, Bibliotheken, Gasthäusern, Bars, Aussichten, Einsichten … Aus!

Jetzt aber zu deinem Brief: 
Ich mag „euch“, doch, meistens zumindest, nicht alle, aber doch einige, sogar viele, also eher viele als wenige. Wobei ich manchmal, besonders in der warmen Jahreszeit, jemandem, der in der überfüllten Straßenbahn neben mir steht und sich an einer Halteschleife festhält, am liebsten ein Messer in die Achselhöhle rammen würde …  
Deine einäugige Lilly lässt mich an Billie denken (Billie heißt die Katze in meinem „Vater-Buch“) – in Prag war ich früher gern in einem wüsten Lokal, das nannte sich „Zum ausgeschossenen Auge“ (an den originalen tschechischen Namen kann ich mich leider nicht mehr erinnern). Was ist mit Lillys zweitem Auge passiert?
Du: „Parfüm-Roman“, ich: „Vater-Kurzroman“ – über meine Nase habe ich schon viel nachgedacht, darüber vielleicht ein andermal. Stell dir vor, ich hatte sogar einmal eine Lesung vor einer riesigen Nase am Ufer der Donau, einem Kunstwerk der Künstlergruppe Gelitin, „Die Wachauer Nase“, 4 Meter hoch, eine „begehbare Skulptur“ – ich las eigene „Nasen-Texte“ in einem der Nasenlöcher stehend, quasi aus einem Nasenloch heraus … 
Sommer 2017! Du in Klosterneuburg, ich in Kritzendorf. Da wohnten wir nicht weit voneinander, da hätten wir uns treffen können. Aber du hieltest dich auf an so Orten wie Stiftsbibliothek und Klosterzelle, wohingegen ich mich herumtrieb an Orten wie Gasthaus am Silbersee und Sportsbar Happyland. Letztere ist in Klosterneuburg, da fuhr ich mit dem Fahrrad hin von Kritzendorf, der Donau entlang, dort sah ich zwei Fußballspiele des österreichischen Frauenteams, das damals groß aufgeigte bei der Europameisterschaft. Beim zweiten Spiel saß ein schwer betrunkener Mann an der Bar, der irgendwann während des Spieles – er hatte vergessen, was gespielt wurde – immer wieder laut ausrief: „Gemma, Burschen!“ 
Wenn ich an Parfüms in meiner Kindheit denke, fällt mir als erstes meine Oma mütterlicherseits ein. Sie war eine der wenigen Frauen in meinem Umfeld, die von einem speziellen, in ihrem Fall süßlichen, um nicht zu sagen picksüßlichen Duft umwabert war – das passte zu ihrer Kochkunst, denn sie gab auch in die Salatsauce reichlich Zucker … Du schreibst von Süskinds Grenouille, ich denke oft an Süskinds Kontrabass, weil bei uns im Haus ein Kontrabassist wohnt, und ein Ehepaar Schwarz wohnt auch hier. Frau Schwarz gab mir einmal tatsächlich schwarze Luftballons, die sollte ich aufgeblasen im Hof befestigen, die würden die Tauben vertreiben. Und hat nicht Süskind auch ein Buch geschrieben, das Die Taube heißt? 
Dass dir ein Bad in der Menge abgeht, hat mich überrascht.     

Den nächsten Brief beginne ich definitiv erst dann, wenn ich deinen dritten erhalten habe. 
„Trudeln, nicht hudeln!“, rufe ich dir zu. 
Ich freue mich schon auf unsere Zugfahrt ins schöne Tessin …   

Grüße auch an Lilly!
Christian

13. Mai 2020

Lieber Christian,

es fasziniert mich, mit welcher Hingabe und Wärme du über Menschen sprichst. Magst du uns wirklich? Einmal wurde mir in einer Radiosendung die Frage gestellt: „Frau Gaponenko, mögen Sie Menschen?“ Äh, habe ich gedacht und nach langer Stille gesagt: „Ich interessiere mich für sie“ (glaube ich). Wie ist es bei dir? Hast du es geschafft, deinen Verstand und dein Gefühl zu synchronisieren? Ich bin dir jedenfalls dankbar für deinen großartigen Brief, der mich lange beschäftigt hat, vor allem dein trauriges Gedicht über den Verlust eurer Katze. Das Video auf Youtube kann ich mir nicht ohne Tränen anschauen.

Diese Zeilen schreibe ich in meiner Bibliothek an einem ausgeklappten Spieltisch, der mir nun als Schreibtisch dient. Dabei sitze ich mit dem Rücken zum Fenster (anders kann ich mich nicht konzentrieren) und lausche dem Abendgesang eines einsamen Amselmannes. Er singt leiser als sonst, scheint mir, es gibt ja kaum Fluglärm. Auf meinem Schoß schläft die einäugige Katze Lilly. Ab und zu gibt sie ein schnatterndes Geräusch von sich, als verfluche sie eine unerreichbare Beute in ihrem wilden Katzentraum. Neben mir funkeln mehrere Parfümflakons in den Bücherregalen. Wenn ich meine Augen schließe, erinnere ich mich, was ich bis vor kurzem nicht für möglich gehalten hätte, an den Duft in jedem dieser Flakons wie an eine Geschichte. Eine Fähigkeit, die ich dem Training meines Geruchsgedächtnisses zu verdanken habe. Seit drei Jahren brüte ich schon an meinem Parfümroman, bestelle Parfümabfüllungen, teste immer wieder unbekannte Düfte, notiere meine Eindrücke in einer Datei. Das Schnuppern an meinem Handgelenk und an parfümbesprühten Teststreifen ist inzwischen mein Alltag. Es vergeht kein Tag, an dem ich nicht über eine Duftnote oder eine Duftkomposition nachdenke. Manchmal glaube ich sogar Parfüm im Traum zu riechen, ein intensives Gefühl. Angefangen hat alles mit Diors Diorissimo.

