Datum
21.05.2020
Cara Roberta.
Ein Briefwechsel zwischen Unbekannten. Gabriele Bösch und Peter Gilgen. April bis Mai 2020
Kategorie
Projekt
Schlagworte
Peter Gilgen und Gabriele Bösch

20. Mai 2020

Liebe Gabriele,

meine Antwort auf Deinen Brief ließ lange auf sich warten. Das hat zwar mit den Auswirkungen der Coronakrise zu tun, aber es gibt in unserem Fall keinen Anlass zu Sorge. Wir halten uns seit zwei Monaten in unserem Haus auf und machen nur ab und zu einen kleinen Spaziergang. Diese Woche ist das Wetter besser geworden, nachdem es Anfang Mai noch zweimal schneite. Alles im Garten blüht. Die Bäume, die letzte Woche noch kahl waren, tragen mittlerweile Blätter, die man fast beim Wachsen beobachten kann. Jeden Abend, wenn ich zum Küchenfenster hinausschaue, wird die Waldwand undurchdringlicher.

Schon beim ersten Lesen Deines Briefes wollte ich so manche Bemerkung dazwischenwerfen: etwa dass ich mit den Herausforderungen der Pflegefrauen, die sich um alte und demente Patienten kümmern, vertraut bin. Meine Mutter, die in Liechtenstein lebt, wird seit gut zwei Jahren abwechselnd von verschiedenen Pflegerinnen betreut. Alle von ihnen kommen aus osteuropäischen Staaten. Die meisten haben ihre eigenen Familien, die sie unter normalen Umständen nur alle drei Wochen zu sehen bekommen und jetzt, aufgrund der verschärften Lage, sogar nur alle sechs Wochen. Die jetzige Betreuerin sagte mir letzte Woche am Telefon, dass sie nun jeweils vor Dienstantritt im Landesspital Vaduz einen Covid-19-Test machen müsse. Das sei die neue Vorschrift, um die betreuten Menschen zu schützen. Obwohl dieses Erfordernis ihr zusätzliche Umstände bereitet – ich vermute, dass sie fast einen Arbeitstag dadurch verliert, da sie kein eigenes Auto besitzt und auf den öffentlichen Verkehr angewiesen ist –, beklagte sie sich mit keinem Wort. Ganz im Gegenteil: Sie lobte die Maßnahme, weil dadurch die Schwächsten geschützt würden. Und diese Frau, die ich nur als Telefonstimme mit slawischem Akzent kenne, sagte mir auch sehr eindringlich, dass ich mir keine Sorgen um meine Mutter machen müsse.

Liebe Gabriele, ich vermute, Du wirst mich verstehen, wenn ich Dir schreibe, dass ich in diesem Moment gerührt und zugleich erschüttert war: gerührt von der tatkräftigen Sorge, die aus den Worten dieser Frau sprach, und erschüttert, weil ihre anpackende Hilfsbereitschaft sich so deutlich abhebt von der Empathieermüdung, die nach Wochen des sogenannten Lockdowns allenthalben zu beobachten ist. Schlimmer noch als die rasch aufgebrauchte Solidarität ist ein allgemeiner Mangel an Fantasie. Waren am Anfang der Krise noch zahlreiche Stimmen im öffentlichen Diskurs zu vernehmen, die darauf pochten oder wenigstens darauf hofften, dass es nach der Bewältigung dieser enormen Herausforderung keine einfache Rückkehr zur gesellschaftlichen und politischen Normalität geben könne, so scheint sich das Blatt allmählich zu wenden. Das liegt auch und vielleicht sogar vor allem daran, dass sich die Diskussion zunehmend um eine unselige Kostenrechnung dreht, die Menschenleben und wirtschaftliche Verluste miteinander verrechnet, als wäre unsere Wirtschaftsordnung ein unabänderliches Naturgesetz. Als wären die ohnehin Alten und Schwachen den Preis ihrer Rettung nicht wert. 

Hier ist eine einfache Frage, die sich ohne Mut und Fantasie nicht zufriedenstellend beantworten lässt: Handelt es sich bei der ganzen Angelegenheit wirklich um ein Nullsummenspiel zwischen den für die Krankheit Anfälligen und denjenigen, die am meisten an den wirtschaftlichen Folgen zu leiden haben – den Kleinunternehmern, den Selbständigen, den Arbeitnehmern, die um ihre Stelle fürchten oder sie schon verloren haben oder wie hier in den USA kräftige Lohnabstriche in Kauf nehmen müssen? 

Und gleich noch eine weitere Frage: Wie kann es sein, dass in der Anfangsphase der Coronakrise in Amerika, das Vermögen der US-Milliardäre in nur 23 Tagen, vom 18. März bis zum 10. April, um 9.5% oder 282 Milliarden Dollar anstieg, während gleichzeitig 22 Millionen Amerikaner arbeitslos wurden (mittlerweile sind es über 36 Millionen), von denen viele mit der Stelle auch ihre Krankenversicherung verloren? Jeff Bezos, Gründer von Amazon und derzeit reichster Mensch auf Erden, darf sich einen neuen Geldspeicher bauen, denn seit Anfang Jahr hat sich sein Vermögen um märchenhafte 25 Milliarden vermehrt. Ich wage zu sagen: fast ohne sein Zutun. (Diese Zahlen entnehme ich übrigens nicht irgendeinem revolutionären Manifest, sondern einer Meldung vom 1. Mai auf der Webseite businessinsider.com, die zur für konservative und gutbürgerliche Leser unverdächtigen Axel-Springer-Verlagsgruppe gehört.)