Diesen 50-er-Jahre-Maiglöckchenduft habe ich im Sommer 2017 während meines Schreibaufenthalts im Stift Klosterneuburg gekauft – mit dem Gedanken, meine riesige und karge Klosterzelle mit etwas Schönem zu beduften. Damals habe ich an einem Roman geschrieben, in dem es um alte Bücher und einen verliebten Bibliothekar geht, und es war ein großes Glück für mich, dass ich eine Arbeitswohnung im Stift zur Verfügung gestellt bekommen habe (wie es dazu kam, erzähle ich dir gerne auf unserer Fahrt durch den Gotthardtunnel, wenn du magst). In unschuldige Wolken von Diorissimo gehüllt, habe ich also in jenem heißen Sommer eine junge Wissenschaftlerin für ein Interview in der angenehm kühlen Stiftsbibliothek getroffen, eine kluge, freundliche Frau, die meine profanen Fragen genauso geduldig ertragen hat, wie ich ihre kryptischen Antworten. Zum Glück ist sie auf die Vatikanische Bibliothek zu sprechen gekommen, in der sie kurz vorher geforscht hatte. „Ach“, schwärmte sie, „und wie sie duften, die Patres auf den Korridoren. Betörend!“ Ich erinnere mich an ihr genießerisches Lächeln, die halbgeschlossenen Augen und dass mir das Blut ins Gesicht geschossen war. Mein „Ein Geistlicher, der sich parfümiert? Ausgeschlossen!“ ist inzwischen einem „Warum nicht?“ gewichen, bekräftigt durch mein Wissen um die sakrale Ebene des Per-fumum.

Patres als wohlriechende Panther. Dieses Bild hat mich nicht losgelassen, und damals schon in Klosterneuburg habe ich angefangen, mich dem Thema Parfüm zu nähern. Ich finde es erstaunlich, dass dies so spät in meinem Leben stattgefunden hat. Dabei bin in einer parfümierten Welt aufgewachsen, die meisten Frauen in meinem Umfeld trugen Parfüm, meine Mutter, ihre Freundinnen, meine Lehrerinnen, Verkäuferinnen im Lebensmittelgeschäft und, wenn mein Gedächtnis mich nicht täuscht, Ärztinnen. Für diese Frauen muss es in einem menschen- und genussfeindlichen System nicht einfach gewesen sein, sich schön zu fühlen. Dass sie sich nicht aufgegeben haben – in der notorischen Mangelwirtschaft der Sowjetunion, dafür spricht die Tatsache, dass sie Parfüm trugen. Perfume is a promise in a bottle, sagt die aus Weißrussland stammende Parfumeurin Sophia Grojsman. Düfte waren, sind und bleiben in der Tat ein Versprechen für Glück, Erfolg, Anerkennung, Schönheit. Sie motivieren uns aber auch, mehr erreichen, mehr sein zu wollen. Ich erinnere mich, wie mich als Mädchen manchmal Parfümschwaden in einer Warteschlange umwehten, die Hoffnung stirbt wirklich zuletzt. Du fragst mich, was mir in der Coronazeit am meisten abgeht. Reisen, in einer Weltstadt herumspazieren, in der Menge baden, hier und da eine süße Duftspur aufnehmen und ihr wie Süskinds Grenouille eine Zeitlang folgen, in die Körperatmosphäre des anderen eindringen. Social distancing und Mundschutz werden mich leider noch lange daran hindern. Soviel zum Thema Taktgefühl 😉

Bis bald
Marjana

30. April / 1. Mai 2020

Liebe Marjana,

groß war die Freude über deinen kleinen Brief! Ich bin entzückt, dass du Bücher von mir besitzt, sogar Farblose Witze hast du, unglaublich! Diese Publikation ist längst vergriffen, und Reinhold Kirchmayr, der damals die Sache initiiert und die Bilder beigesteuert hat, d.h. er hat Texte und Bilder kombiniert, ist seit langem mehr in Indien als in Österreich, und wenn er in Europa ist, dann hauptsächlich in Ungarn, wo er ein kleines Häuschen besitzt. Keiner kann so schön lachen wie er! Außerdem fällt mir zu ihm sofort ein, dass er einmal einen Sommer lang unterwegs war in Sachen Wäscheklammern … Er suchte die idealen Wäscheklammern, die er für seine Ausstellung im Herbst unbedingt brauchte, wie er sagte. Immer wieder, wenn ich ihn in diesem Sommer traf, hatte er Wäscheklammern dabei, aus verschiedenem Material und in verschiedenen Farben und Größen, es war der Sommer der Wäscheklammern. Als ich dann im Herbst zu seiner Vernissage ging, war ich natürlich sehr neugierig. Die Ausstellung fand in einem recht kleinen Raum statt. Von einer Ecke zur anderen war eine Leine gespannt, an der Zettel mit Wäscheklammern befestigt waren (er hatte sich für die ganz einfachen aus Holz entschieden). Auf jedem Zettel stand ein Buchstabe, von links nach rechts konnte man lesen: „ZIEH LEINE“. – Ich war entzückt, tief entzückt!
Zwei weitere Highlights seiner künstlerischen Ausstellungstätigkeiten: 
Einmal bespielte er einen Kaugummiautomaten. Warf man eine bestimmte Münze ein, ertönte eine Musik (komponiert von Gerald Futscher) und heraus kam eine Plastikkugel, in der sich ein kleines Kunstwerk befand. 
Und ein anderes Mal hatte er bei einer großen Leistungsschau österreichischer Kunst in einem sehr renommierten Museum einen ganzen Raum zugesprochen bekommen, um ihn zu bespielen (um schon wieder dieses Wort zu verwenden). Er vergaß die Sache, war unterwegs in Asien oder weiß der Kuckuck, natürlich nicht erreichbar, und bei der Eröffnung der Ausstellung glänzte sein Raum mit Leere, nur sein Namensschild war angebracht. – Ich muss ihn fragen, wie das wirklich war, im Moment bin ich mir nicht mehr ganz sicher … Ich höre ihn lachen. Was für ein lautes, außergewöhnliches, nicht enden wollendes Lachen! 

Reinhold war auch immer wieder Gast in dem Stadtheurigen, in dem ich lange gearbeitet habe, und über den ich dir tagelang erzählen könnte … Schade, dass du wahrscheinlich nie dort warst. 
Nur ganz kurz: Bis 2013 war ich Pächter dieses Stadtheurigen, den ich zusammen mit einem Freund fast genau zwei Jahrzehnte lang betrieben habe. Ich habe dort alles gemacht, was so anfiel, zumindest die ersten zehn Jahre, von früh bis spät, von Buchhaltung bis Klo putzen, von Kartoffeln schälen bis Kellner sein, von Lieferanten empfangen bis Sperrstunde machen usw. Die letzten Jahre war ich dann nur noch als Kellner tätig, das „Kellnerbein schwingen“ nannte ich die Tätigkeit gern, weil sie für mich viel mit Tanz zu tun hatte, aber auch mit Schauspiel – ich fühlte mich sauwohl in dem Gastgarten, machte während der Arbeit oft Späße, erzählte Lügengeschichten, hatte einen Karl … Irgendwann werde ich über diese Zeit, über die ich tonnenweise Aufzeichnungen habe, ein Buch schreiben, Betonung auf irgendwann. 
2013 hat dann mein Knie nicht mehr mitgespielt, und als mein Freund und Partner Michi im selben Jahr überraschend gestorben ist, er war erst 54, war die Sache für mich erledigt. Ohne ihn und mit marodem Knie wollte ich nicht mehr weitermachen. 
Dass ich von Reinhold auf den Heurigen gekommen bin, hat einen einfachen Grund: Wenn ich in den letzten Jahren gefragt wurde, wie der Heurige so war, musste ich oft als erstes an einen Abend denken, an dem Reinhold für eine größere Gruppe reserviert hatte. Sommer war’s, der ganze hintere Teil des Gartens war für ihn reserviert, ca. 50 Plätze. Er machte eine kleine Vernissage in dem Salettl, das sich in diesem Bereich befindet (ein Salettl ist ein Pavillon, ein kleines Extra-Häuschen). Seine Freundinnen und Freunde trudelten ein, es war eine illustre Gesellschaft, darunter auch einige Kinder. Bald gab es bunte Kreiden, und die Kinder begannen damit den Boden des Heurigen, der aus Beton ist, zu bemalen. Dass du keinen falschen Eindruck bekommst: der Garten wird dominiert von üppigem Grün, es gibt z.B. eine große Fläche, die wild bewachsen ist, eine riesige Wand war damals noch bis zum Dach hinauf mit Efeu bedeckt, zwei Nussbäume, diverse Blumen usw. Vielen, die zum ersten Mal in den Gastgarten kommen, schießt als erstes das Wort „Oase“ in den Kopf. 
Die Wege aber sind aus Beton bis vor zum Eingangsbereich, zum ersten Hof – und bis dorthin bemalten die Kinder den Boden. Es sah großartig aus, ich musste an Graffitis in Berlin und anderen Metropolen denken, ich musste immer wieder über Kinder, die am Boden saßen und lagen, hinwegsteigen, die Getränke auf meinem Tablett führten manchmal einen Tanz auf, fiel nichts zu Boden, hieß es: Keine Scherben bringen Unglück … Aber nichts da, es war ein wunderbarer Abend, und er hatte erst begonnen. Es waren null kinderfeindliche Gäste im Garten (in Wien und bei ca. 120 Sitzplätzen ein kleines Wunder), und Reinholds Freundeskreis war, wie gesagt, ein bunter Haufen. Ein Tisch in dem reservierten Bereich war noch frei, und an dem saß plötzlich ein fremder älterer Herr. Ich sagte ihm, dass hier hinten alles reserviert sei, Reinhold meinte, das passe schon, vielleicht würden eh nicht alle kommen, die er eingeladen hatte. Der Herr, ein sympathischer ca. 60-jähriger Deutscher, meinte, er würde sofort verschwinden, wenn wir den Platz brauchen. Er hatte längeres schütteres Haar, Lausbubenaugen hinter einer Brille, Schalk im Nacken, eloquent … Ich kürze ab: Als ich das nächste Mal nach hinten kam, lag eine Frau vor dem Herrn auf dem Boden. Sie war gerade gestolpert, gestürzt und ausgerechnet vor seinen Füßen gelandet, aus ihrer Handtasche war ein Buch gefallen. Der Herr reichte der Frau die Hand, um ihr aufzuhelfen, da sah er das Buch auf dem Boden und rief sofort aus: „Was, das gibt’s doch nicht!!! Bei dem Autor habe ich in Brasilien wochenlang gewohnt!“ Und sie sagte: „Und ich habe ihn übersetzt!“ Der Herr konnte es kaum glauben, unterhielt sich in der Folge mit der Übersetzerin und bestellte gleich ein weiteres Vierterl. Als ich es ihm brachte, redete er aufgekratzt über den brasilianischen Autor und über den Zufall, ausgerechnet hier in diesem Hinterhof eine seiner Übersetzerinnen zu treffen. Ob ich Martina Schmidt kennen würde, sie habe ihm dieses Lokal empfohlen, und er müsse sagen, es übertreffe schon jetzt alle seine Erwartungen. Ich sagte, natürlich kenne ich Martina, sie war damals die Geschäftsführerin vom Deuticke Verlag, ich hätte schließlich zwei Bücher bei Deuticke veröffentlicht. Er riss Mund und Augen auf und schrie: „WAS HABEN SIE???“ – Er war jetzt völlig aus dem Häuschen. Ich stand vor ihm mit dem Tablett in der Hand, die grüne Schürze umgebunden, der gute Mann starrte mich fassungslos an, rang nach Luft (um nur ein bisschen zu übertreiben), krächzte mit belegter Stimme, er brauche dringend ein weiteres Vierterl … Um ihn herum tobte das Leben, er mittendrin, rotgesichtig, strahlend, trinkend, bedient von einem Autor, am Nebentisch eine Übersetzerin, und damit immer noch nicht genug. Er verriet mir, dass er bis vor kurzem als Buchvertreter in ganz Deutschland unterwegs gewesen sei. Er fragte mich nach meinem Namen und nach meinen Büchern bei Deuticke. Er meinte, der Titel Männer wie uns sage ihm was … Als ich ihm das nächste Vierterl brachte, konnte ich ihn schon wieder überraschen, indem ich meinte, und das war so eine blitzhafte Erkenntnis aus heiterem Himmel: „Ich glaube, wir sind vor mehr als 10 Jahren einmal zusammen an einem Tisch gesessen, und zwar in Frankfurt.“ Der Herr, er hieß Axel, wie ich inzwischen wusste, wunderte sich über gar nichts mehr. Männer wie uns stand damals kurz vor der Veröffentlichung, und der Verlag, also Martina, nahm mich mit nach Frankfurt, wo ich das Buch bei einer Vertreterkonferenz vorstellen sollte. Ich muss leider sagen, ich machte dabei gar keinen guten Eindruck, das Buch war dann auch ein völliger Misserfolg, es hat mir nur Schimpf und Schande eingebracht … Jedenfalls nach der Konferenz begann der gesellige Teil, und ich war mir sicher, dass dieser Axel, der jetzt vor mir saß, damals an unserem Tisch das große Wort führte. Martina sagte mir, es handle sich bei ihm um den deutschen „Starvertreter“ Soundso … 
Sonst passierte auch noch viel an diesem Abend im Heurigen mit Reinhold und seinem bunten Haufen und all den anderen, aber genug. Es war einer jener besonderen Abende, die ich dort oft erlebte. Das noch: Axel tauchte am nächsten Tag gleich wieder auf, umarmte mich zur Begrüßung – wir waren bereits beste Freunde, schließlich kannten wir uns seit über zehn Jahren … Soviel zum Heurigen, nur eine von ca. 1001 Geschichten.     