Es passt zu dieser Geschichte, dass Whole Foods – eine gehobene Supermarktkette, die 2017 von Amazon, dieser über alle Maßen erfolgreichen Firma, die keinen Dollar Steuern bezahlt, übernommen wurde – seine Angestellten schon im März dazu aufforderte, die ihnen zustehenden bezahlten Ferien ihren erkrankten Kollegen zur Verfügung zu stellen, damit diese der Arbeit fernbleiben dürfen. Auch wenn solche Zustände in Europa noch nicht denkbar sind, ist die ihnen zugrunde liegende Logik auch drüben längst allgegenwärtig. Denn auch innerhalb der europäischen Staaten gibt es einen Umgang mit dem Krankheitsrisiko, der bestehende soziale Ungleichheiten verstärkt und auf eine zweigeteilte Gesellschaft hinausläuft: Auf der einen Seite gibt es die Schützenswerten, die zu den wirtschaftlichen, politischen und kulturellen Eliten gehören und die zum Teil sogar von der Krise profitieren. Auf der anderen Seite stehen die Verlierer, die Minoritäten, die Flüchtlinge, die Ungebildeten, die Arbeitslosen, die Behinderten – alle die im gesellschaftlichen Wettbewerb von Anfang an benachteiligt waren und den Anschluss verloren haben. Die besondere politische Tragödie besteht darin, dass viele dieser Habenichtse sich noch immer zum Mittelstand gehörig wähnen und sich von den falschen Versprechungen und Verschwörungstheorien populistischer Politiker verführen lassen. Fast ohne es zu merken, verfallen sie dem neuen Faschismus und tragen ihn immer weiter in die gesellschaftliche Mitte, wenn sie anderen Benachteiligten – gestern waren es die Flüchtlinge, heute sind es die Alten und Kranken – die Solidarität aufkündigen, in der Hoffnung aus dem Verteilungskampf um die wenigen Almosen der Regierung selbst als Sieger hervorzugehen.

Noch etwas anderes stört mich an den vielen öffentlichen Protesten gegen die von den Regierungen verordneten Maßnahmen: In Ländern wie Deutschland oder Österreich führen lautstarke Kritiker die relativ niedrigen Infektions- und Todesraten als Beweis dafür an, dass die ganz Krise aufgebauscht sei und vor allem dazu diene, die Bevölkerung durch Notrechtsverordnungen zu entrechten. Um solche Skeptiker von ihrem Irrtum zu überzeugen, bräuchte es ein Alternativuniversum, in dem nichts gegen die Verbreitung von Covid-19 unternommen worden wäre. Erst das volle Ausmaß der Katastrophe würde die Kritiker widerlegen. Dabei sollte nicht vergessen werden, dass solche Alternativszenarien tatsächlich existieren, wenn auch in begrenzterem Rahmen: In Norditalien und New York City, zwei der am schwersten heimgesuchten Orte, kamen die Schutzmaßnahmen zu spät, um die Katastrophe zu verhindern. Ich werde die Bilder von Massengräbern in New York nie vergessen. Zugleich setzt Schweden bewusst auf Herdenimmunität und nimmt dafür den Tod von Tausenden in Kauf, in der Hoffnung, bei späteren Ausbrüchen viele Todesfälle verhindern zu können. Das mag plausibel klingen. Doch die Strategie ist unter Fachleuten umstritten. Die überwiegende Mehrheit der Virologen glaubt nicht an ihren Erfolg. Es sind allerdings nicht allein diese fachlichen Einwände, die mich nachdenklich stimmen. Es ist etwas Grundlegenderes: Ich kann mich nicht an den Gedanken gewöhnen, dass ganze Bevölkerungsgruppen ungefragt einem vermeidbaren Risiko ausgesetzt werden sollen zum Wohle der Jüngeren und Gesünderen und wohl auch Reicheren. Sind die Leben der Alten und Schwachen weniger wert?

Es ist, als ob ein Rettungsschwimmer am Flussufer tatenlos zusähe, wie ein Schwimmer ertrinkt, nur weil er vermutet, dass er demnächst zwei andere wird retten müssen. Würden wir diesen Bademeister für seine Weitsicht loben? Was, wenn es ihm später tatsächlich gelänge, zwei andere in Not Geratene zu retten, weil er noch frisch und auf seinem Posten ist? Würden wir ihm die besondere Kaltblütigkeit, die es brauchte, um den ersten Schwimmer ertrinken zu lassen, hoch anrechnen? Würden wir wollen, dass ein solcher Bademeister über unser Leben wacht? 

Es sind solche Rechnungen, die mir nicht aus dem Kopf gehen. Ich nehme nicht in Anspruch, es besser zu wissen, und glaube, dass es fatal ist, wenn wir hier allzu schnell in ein Schwarz-Weiß-Denken verfallen. Ich zweifle nicht daran, dass auch die schwedischen Behörden nach bestem Wissen und Gewissen versuchen, medizinisch gute und moralisch vertretbare Entscheidungen zu fällen. Erst am Ende wird sich zeigen, wer die beste Bilanz hat. Was mich aber bedrückt, ist gerade dieses Rechnen, die Rede von der Bilanz, das ökonomische Denken, das darüber bestimmt, was dieses oder jenes Leben wert sein soll. Ohnehin wird in unserer durchökonomisierten Gesellschaft zu oft Wert als bloßer Preis missverstanden. Was uns dies oder jenes kostet, ist aber eine ganz andere Frage als: Was ist es uns wert?

Ich weiß, dass die Frauen, die meine Mutter betreuen, sich sehr um sie kümmern. Sie tun ihr gut, weit über die eigentliche Hilfe hinaus. Es gab die eine oder andere, die den Job nicht lange machen konnte, weil er zu anstrengend und aufreibend ist. Oder weil sie Heimweh nach ihrer eigenen Familie hatte. Diejenigen, die nach dem ersten Einsatz wieder gekommen sind, haben alle etwas Resolutes und zugleich Herzliches. Sie erzählen meiner Mutter von ihren Familien, von der Landschaft und vom Essen bei ihnen zuhause. Wenn es innerhalb Europas kein dramatisches wirtschaftliches Gefälle gäbe, könnten die meisten Betreuten sich diese Hilfe nicht leisten. Ähnliches gilt in fast allen Pflegeberufen. Die Covid-19-Krise hat das deutlich gemacht. Man spendet den Krankenpflegern, Ärztinnen und Betreuerinnen Beifall und lobt sie als Heldinnen unserer Zeit. Ob dies etwas an ihrem Status und dem Gesundheits- und Pflegesystem insgesamt ändern wird, sobald die Krise vorüber ist, wird sich zeigen. Ich vermute, dass die während des Lockdowns gewonnenen Einsichten, als die Menschen in ihren Häusern und Wohnungen auf sich gestellt und gezwungen waren, über die alltäglichen Abläufe, die plötzlich nicht mehr spielten, nachzudenken, sich bald nach der Normalisierung wieder verflüchtigen werden. Schon jetzt wollen die meisten nichts mehr, als sich wieder dem Vergnügen hingeben zu können. Nicht dass daran etwas falsch wäre. Ich gebe zu, dass auch ich mir die Rückkehr unbeschwerter Lebensfreude wünsche, die sich zur Zeit irgendwo im Dunkeln verkrochen hat. Doch muss eins das andere ausschließen? Könnte nicht die wiedergewonnene Freude uns dazu bewegen, unsere Prioritäten zu überdenken und für mehr Gerechtigkeit einzustehen?

Es könnte sein, dass diese Krise noch lange nicht ausgestanden ist oder dass es in einem Auf-und-Ab immer wieder neue Infektionswellen geben wird. An meiner Universität ging letzte Woche das Frühlingssemester zu Ende. Prüfungen und Abschlussarbeiten stehen noch aus. Alles findet seit Mitte März auf virtuelle Weise statt. Schon seit ein paar Wochen steht fest, dass in diesem Jahr Sommerkurse, -konferenzen und alle sonstigen Veranstaltungen, Konzerte, Aufführungen und Ausstellungen ausfallen werden. Wie im Herbstsemester Vorlesungen und Kurse abgehalten werden sollen, steht noch in den Sternen. Alle paar Tage erhalten wir von höherer Stelle eine Zusammenfassung der neuesten Maßnahmen und Beschlüsse. Dabei werden auch die Konkurrenzinstitutionen genau beobachtet. 

Einzelne Universitäten haben bereits angekündigt, im Herbst ganz auf den Präsenzunterricht zu verzichten. Andere haben die Krise zum Vorwand genommen, um unrentable Abteilungen (oder was dafür gehalten wird, nicht immer mit guten Gründen) zu schliessen und die Personalkosten durch Entlassungen soweit zu reduzieren, dass sie die erwarteten finanziellen Einbußen im Herbst auffangen können. Es zeichnet sich ab, dass viele angehende Studenten davon absehen werden, in diesem unguten Jahr ihr Studium zu beginnen. Manche unter den Fortgeschritteneren werden ein Zwischenjahr einlegen, denn wer will schon die hohen Studienkosten – an den führenden Privatinstitutionen mittlerweile mehr als 50’000 Dollar pro Jahr – für besseren Fernunterricht bezahlen? 

Man kann davon ausgehen, dass dieser Geschäftseinbruch längerfristig eine große Anzahl von Universitäten ruinieren wird. Eine Hochschulbildung wird ein exklusiveres Gut werden, und das schon heute im amerikanischen Bildungssektor sehr ausgeprägte Kastensystem wird sich weiter verfestigen. All diese Tendenzen würden sich exponentiell verstärken, falls das social distancing über einen längeren Zeitraum aufrechterhalten werden müsste oder wenn es eine massive zweite oder gar dritte Corona-Welle mit entsprechenden Lockdowns geben sollte. Vielleicht wird 2020 einmal als das Jahr gelten, in dem die klassische Universität zu existieren aufhörte. Auflösungserscheinungen wie die fortschreitende Digitalisierung, die Übernahme der Bildungsinstitutionen durch Manager und profitorientierte Firmen und das fehlende politische Bekenntnis zu einer qualitativ hochstehenden Bildung für alle gibt es zwar schon länger. Allerdings wirkt sich die gegenwärtige Krise wie ein Brandbeschleuniger aus.

Liebe Gabriele, wären wir mitten im Gespräch, anstatt uns Briefe zu schreiben, dann gäbe es jetzt eine Pause. Ich wäre für einen Moment mit meinen Gedanken allein. 

Am Computer sitzend schaue ich auf und blicke in den Garten hinaus, wo seit zehn Tagen der Kirschbaum prächtig blüht, direkt vor meinem Fenster. Vor ein paar Tagen sprang einen ganzen Vormittag lang ein Goldzeisig zwischen den hellrosa Blüten von Zweig zu Zweig. Sein gelbes Gefieder leuchtete auf, wenn er aus dem Schatten ins Licht hüpfte. Gestern war es ein Baltimoretrupial (ich musste den deutschen Namen nachschlagen), ein in Nordamerika recht weit verbreiteter Vogel, den ich zuvor noch nie bemerkt hatte. Seine Unterseite war von leuchtendem Orange, das je nach Lichteinfall eher ins Gelbe oder Rote changierte. Mein vierjähriger Sohn hatte ihn in unserem Baum entdeckt und rief mich aufgeregt ans Fenster, wo wir dem Vogel lange zusahen. 