Nein, ich will dir noch was erzählen von diesem speziellen Ort, z.B. von einem Pferd! Übrigens sehr schön, was du in deinem Brief über Pferde geschrieben hast … Unser Gastgarten wurde an einer Seite von der hohen Feuerwand des Nachbarhauses begrenzt, wir durften diese Wand kaum berühren. Eine Zeitlang hatten wir immer wieder einen Künstler zu Gast, der uns ziemlich auf die Nerven ging. Er wollte uns dazu überrede, dass wir ihm erlaubten, ein riesiges Pferd an die Wand zu malen. 
Was die Wände im Schankraum betraf, wollte eine Künstlerin sie mit Bildern behängen. Sie bot uns eine Ausstellung an mit schmutzigbraunen und dreckigschwarzen Leinwänden, auf die jeweils ein Hundemaulkorb draufgenagelt war. Auch das lehnten wir freundlich, aber bestimmt ab. 
Ein Bild jedoch hing sehr lange im Schankraum, d.h. es hängt heute noch dort, eines von Friedrich Karl Waechter, dem Zeichner und Autor, der Bücher mit so schönen Titeln veröffentlicht hat wie: Wahrscheinlich guckt wieder kein Schwein und Es lebe die Freiheit
Ich habe F.K. Waechter in Salzburg kennengelernt, wo ich fünf Wochen in seiner Cartoon-Klasse auf der Sommerakademie war. Ich habe selten einen so fantasievollen, verspielten und humorvollen Menschen kennengelernt wie ihn. Ich muss jetzt daran denken, was du über Pferde geschrieben hast, genau das könnte ich auch über F.K. Waechter sagen, er war „verspielt, humorvoll, vielseitig interessiert und wach, und es machte mir viel Spaß, mit ihm zu sein und von ihm zu lernen.“ Er war auch bescheiden und zurückhaltend, sehr aufmerksam und taktvoll. Wir zeichneten und blödelten viel, machten diverse Spiele, gingen zusammen in die Disco, und wir durften ihn Fritz nennen. – Da muss ich gleich wieder an die Fliege Fritz denken … Auch F.K. Waechter ist inzwischen tot, er starb an Lungenkrebs, obwohl er nie geraucht hatte. Ein Thema, zu dem wir während der Sommerakademie etwas zeichnen sollten, lautete: „Hilfe, meine Liebste brennt!“ … Es gibt ein unglaublich trauriges Gedicht von seinem Freund Robert Gernhardt, das mit der Zeile beginnt: „Nie werde ich den sterbenden Fritz vergessen.“ Auch Gernhardt ist bereits tot. Jetzt aber zu dem Bild, das ich vorhin erwähnte. Wie gesagt, im Schankraum hängt ein großes Poster von Waechter, das mir meine Evi damals schön rahmen ließ. Es hängt dort seit ewig und zeigt ein kleines Mädchen zwischen zwei großen Katzen, hinter ihnen gähnt ein Abgrund, und über allem steht: „Ist das Leben, ist die Welt / nicht wie unten dargestellt? / Links ein Hund, rechts ein Hund, / vorn ein klaftertiefer Grund?“ In einer Sprechblase sagt das Mädchen: „Ja, so ist es“. Beim Heurigen herrscht Selbstbedienung, was das Essen anbelangt, d.h. bei Hochbetrieb bildete sich vor dem Buffet neben der Schank, wo ich mir die Getränke einschenkte, oft eine längere Schlange. Alle, die dort in der Schlange warteten, bis sie dran kamen, hatten Zeit, sich das Bild in Ruhe anzusehen. Für mich war es oft sehr interessant zu sehen, wie die Leute darauf reagierten. Die Bandbreite reichte von stillem Lächeln bis empörtem Losschimpfen: „Das stimmt ja nicht! Das sind keine Hunde und der Abgrund ist hinten. So ein Blödsinn!“ – Ich liebte es.
Schluss damit, sonst ufert die Sache aus.

Liebe Marjana, ich habe das Gefühl, dich schon lange zu kennen, dich persönlich – Bücher hatte ich ja schon einige von dir gelesen.
Weil du gefragt hast: Ja, ich würde gern mit dir eine Zugfahrt in die Berge machen. In der Schweiz gibt es z.B. sehr schöne Zugstrecken … 
Aber Berge mag ich eigentlich nicht! – Also vom Zug aus gesehen schon, oder vom Hubschrauber, aber sonst … Als ich das letzte Mal auf einem Berg war,  hatte ich Todesangst, denn nach einer ungefähr vierstündigen Wanderung wurde diese plötzlich zu einem Alptraum für mich. Ich sage nur soviel: Herunter vom Berg kam ich mit einem Hubschrauber.  – Das erzähle ich dir aber ein anderes Mal, im Moment will ich gar nicht daran denken, sonst wird mir schwindlig. 

Was das von dir zitierte My name is Fred anbelangt: das ist mir an einem sonnigen Nachmittag in Marseille eingefallen, als ich in einem Café saß und unermüdlich in ein Notizheft kritzelte. Das Café hieß CAFE LE BABY FRED – in meinem Buch Marzipan aus Marseille kommt es vor.

Wo hast du deinen Brief geschrieben? – Ich habe diesen hier zumindest zum Teil an einem Holztisch auf einer Praterwiese geschrieben, d.h. skizziert, mit Aussicht auf herumtollende Hunde, Bier trinkende Menschen, die untergehende Sonne, die in Bau befindlichen Triple Tower …

Viele meiner Fragen aus dem vorigen Brief hätte ich mir sparen können, wenn ich Google gemacht hätte, um’s elegant auszudrücken. Aber wenn man so ein altmodischer Schneckenpostler ist wie ich …

Schreibst du noch an wen handschriftliche Briefe? – Ich an meinen norddeutschen Freund Uwe und an meine Nichte Paula. Uwe ist über 60, wir schreiben uns handschriftlich schon seit ca. 30 Jahren, und Paula ist 12 und hat sich erst vor ca. eineinhalb Jahren einen „Briefkontackt“ mit mir gewünscht – ich muss gestehen, dass ich ihr zwischendurch auch immer wieder mal einen Brief auf dem Laptop schreibe, ausdrucke, in ein Kuvert stecke, zur Post trage … Weil sie jetzt am 4. Mai Geburtstag hat und weil ich vorhin von Cartoons geredet habe: Eins meiner kleinen Geburtstagsgeschenke ist ein Comic, den ich eigens für sie gemacht habe. Auf einem großen schwarzen Karton sind zwei kleine weiße Sprechblasen. In der einen steht: „Mach ja nicht das Licht an!“, in der anderen: „Ich denke gar nicht dran!“  

„Die Welt der Düfte!“ – Corona wirkt sich negativ auf den Geruchs- und Geschmackssinn aus, wie man weiß. Ein Freund von mir hat nach einem schweren Unfall den Geruchssinn verloren, was ihn in eine unglaublich tiefe Krise gestürzt hat … Ich glaube, die Bedeutung des Geruchsinns wird ganz allgemein unterschätzt. – Was meinst du? Bitte entschuldige die läppische Frage.  

Am Mittwoch waren wir wieder beim Balkon-Konzert von Ernst Molden, bereits zum dritten Mal. Er spielt immer am Sonntag und am Mittwoch, jeweils 18 Uhr, am Bass oft sein Sohn Karl. Diesmal spielte er ein Lied, das er für Martina Schmidt geschrieben hat (eben jene, siehe oben!). Molden sprach sehr schön über Martina, der er viel verdanke … Auch ich könnte ein Loblied auf sie singen, obwohl für mich schon nach zwei Büchern Schluss war beim Verlag. Trotzdem: Es waren die goldenen Zeiten! Seit längerem schon wollten Martina und ich wieder einmal zusammen ins legendäre Schwedenespresso gehen, aber es hat ja leider zu. Wie so viele Lokale. Wie alle! Wenn mir früher wer gesagt hätte, es kommt eine Zeit, da hat in ganz Wien und Österreich kein einziges Lokal offen, hätte ich ihm den Vogel gezeigt und ihn für verrückt erklärt. Nicht in meinen schlimmsten Alpträumen … 
Was geht dir am meisten ab in dieser Coronazeit? 
Und was sonst noch? 
Mit Martina ins Schwedenespresso – darauf freue ich mich!  
Vielleicht sollten wir zwei auch besser ins Schwedenespresso, als mit einem Zug in die Berge? 
Ich werde dir vielleicht im nächsten Brief von diesem ganz speziellen Lokal erzählen, falls es dich interessiert.

Mich interessiert oft, wie andere arbeiten. Hast du fixe Schreibzeiten? Regelmäßig und kontinuierlich oder eher eruptiv und phasenweise?
Lieblingsschreibplatz, abgesehen vom Schreibtisch? 

Dein schönster Geburtstag auf dem Filmgelände in Odessa, das klingt gut, obwohl … Hast du sehr darunter gelitten, Außenseiterin zu sein? Warum hattest du diesen Außenseiterstatuts, wie du schreibst?
Du warst acht oder neun, die ganze Klasse wurde von deiner Mutter ins Kino eingeladen … Als ich das las, musste ich sofort an eine Filmproduktion des vorigen Jahres denken: Stell dir vor, ein Kindergedicht von mir wurde verfilmt, und zwar von Kindern. Es gibt ein Berliner Projekt, das nennt sich “Kinder machen Kurzfilm”. Die Kinder einer Schulklasse bekommen Gedichte zur Auswahl für eine Verfilmung – zu meiner großen Überraschungsfreude fiel ihre Wahl auf mein urtrauriges Gedicht Ein trauriges Gedicht, in dem es um den Tod unserer ersten Katze geht, was damals eine Katastrophe war für unseren Sohn, der die Katze als “seinen Bruder” bezeichnete, und der immer wieder sagte, unsere Katze würde bestimmt viel älter werden als eine Katze normalerweise wird, weil sie es bei uns so gut hat – sie starb mit drei Jahren. Wir suchten einen schönen Platz für ihre Asche, wir fanden ihn inmitten von fünf Bäumchen, hier im Prater. Der Tod der Katze war wirklich eine Tragödie, vor allem natürlich für unser Kind. Einen Sommer lang fast jeden Abend Tränen … Jahre später habe ich ein Gedicht geschrieben über den Tod der Katze, und wieder ein paar Jahre später haben jetzt, also Ende 2019, Kinder in Schwedt (Uckermark) in einer Projektwoche mit vier Profis aus Berlin ein kleines Filmchen über das Gedicht gemacht. Ich war eingeladen zu Workshop, Lesung, Gespräch (die erste Frage an mich, von einem aufgeweckten 12-jährigen: “Wie viel verdienen Sie?”), also ich habe die Kinder ein bisschen kennengelernt – schön war das! Und kurz vor meinem Geburtstag, nein, kurz vor Weihnachten habe ich den fertigen Film bekommen, den ich jetzt auch dir zeigen will:
https://www.youtube.com/watch?v=zDCnk6PKRv0

Tote Katze, tote Fliege, toter Fritz, toter Robert, tote Hose, totes Versprechen … Ja, ich habe mein Versprechen gebrochen! Ich wollte dir doch diesmal einen kürzeren Brief schreiben. Von Goethe gibt’s was Schönes über lange und kurze Briefe – vielleicht finde ich’s wieder …

Alles Liebe Gute Schöne,
Christian

PS: Ich habe von dir geträumt! Es war ein sehr schöner Traum, aber der geht sich jetzt nicht mehr aus, das heißt … Nein, ich erzähle ihn dir im nächsten Brief, versprochen! 