Auch das Murmeltier ist seit meinem letzten Brief jeden Morgen und Abend in unseren Garten gekommen. Vor ein paar Tagen bemerkten wir, dass es am Rücken eine Wunde hat, die aber schon wieder langsam verheilt. Es könnte ein Streifschuss gewesen sein oder der Biss eines größeren Tiers, vielleicht eines Kojoten oder eines Hundes. Man sieht die Murmeltiere hier vor allem als Schädlinge, weil ihr Bau recht ausgedehnte Dimensionen annehmen kann. Ihre Grabungen richten in manchen Gärten Verwüstungen an und können sogar das Fundament eines Hauses destabilisieren. Man würde mir wahrscheinlich mit Unverständnis begegnen, wenn ich erzählte, dass ich das Murmeltier in unserem Garten nicht nur dulde, sondern mich jeden Tag auf sein Erscheinen freue. Genau zu der Zeit, als wir uns wegen des Virus in unsere Häuser zurückziehen mussten, erwachte es aus seinem Winterschlaf und hatte vielleicht seinen schönsten, weil ungestörtesten Frühling seit langem. Ich wünsche mir, dass seine Wunde gut verheilt und dass es uns noch oft besuchen wird. Es ist mein Wappentier geworden, ein Zeichen der Hoffnung: dass es auch für uns Menschen wieder einen besseren Frühling geben möge.

Mit herzlichen Grüssen aus Ithaca, N.Y.,
Peter

Hohenems, 26. April 2020

Lieber Peter,

es ist schön, in diesen Zeiten ein Du geschenkt zu bekommen. Dieses Du ist mir wie eine Biene auf dem leuchtenden Löwenzahn, der jetzt zu verblühen beginnt. Bienen sind kostbar geworden. Ich habe heute gelesen, dass diese weltweiten Shutdowns den Transport der Bienenvölker zwischen den Ländern verhindern. Ein Bild aus China kommt mir in den Sinn: Menschen in weißen Schutzanzügen bestäuben die Blüten der Bäume von Hand. Menschen in weißen Schutzanzügen sind es auch, die jetzt andere Menschen untersuchen, behandeln und heilen. Die beiden Bilder überlappen sich in meinem Kopf und werden eins.

Dein Du ist mir auch ein neuer Weg unter Wegen, deren wenige private oder kulturelle, die ich in der materiellen Welt noch zu gehen pflegte, man mir nun mit dem Shutdown genommen hat. Ich vermisse das Lachen in einer Theatervorstellung, das durch Betroffenheit ausgelöste Schweigen, das Verbindende in der Trennung, sich einmal jenen und dann wieder anderen zugehörig zu fühlen.
Ich vermisse die Umarmungen meiner Freunde. Die seltenen Momente, in denen ich einen von ihnen treffe, weil ich etwas vorbeibringen muss, stehen wir maskiert vor der Haustüre, lächeln uns beschämt zu und halten zwei Meter Abstand voneinander, weil dies das Maß ist, das die mit 40 kmh vorbeifahrende Polizei vom Auto aus als tolerierbar diagnostiziert. Die Strafen, von oben verordnet, sind drakonisch. Ob es hier, im Weg unseres Briefeschreibens, auch eine Selbstverordnung zur Maskenpflicht und zum Abstandhalten geben wird, da wir wissen, dass unsere Briefe veröffentlicht werden? 
Das ist eine Frage, die ich mir seit Zusage zu diesem Projekt „Cara Roberta“ stelle. Ergo habe ich für mich beschlossen, meine persönlichen Zusagen, Absagen, mein Versagen auch, das viele Nicht-Sagen und das Einsagen von außen durch kolportierte Bilder zu beschreiben. Ich kann dir nämlich nicht viel von draußen berichten, da ich nicht viel unterwegs bin. Ich sitze in diesem Moment auf dem Balkon und blicke in den Garten. Der Flieder blüht, der Schneeball auch, und bald werde ich Holdersaft ansetzen. Es duftet in konzertierten Nuancen und die Tastatur ist voller Blütenstaub. Im Hühnerstall gibt es nun jeden Tag ein Ei zu ernten und das neue alte Hochbeet ist vorbereitet für die Anbausaison. In den letzten Wochen habe ich oft gedacht, dass wir gesegnet seien. Mit eigenen Walnüssen und Bärlauch vor der Haustüre, mit eingekochten Beeren und anderem Allerlei vom letzten Jahr lässt es sich sehr lange überleben. Diese (natürlich nicht allumfassende) Selbstversorgung ist mir seit Tschernobyl ein Anliegen gewesen. Damals war mein erster Sohn ein Jahr alt und ich habe die ersten Hamsterkäufe meines Lebens erlebt. Aber das weißt du ja, ich habe das an anderer Stelle schon beschrieben. Aber wusstest Du, dass es dort jetzt schon so lange brennt? Auch diesbezüglich überlagern sich Bilder in meinem Kopf. Wir haben in 34 Jahren nichts gelernt. Also schaue ich an diesem Sonntag in den Garten, höre die Vögel singen, sehe dem Spatz zu, der an einem Eck des Hochbeetes landet, die Kante entlang hüpft, was nicht unkompliziert ist für ihn, sehe, wie er auf die frische Erde kackt und davonfliegt. Eine kleine Selbstverständlichkeit wird zu einer Koordinate auf meiner Sicherheitskarte. Mao hat einst eine Hungerkatastrophe ausgelöst durch die Vernichtung der Vögel.