27. April 2020

Lieber Christian Futscher,

dein Brief ist wunderbar. Ich danke dir! Auch ich habe einige deiner Bücher in meiner Bibliothek. Weißt du, welches ich ganz besonders liebe? – „Farblose Witze“. Es liegt gerade vor mir. Auf der ersten Seite steht:

My name ist Fred
I´m not afraid of being dead.

Diese Worte entstammen dem Schnabel eines auf einer Landstraße stehenden Hahns. Er scheint zu lächeln, auf jeden Fall bestens gelaunt zu sein, und das, obwohl sein Federkleid ramponiert ist. Im Hintergrund sieht man einen sich entfernenden Geländewagen. Vor zehn Jahren, als dein kleines Bilderbuch erschien, fand ich diesen Fred einfach nur lustig. Je länger ich ihn aber jetzt betrachte, umso mehr Zweifel kommen in mir auf, was die Form betrifft, in der sich dieser Vogel befindet. Wurde er, da überall Federn herumliegen, vom Geländewagen angefahren und ist doch durch ein Wunder am Leben geblieben? Oder ist er bereits tot und steht als Geist mitten auf der Landstraße? Neulich habe ich in Tschechows Erzählung „Das Drama auf der Jagd“ folgende Zeilen entdeckt:
„Psychiater berichten von einem Soldaten, der bei Waterloo verwundet wurde, den Verstand verlor und später jedem versicherte und selbst daran glaubte, dass er bei Waterloo gefallen sei und dass das, was man jetzt für ihn halte, nur sein Schatten sei, eine Widerspiegelung der Vergangenheit.“
Noch eine Option, um auf den Fred zurückzukommen.
In deinem Brief wirkst du sehr dynamisch auf mich, das ist kein Kompliment, bloß eine Feststellung. Ich frage mich, wie es wäre, dir gegenüber in einem Zugabteil zu sitzen. Würdest du viel reden, oder würdest du schweigend aus dem Fenster schauen? Hoffentlich lernen wir uns mal kennen, z. B. auf einer Zugfahrt in die Berge. Was meinst du, lieber Christian Futscher? Magst du Berge?
Du fragst mich nach meinem Corona-Alltag. Es hat sich wirklich wenig verändert, außer dass ich noch zurückgezogener lebe als zuvor. Tagsüber schreibe ich an meinem Buch (es geht um die Welt der Düfte), abends bin ich im Stall bei meinen Pferden (ja, das stimmt). Sie sind verspielt, humorvoll, vielseitig interessiert und wach, und es macht mir viel Spaß, mit ihnen zu sein und von ihnen zu lernen. Das Wichtigste, was ich in den letzten Jahren von meinen Pferden gelernt habe, ist Taktgefühl. Zu meinen Lieblingsbüchern gehören u.a.: Aus dem Leben eines Taugenichts von Joseph von Eichendorff, Utz von Bruce Chatwin, Glut von Sandor Marai, Rot und Schwarz von Stendhal, Ein gewisses Lächeln von Françoise Sagan sowie Aus dem Tagebuch von Witold Gombrowicz. Momentan lese ich Der geträumte Duft von Jean-Claude Ellena. Einen runden Geburtstag habe ich erst in zwei Jahren. Mein schönster Geburtstag ist schon etwas länger her. Ich muss acht oder neun geworden sein. Es war eine große Party, die ich meiner Mutter zu verdanken habe. Damals arbeitete sie im Filmstudio von Odessa und lud meine gesamte Schulklasse zu einer Zeichentrickaufführung in einem der Kinosäle auf dem Gelände des Filmstudios ein. Am Ausgang gab es eine Schachtel Konfekt für jedes Kind. Bemerkenswert: Trotz dieser legendären Einladung änderte sich an meinem Außenseiterstatus in der Klasse nichts. Ob ich gern reise? Oh ja! Meine Reisen waren bisher Bildungs-, Lese- oder Vergnügungsreisen und meistens kurz. Und dein Brief war genau richtig. Ich freue mich auf deinen nächsten.
Herzlichst
Marjana

Wien, 23. April 2020

Liebe Marjana Gaponenko,

kurz nachdem ich gestern erfahren hatte, dass wir uns in den nächsten Wochen Briefe schreiben würden, zog ich eines deiner Bücher aus dem Regal, das Buch Annuschka Blume, schlug es auf und konnte gleich zu Beginn lesen: „Liebe Anna Konstantinowna, es wird ein langer Brief werden. So einen Brief haben Sie in Ihrem Leben noch nicht bekommen. Sollten Sie ihn gewogen haben, haben Sie sicher bemerkt, dass er exakt das Gewicht einer Woche hat: dreißig Gramm! Ist das nicht entzückend?“ – Ich war entzückt, um dieses hübsche Wort aufzugreifen, als ich das las, und deutete es sofort als gutes Vorzeichen, was unseren Briefwechsel anbelangt. Und bei den 30 Gramm musste ich sofort an Dirk Stermann denken, der in der Sendung „Willkommen Österreich“ auf die Frage, wie viel Gewicht er während der ersten Woche in Quarantäne schon  zugenommen habe, geantwortet hat: „30 Gramm.“ Ich glaube, es war auch in dieser Sendung, dass einer vom Duo Maschek den folgenden Witz erzählte: „Sagt ein Mann zu seiner Freundin: ‚Lass uns heiraten!’ Sagt sie: ‚Ich kenne nur den weißen.’“ –  Ich bin stolz auf mich, dass ich den Witz nach einigen Sekunden intensiven Nachdenkens verstanden habe, er ist für mich schon jetzt der Witz des Jahres. Kleiner Hinweis zum Verständnis: „heiraten“ kann man auch so hören: „Hai raten“ … Liebe Marjana, ich hoffe, du hast jetzt nicht genervt ausgerufen: „Das kann ja heiter werden!“ oder so etwas Ähnliches.

Wie gesagt, der Anfang deines Buches ist für mich ein gutes Zeichen, ich freue mich auf die Briefe von dir, unser Briefwechsel wird, wie ich schon in der E-Mail im Vorfeld geschrieben habe, eine Reise in die Ferne, ein Nachtflug, ein Tanz vor dem Gewitter … Diese drei Lyrikbände von dir stehen auch bei mir im Regal, außerdem noch zwei deiner Romane. Ich hoffe, du hast auch Bücher von mir, du musst nicht sagen, welche das sind. Schluss damit, reden wir von etwas anderem! Um auf Annuschka Blume zurückzukommen, hier vor meinem Fenster blüht derzeit eine japanische Zierkirsche in voller Pracht, d.h. es befinden sich schon mehr von den rosaroten Blüten unter dem Baum als auf dem Baum. Vorgestern gab es hier geradezu einen Blütensturm. Der Wind riss von den Bäumen die Blüten, wirbelte sie durch die Luft. Jetzt sind der Gehsteig und die Straße, vor allem der Straßenrand, dicht bedeckt mit den Blüten, man kann darin waten, es ist eine ganz besondere Zeit, sie dauert nur ca. zwei Wochen im Frühling, alle Jahre wieder warte ich darauf, und heuer hingen an der Zierkirsche auch sechs bunte Luftballons, die waren dort für mich aufgehängt, anlässlich meines runden Geburtstages, der anders ausfiel als geplant, ganz anders. Eigentlich wollte ich ihn in Venedig feiern. Ich hatte bei der Literar Mechana wieder einmal um die Wohnung in San Polo angesucht, in der Autorinnen und Autoren alle drei Jahre für ca. zwei Wochen gratis wohnen können, wenn sie wollen, ich hatte zum ersten Mal einen Terminwunsch geäußert, und der wurde mir erfüllt. Die Vorfreude war groß, ich würde den besonderen Geburtstag in Venedig feiern, meine Frau würde die ganze Zeit bei mir sein, mein Sohn fünf Tage, meine zwei Schwestern auch ein paar Tage, mein Busenfreund und seine Freundin hatten in einer nahe Pension gebucht, ich würde in der Cantina DO SPADE (Zwei Schwerter) feiern, eine Woche davor wollte ich im LÖWEN in Feldkirch vorfeiern – beides fiel ins Wasser, nicht einmal eine kleine Feier im WILD in Wien war möglich. Egal, ich bin eh kein großer Feierer! Mein Geburtstag letzten Sonntag war trotzdem großartig! Zum Essen kam unser Sohn, er saß zwei Meter entfernt von uns. Später standen wir am Fenster (wir wohnen Hochparterre), vor uns die blühende Zierkirsche, von meiner Frau zusätzlich verziert mit den Luftballons, unten auf dem Gehsteig inmitten der Blüten standen meine zwei Schwestern und mein Schwager, der Bruder und eine Nichte waren per Video auch kurz mit von der Partie, es gab Sekt, der Nachbar kam zufällig vorbei (er reichte mir später durchs Fenster ein Geschenk herüber, unsere Wohnungen grenzen aneinander), ein zweiter Nachbar kam vorbei, mit seiner Freundin, die beiden legten mir später Rosen und ein hübsches Kärtchen vor die Haustüre, Passanten machten lustige Bemerkung, freuten sich über die Sektpartie auf dem Gehsteig … Am Abend spazierten wir ca. 20 Minuten zu dem Haus, in dem der gute Ernst Molden wohnt. Pünktlich um 18 Uhr gab er auf seinem Balkon ein Konzert vor ca. 200 Leuten. Er wurde von seinem Sohn am Bass begleitet. Unser Sohn besorgte bei der nahen Tankstelle Bierchen – alles war perfekt. Ein ganz besonderer Geburtstag, unvergesslich. 

Wie schaut dein Alltag derzeit aus?

Kannst du der „Corona-Zeit“ auch Positives abgewinnen?
Ich habe gelesen, dass du Pferde sehr magst und sogar selber Pferde hast. Wir hatten bis vor kurzem eine Katze, sie hieß Chelsea und hatte Diabetes. Morgens eine Spritze, abends eine Spritze. Nach ihrem Tod war da plötzlich eine Fliege in unserer Wohnung, die sich ungewöhnlich verhielt für eine normale Stubenfliege, sie verhielt sich ähnlich wie die Katze. Wir schlossen sie ins Herz und gaben ihr den Namen Fritz. Fliege Fritz war unser neues Haustier. Wir recherchierten, wie lange eine Fliege lebt. Fritz lebte viel länger als angegeben. Er begleitete uns monatelang. Ich konnte lüften wie ich wollte, nie verließ Fritz unsere Wohnung. Er sah mir neugierig zu, wenn ich kochte, und wenn ich ein Buch las, ließ er sich auf der aufgeschlagenen Seite nieder. Er besuchte mich auch gern im Bett … Einmal, als ich nach zwei Wochen Abwesenheit wieder nach Hause kam, flog er mir entgegen, berührte mich an der Nase, setzte sich auf meinen Arm … Jeden Tag freute ich mich darauf, Fritz zu sehen! Er war gern in unserer Nähe. Sah ich ihn einmal längere Zeit nicht, machte ich mir Sorgen. Die Wiedersehensfreude war jedes Mal sehr groß, auf beiden Seiten, wie ich meine. Als Fritz plötzlich tagelang nicht mehr auftauchte, mussten wir das Schlimmste befürchten. Aber bevor ich nicht seine Leiche gesehen hatte, weigerte ich mich zu akzeptieren, dass er tot war. Schließlich fand ich Fritz in einer Ecke des Wohnzimmers. Er war kleiner als zu Lebzeiten. Seither ruht er in einem offenen Grab: in einem Drehverschluss einer Weinflasche, Öffnung nach oben, im Bücherregal vor dem Buch Tubutsch von Albert Ehrenstein. – Ich habe dir jetzt von Fritz erzählt, obwohl mir meine Mutter quasi verboten hat, von ihm zu erzählen. Sie macht sich Sorgen um meinen Geisteszustand, d.h. sie macht sich Sorgen, dass man mich für plemplem halten könnte, wenn ich von Fritz erzähle …  

Dieser Brief ist ein Jungbrunnen für mich! Stell dir vor, ich fühle mich jetzt jünger als noch vor dem Brief. Ich bin schon neugierig, wie du auf ihn reagieren wirst. Ich liebe es, Briefe zu schreiben. Da darf ich Fehler machen, muss nicht druckreif sein. Und ich darf auch ausufernd sein. Darf ich doch? Dwarf heißt Zwerg und brief heißt kurz. 