Zurück zu den Wegen. Die beruflichen Wege gehe ich seit vier Jahren auf drei Beinen. 
Ein Bein heißt Altenbetreuung; an einer momentan wechselnden Zahl von Tagen in der Woche betreue ich eine alte Dame, die an Demenz leidet. Sie wird heuer neunzig. Die Tage mit ihr sind fallweise zeitlos. Wir machen alles, was wir machen, in einer Langsamkeit, die mich wohl allmählich zu prägen beginnt. 
Ein Bein heißt nach wie vor Literatur. Es gibt zwei Projekte, die wohl noch länger nicht abgeschlossen sind, aber ich habe auch hier keine Eile. Auch die Pausen zwischen den Sätzen meiner alten Dame prägen allmählich meinen Umgang mit Sprache und deren Inhalt. Ich nehme diesbezüglich einen Kredit auf die Zukunft. Nicht alles muss jetzt veröffentlicht werden. 
Das dritte Bein ist meine Arbeit im Atelier, das ich in Lustenau (der Nachbargemeinde von Hohenems) habe. Dort zeichne ich mit Tinte und Feder die Muster der Lebendigkeit des Lebens so wie ich sie verstehe. Es ist wohl ebenso ein Schweigen wie die intensivsten Momente mit meiner alten Dame ein Schweigen im Schweigen sind. Eine Form von Gebet. Eine stille Liebe.

Alle drei meiner Beine fußen auf einer Einsamkeit, die ich selbst gewählt habe. Doch zunehmend mit der Zeit im Shutdown ist mir, als hätte man mir eine verordnete Einsamkeit über die schon vorhandene selbstgewählte gestülpt. Die Wörter verhallten in dieser Isolierschicht dazwischen, die Zeichen, die meine Hand mit der Feder auf das Papier brachte, waren nicht mehr jene, die sie sein wollten. Ich habe nicht mehr geschrieben und habe aufgehört ins Atelier zu gehen, in welchem ich zuvor intensiv für eine Ausstellung im Herbst gearbeitet hatte. Doch jetzt gibt es da ein Du am anderen Ende der Welt, und ich freue mich, dass wir uns direkt schreiben und nicht nur unsere Texte, verfasst zu einem bestimmten Thema, in einem Band nebeneinandergestellt, lesen.

Dein Du ist mir übrigens auch wie die Auferstehung der Küchenuhr, die ich vor sechs Wochen abgehängt hatte. Ich habe die Zeit zwischen der Zeit verloren. Die Zeit ist an den Wechsel von Licht und Dunkelheit gebunden. Ich schlafe jetzt mehr als all die Jahre zuvor. Tagsüber wäre die Zeit an die vielen kleinen Wege meiner Finger gebunden. Im Nichtstun gibt es keine Orientierung. Das Denken kreist. Jetzt wird das Du zum heilenden Auftrag und ich danke dafür.

Dabei hatte alles anders angefangen. Das erste Bild, das ich mit dieser weltweiten Krise verbinde, ist wieder eines aus China. Eine leere Stadt. Die Menschen sitzen in ihren Wohnungen, die Stadt ist in Viertel eingeteilt. Eine App sagt dir, ob du die Wohnung verlassen darfst, in welches Viertel du gehen darfst und in welches nicht. Ein App sagt dir auch, ob dein Nachbar infiziert ist oder nicht. Überwachung von oben. Überwachung auf Augenhöhe. Überwachung von innen, weil du ständig Fieber misst. Das hat mir Angst gemacht, mehr als das Virus. Irgendwo habe ich gelesen, wenn man den Menschen Freiheit und Gesundheit zur Wahl stellte, würden sie sich für Gesundheit entscheiden. Damals war China noch weit weg. Wir schrieben den 11. März. Ich war schon zwei Wochen vorher in keiner Art von Öffentlichkeit mehr gewesen, um meine alte Dame nicht unwissentlich anzustecken.

Einen Tag später telefonierte ich mit meiner Tochter in Lissabon. Sie macht dort im Erasmusprogramm ein Auslandssemester. Sie sprach davon, dass man munkle, dass es bald einen Lockdown gäbe. (Ich musste das Wort erst nachschlagen. Zum ersten Mal im Leben bedauerte ich, keinen Fernseher zu besitzen.) Ich hörte sie am Telefon husten, sie hatte die letzten zwei Wochen eine Grippe gehabt. Zum ersten Mal machte ich mir Sorgen. 

Am 16. März kam dieser Lockdown. Ich weiß noch, wie ich den Arbeitsvertrag und den Mietvertrag für das Atelier ins Handschuhfach des Autos legte. Als ich an diesem Abend, es war schon dunkel, von meiner alten Dame nach Hause fuhr, waren nur fünf Autos auf der Rheintalautobahn unterwegs. Alle fuhren hintereinander mit nur 100 kmh. Keiner überholte. Es war, als wollten wir uns alle nicht gerne aus der Sicht verlieren. Als ich von der Autobahn abfuhr und bei der ersten Ampel hielt, fragte ich mich, wieso ich das tat. Kein Mensch, kein anderes Auto war zu sehen. Das war höchst seltsam. Ich dachte daran, dass ich im Gegensatz zu vielen anderen meine Arbeit noch hatte, dass ich mich noch bewegen durfte, dass ich fast keine Einbußen erlitt und dass wir einen Garten hatten, der mit vielen Aufgaben auf uns wartete. Ich fühlte mich krisensicher. Und doch war da dieses Gefühl der Surrealität. Ringsum verschwand eine ganze Welt und mir wurde über Nacht „Systemrelevanz“ beschienen. Von der Systemkritik zur Systemrelevanz innerhalb von Stunden. Das Wort Zusammenhalt war in aller Munde und wurde in diesem Land von vielen Menschen in die Tat umgesetzt. Ich war tief berührt davon, dass die Vorarlberger Industrie z.B. sich plötzlich zusammenschloss und Schutzmasken für das medizinische Personal zu produzieren begann. Ich war froh, dass diese Krise vielleicht einen höheren Sinn barg.   

Dann korrespondierte ich mit meiner französischen Freundin. Sie schrieb mir, ihre Kinder, beide Ärzte, seien an der Front. Ich war schwer irritiert. Von Krieg war die Rede. Von Sieg war die Rede. Ich sah den offenen Grenzen zu, wie sie der Reihe nach umfielen. Ich weiß, das ist ein Bild, das nicht funktioniert, und doch war es in meiner Wahrnehmung so da – das mag an diesem Dominoeffekt liegen. Die Grenzen werden jetzt bewacht und da der Flugplatz unseres Landes gleich hier in der Nähe ist, hörte ich mitten in dieser gespenstischen Stille den Hubschrauber ständig starten und landen, alle anderen Flugobjekte waren vom Himmel verschwunden. Ich hörte unseren Innenminister uns zu Lebensrettern erklären, und dachte, dass das Wort sein Gegenteil enthalte. Es dauerte auch nicht lange und jene, die keinen der fünf guten Gründe hatten, das Haus zu verlassen, und draußen angetroffen wurden, zahlten saftige Strafen und wurden zu Lebensgefährdern erklärt, weil sie ja stille Symptomträger sein könnten. Tagtäglich wurden und werden im Fernsehen die Zahlen der Gefallenen in diesem Krieg veröffentlicht. Eine ganze Nation, ganze Nationen weltweit verfolgen an Bildschirmen jeden einzelnen Tod in Form einer Addition. Die Waffen in diesem Krieg sind Drohungen. Wenn wir uns nicht eingrenzen, sagt der Kanzler, haben wir mit hunderttausend Toten zu rechnen, dann wird bald jeder jemanden kennen, der einen Menschen verloren hat. Das sagt er mit einem Gesicht, das keinerlei Besorgung erkennen lässt. Und zusätzlich hält er sich selbst an den Händen, eine Mischung aus Faltung und Reibung. Botschaft und Gestik sind nicht kohärent. Das war am 30. März. Ab da schlichen sich seltsame Gedanken bei mir ein. Wenn wir uns nicht eingrenzen. Das heißt, wir werden alle zu Soldaten in diesem Krieg gemacht, zu feindlichen Soldaten sozusagen, da, wenn wir nicht unterlassen, der Krieg verloren geht. Gesunde Menschen werden zur Bedrohung verkehrt. 

Zuvor war ich ein gesunder Mensch gewesen. Dass ich durch meine Tätigkeit in der Altenbetreuung plötzlich zum systemrelevanten Menschen und gleichzeitig zur möglichen Lebensgefährderin erklärt wurde, ließ meinen Blutdruck in die Höhe fahren. Und das wiederum erschien mir so kurios, da ich mich doch vorher schon freiwillig an diese ganzen Beschränkungen gehalten hatte, um meine alte Dame nicht zu gefährden. Es muss an dieser Kriegsrhetorik liegen, dachte ich. Und als am 4. April die Bilder aus China zum Gedenken an die Coronatoten um die Welt gingen, da ging mein Blutdruck endgültig durch die Decke. Wie bringt man jeden einzelnen Menschen eines Staates dazu, zeitgleich für drei Minuten stillzustehen, egal ob er im Auto sitzt, in der U-Bahn unterwegs ist oder auf dem Feld arbeitet? Ich habe vor diesem Überwachungsstaat offensichtlich viel mehr Angst als persönlich vor dem Virus. Ich litt noch nie in meinem Leben an Bluthochdruck, deshalb suchte ich einen Arzt auf. Er verschrieb mir ein blutdrucksenkendes Mittel. Und so mutierte ich zu einem systemrelevanten Risikogruppenmitglied, das gleichzeitig eine potentielle Lebensgefährderin ist, da ich zu meinem Mann nicht auf absolute Distanz gehen kann, der ebenfalls ein systemrelevanter potentieller Lebensgefährder ist, da er nach wie vor in seiner Firma mit vielen, wenn auch jetzt mit weniger Menschen, arbeitet. Wir atmen dieselbe Luft, das lässt sich nicht vermeiden. Aber wir haben uns seit Wochen nicht mehr geküsst. Ich ermahne ihn des Händewaschens und hasse mich dafür.