                                    * * *

Nächster Tag, Fortsetzung
Liebe Marjana, als ich gestern an diesem Brief schrieb, kam ein Anruf von meinem Freund Johnny herein. Ob ich ihn nicht am Donaukanal treffen wolle? Aber sicher, aber immer. Am Ufer sitzen, Sonne tanken, Bierchen trinken und dem Wasser beim Fließen zuschauen. Ich will dir kurz von Johnny erzählen.
Er ist arbeitslos, war bis vor ein paar Jahren Nachtportier im besten und coolsten Hotel von Wien, im Kaiserhof am Brillantengrund. Musikgrößen wie Element of Crime, Rocko Schamoni, On + Brr  u.a. sind in dem charmanten Hotel abgestiegen. Ich habe Johnny immer wieder während seiner Nachtdienste besucht, einmal habe ich sogar Silvester dort gefeiert. Johnny hat viele gute Geschichten auf Lager, was das Hotel anbelangt, er hat dort viel erlebt. Vor ein paar Jahren ist seine letzte große Liebe gestorben, das war ein harter Schlag für ihn. Er hat fünf Kinder mit vier Frauen, die sich übrigens alle gut miteinander verstehen, bzw. verstanden, auch die vier Frauen. Er war früher zeitweise als Tanzmusiker und Schauspieler in ganz Österreich unterwegs. Er hat nach wie vor immer wieder große Pläne, tut sich aber schwer damit, sie in Angriff zu nehmen und in die Tat umzusetzen. Derzeit versucht er seit über einem Jahr, seine neue Wohnung wohnlich zu machen. Er haust in einem Durcheinander, das an einen Flohmarkt erinnert. Als ich das letzte Mal bei ihm war, sprach er davon, dass er seit Wochen überlege, wie er es angehen solle, die Wohnung auf Vordermann zu bringen. Zum Glück habe er in Asien vom Buddhismus gelernt, dass ein Berg aus Sand auch dann irgendwann verschwindet, wenn eine Taube täglich nur ein einziges Sandkorn entfernt. Ich rief aus: „Mann, wie alt sind wir? So lange haben wir nicht mehr Zeit!“ Apropos Zeit: Ein anderes Mal, das ist bestimmt schon zwei oder drei Jahre her, trafen wir uns bei einem Kiosk. Er zeigte mir stolz ein großes dickes Buch mit leeren Seiten. Er habe vor, mit dem Schreiben zu beginnen. Im Laufe unseres Gesprächs, in dem es wieder einmal darum ging, was man nicht alles machen könnte, wenn man sich nur dazu aufraffen würde, zitierte ich einen meiner Lieblingssätze von Charles Bukowski: „Die Zeit ist zum Verplempern da.“ – Johnny war hellauf begeistert, geradezu elektrisiert! Er wisse schon, warum er mich gern treffe, ich würde jeden Therapeuten ersetzen, und er schrieb den Satz auf die erste Seite seines Buches. Als ich Johnny Monate später wieder traf, stand in dem Buch immer noch nicht mehr drin als dieser eine Satz. Und bis heute hat sich daran nichts geändert. Auch gestern kam der Spruch wieder zur Sprache, nachdem Johnny, am sonnigen Nachmittag im Grase sitzend, ein Bier in der einen Hand, eine Selbstgedrehte in der anderen, über die Corona-Zeit den schönen Satz sagte: „Ich würde in ein paar Monaten gern sagen können, ich habe die Zeit gut genützt.“   

Ich musste aufbrechen, weil mich eine Freundin um 18 Uhr besuchen wollte. Anna habe ich 2013 in Târgu Mureș kennengelernt, sie lebt seit einigen Jahren in Wien, und hat mich per SMS so schön gefragt: „Kann ich Fensterbesuch machen?“ – Eine Nachwehe meines Geburtstages. Sie brachte ihren Freund Risto mit, ich bekam noch einmal Geschenke, es gab wieder Sekt: die beiden unten auf dem Gehsteig unter der japanischen Zierkirsche, ich oben am Fenster … Risto ist der Sänger und Geiger der Band Hotel Balkan. Das erwähne ich aus dem Grund, weil wir am 6. März auf einem Konzert von ihm waren, und das war ein besonderer Abend, u.a. deshalb, weil es der letzte Abend war, an dem ich Menschen, die nicht meine Frau waren, gebusselt und umarmt habe. 
Die Geschichte, wie ich Anna kennengelernt habe, muss ich dir auch einmal erzählen, die ist sehr erzählenswert. Ich liebe sie!  

Abschließend noch eine grobe Skizze meines derzeitigen Alltags (weil mich der von dir auch interessieren würde):
– Schreiben im Bett (Gedichte)
– Frühstück
– Schreiben am Schreibtisch (Kleiner Roman, Auftragsarbeiten)
– Mittagessen
– Lesen auf dem Sofa
– Schreiben am Wohnzimmertisch (E-Mails, Briefe, Pipapo) 
– Ein bis zwei Stunden spazieren, mit meiner Frau (Prater, Donaukanal, Donau, Donauinsel …)
– Abendessen
– Zwei Folgen einer Netflix-Serie
– Lesen im Bett 

So in etwa.

Und ganz abschließend noch ein paar Fragen:
– Arbeitest du an einem neuen Buch?
– Stimmt das mit den Pferden?
– Wie geht es dir?
– Hast du bald einen runden Geburtstag?
– Was war dein bisher schönster Geburtstag?
– Hast du eines oder mehrere Lieblingsbücher?
– Was liest du gerade?
– Reist du gern?
– Ist dieser Brief zu lang?

Uff!

Dieses war der erste Streich …

Alles Liebe Gute Schöne,
Christian 

PS: Der nächste Brief wird kürzer, versprochen!

Cara Roberta. ist ein Kooperationsprojekt von Literaturhaus Liechtenstein, Literaturhaus & Bibliothek Wyborada, dem SAAV und literatur.ist.