Meine alte Dame leidet auch. Wir haben, schon bevor die Altersheime das hier taten, Besuche untersagt und statt der täglichen Spaziergänge in die Stadt, um Kaffee zu trinken und allfällige noch verbliebene Bekannte zu treffen, einsame Gänge durch ein menschenleeres Viertel getätigt – sie mit dem Rollator, ich mit Maske. Am letzten Freitag blieben wir vor einem Zebrastreifen stehen, weil ich aus der Ferne zwei Radfahrerinnen entgegenkommen sah. Die erste Radfahrerin ist vorbei gesaust, die zweite bremste ab und blieb stehen. Ich sah ihr ins Gesicht und bedankte mich. Sie senkte ihren Kopf und sagte: „Ich danke Ihnen.“ Ich war verwundert, wieso dankte sie mir? Wieso senkte sie den Kopf? Erst viele Schritte später begann ich zu verstehen. Sie dankte mir dafür, dass ich meine Arbeit fortsetzte. Viele Betreuerinnen sind noch kurz vor dem Shutdown in ihre Heimat gereist. Nach Rumänien, in die Slowakei. Nicht alle konnten zurückkommen. Für jene, die blieben, wird es einen Bonus von 500 Euro geben. Man dankt hier den Menschen, die blieben, um das System aufrechtzuerhalten, aber der Betrag ist lächerlich, er ist wohl am Lohn für zwei Wochen gemessen. Dieses Virus deckt viele Missstände auf, auch und gerade im Betreuungssystem.

Ich habe gemerkt, dass diese Arbeit mich zunehmend belastet. Nicht die Arbeit selbst, aber dass ich jetzt Nasenmundschutz und Handschuhe tragen soll. Berührung ist für alle Menschen wichtig, speziell für demente Menschen. Vor vier Jahren habe ich diese Berührungen eingeführt, sie haben meiner alten Dame über viele Stunden der Angst, die sie immer dann entwickelte, wenn ein Bewusstseinsfenster sich öffnete, und ihr klar wurde, was sie alles verliert, hinweggeholfen. Diese Berührungen – und mich kennt sie nicht am Namen oder am Gesicht – mich erkennt sie an meinen Berührungen. An der Sprache und am Inhalt der Gespräche. Ahja, Sie sind das, sagt sie dann. Diese Berührungen soll ich mit Handschuhen machen? Das geht nicht. Sie würde in noch mehr Isolation verfallen. Darum halte ich Abstand zu meinem Mann. Was, wenn ich die Überbringerin des Virus wäre? Hier in Österreich und auch in Frankreich hört man, die ersten Untersuchungen und Vorbereitungen von Klagen in Bezug auf Altersheime und das Versagen der Leitung seien schon im Gange. Laut WHO seien 50% der Todesfälle nach einer Infektion mit Corona in Europa in Pflegeeinrichtungen vorgekommen. Es ist so schwer, die Menschen in Heimen zu schützen. Irgendwo habe ich gelesen, in Schweden hätten die Putzfrauen, die auch in Hotels arbeiten, das Virus in die Heime gebracht. An diese Möglichkeit hatte ich gar nie gedacht. Diese armen, armen Putzfrauen. Und es bleibt völlig ungesagt und unbescholten, dass die einzelnen Regierungen im Jänner die Hilfe der EU ausschlugen -wochenlang gab es nirgendwo genügend Schutzausrüstung (schon wieder so ein Kriegsbegriff).

Ich weiß noch nicht, wie ich weiter mit dieser Situation umgehen werde. Als ich im Jänner eine schwere Grippe hatte, bin ich meiner alten Dame ferngeblieben, bis ich mich wieder gesund fühlte. Da handelte es sich um zwei Wochen. Jetzt ist die Situation eine andere. Immer öfter taucht der Gedanke auf, meine Arbeit in der Betreuung aufzugeben, weil ich den Wunsch hege, meine Kinder wiederzusehen, sie zu umarmen und mein Enkelkind zu knuddeln. Der Kleine ist ein Jahr alt und braungebrannt, wie ich auf Fotos sehe. Ich betrachte ihn, die pure Lebendigkeit, während Tränen auf die Tastatur fallen. Vermischt mit dem Blütenstaub ergeben sie ein seltsames Muster.

Hunderttausend Tote. Diese Annahme vom 30. März. Der Stress, den das in mir auslöste. Und eine gefühlte Woche später kündigt der Kanzler das Hochfahren des Tourismus für Mitte Mai an. Dieses technische Wort Hochfahren, als wären Menschen Maschinen. Dieselbe Mimik und Gestik wie bei der Ankündigung der hunderttausend Toten.  Ich hatte mich auch für gezielte Öffnungen ausgesprochen, weil die produzierte Arbeitslosigkeit gigantisch ist. Ich hatte allerdings an die kleinen Geschäfte gedacht, an kleine Lokale, an kleine kulturelle Veranstaltungen und kleinere Betriebe, wo Kontakte überschaubar bleiben. Aber der Tourismus? Wo doch die allergrößte Zusammenrottung des Feindes (des Virus) in Ischgl geschah, von wo das Virus in die ganze Welt transportiert wurde? Ich war entsetzt. So viel nationale Anstrengung und Entbehrung, um den Tourismus wieder anzukurbeln? Wo hier und jetzt immer noch Polizei in den Bergen kontrolliert, ob man den Abstand wahrt, was mir das Wandern vermiest? Wie passt das alles zusammen? In meiner Naivität nahm ich an, dass der Kanzler und sein Beraterstab sich wohl verrechnet hatten. Ich dachte, wir hätten längst eine Herdenimmunität erreicht, die Herdenimmunität gegen Kritik. Bürgerrechte fallen reihenweise, zwar mit Ablaufdatum der Einschränkung versehen, aber aufgrund der Sprache der Kommunikation ist mir deutlich unwohl. Der Kanzler hat sich nie zur Ausschaltung des Parlaments in Ungarn geäußert. Was, wenn ihm das gefiele? Was, wenn er, jetzt auf dem Höhepunkt der Umfragewerte, eine dritte Regierung sprengte? Ich traue ihm und seiner Partei nicht zu, die richtigen Konsequenzen aus dieser Krise zu ziehen. Die anstehenden, vielfachen Dürren werden es zeigen.

Auf einer anderen Ebene habe ich das Gefühl, das alles schon einmal erlebt zu haben. Eine Geschichte. Versteckt in all diesen Büchern im Regal. Ich stehe davor und mir fällt der Name des Autors nicht ein. Es ist ein Mann, ich tippe auf Raymond Carver. Das Cover, das ich vage im Kopf hatte, passt aber nicht. Es ist jedenfalls ein Amerikaner. Ich habe die Bücher, so gut es geht, nach Ländern geordnet. Aus unerfindlichen Gründen ist T.C. Boyle woanders hingeraten. „Moderne Liebe“ heißt die Geschichte, Du kennst sie sicher, was erzähle ich Dir da. Diese Lust an abartigen Krankheiten, die gleichzeitige Angst davor, das Ganzkörperkondom, in welchem die beiden jungen Liebenden miteinander schlafen. Die umfassende Arztuntersuchung bis hin zur Genetik, die der junge Mann über sich ergehen lassen muss, damit sie mit ihm zusammenbleibt. Nach der Untersuchung hört er nichts mehr von ihr. Er erfährt weder von ihr noch vom Arzt, an welchem nicht sichtbaren Makel er leidet. Er ruft sie an. Sie ist ablehnend. Er sagt: „Aber wir waren uns doch so nahe!“ Sie sagt: „So nahe dann auch wieder nicht…“.

Abstand. Keine Berührungen. Das „New Normal“ aus Boyles Geschichte wird jetzt im Silikon Valley verkündet, daran wird dort von den Start-Ups mit Lichtgeschwindigkeit gearbeitet. Wir werden nach Corona in einer Gesellschaft leben, die ohne Berührung auskommen will, so tönt es. Touchless am Flughafen, beim Shopping usw., weil die mögliche Bedrohung durch Pandemien und Grippewellen bleibt. Touchless in Altersheimen, da wir die Menschen dort jetzt nicht schützen konnten? Eine solche Welt verliert für mich an Wirklichkeit.

Eines der wichtigsten Muster der Lebendigkeit des Lebens ist der Spalt. Im synaptischen Spalt wird ein elektrisches Signal in ein chemisches umgewandelt. So findet Austausch statt. Und so mag ich mit dir hoffen, dass wir als Art chemische Radikale uns in neuem Denken verbinden. Eines der wichtigsten Lebensprinzipien ist jenes der Osmose. Vielleicht, so mag ich denken, ist die Erscheinung der weltumspannenden Unsicherheit eine Art semipermeable Wand, an der sich ein Konzentrationsausgleich zum Überleben der Zellen abspielt. Vielleicht gelingt es den vielen kleinen Initiativen der momentan gelebten Solidarität sich in den Köpfen der Menschen mehr festzustecken als der Glaube an die Überlegenheit des Wettbewerbs, der so viel Armut produziert. 

Es ist Abend geworden, die Lufttemperatur ist schlagartig gesunken, und ich muss den Sonnenschirm einholen. Gleich wird es regnen. Ich bin mir nicht sicher, ob ich heute Abend eine Fledermaus gesehen habe. Ihr Flattern ist zur Zeit die letzte Bewegung in der Natur, die ich wahrnehme, bevor ich mich ins Haus zurückziehe. In den letzten Jahren ist es ein paar Mal geschehen, dass sich eine Fledermaus ins Obergeschoss verirrt hat. Da hilft nur, die Lichter alle auszuschalten und alle Fenster zu öffnen – und Geduld.

So schicke ich Dir herzliche Grüße über den Teich in ein Land, in dem ich noch nie war.
Alles Liebe,
Gabriele

24. April 2020

Liebe Gabriele,

Wir haben uns noch nie getroffen. Doch würde ich nicht sagen, dass wir uns nicht kennen. Oder zumindest: dass ich Dich nicht kenne. Dazu habe ich beim Lesen Deiner Texte schon zuviel über Dich erfahren. Zunächst allerdings dies: Ich hoffe, dass Dir die vertraute Anrede nicht unangebracht scheint. Die Entscheidung, ohne lange Umstände oder Anfragen in diesem ersten Brief die Du-Form zu verwenden, habe ich nach längerem Zögern getroffen. Insgeheim hatte ich gehofft, dass Du vielleicht in unserem Briefwechsel den Anfang machen und damit die Tonlage und vielleicht auch schon das eine oder andere Thema vorgeben würdest. Was die passende Anrede betrifft, fällt es mir nicht leicht zu beurteilen, ob meine Befindlichkeiten in dieser Frage auf der Höhe der Zeit sind. Dafür lebe ich schon zu lange in einem Sprachraum, in dem es die Unterscheidung zwischen informeller Anrede und Höflichkeitsform längst nicht mehr gibt. Ausserdem gehöre ich zu jener Generation, die erwachsen wurde, als sich Anredeformen und manche Anstandsregeln, die uns im Kindesalter eingebläut wurden, zu verflüchtigen begannen. Später lebte ich als Student einige Jahre in Zürich. Ich glaubte, mich mit einem höflichen “Sie” im Zweifelsfall durchschlagen zu können, bis ich an eine Kellnerin geriet, die beleidigt bemerkte, sie sei für diese Anrede nicht alt genug, und was ich damit eigentlich beweisen wolle? Darauf wusste ich keine Antwort. Von diesem Zeitpunkt an schien jede neue Begegnung komplizierte Abwägungen zu verlangen, um die Beteiligten nicht vor den Kopf zu stossen und der Situation gerecht zu werden. 

Als ich nach Amerika kam, gefiel es mir, dass hier jeder unterschiedslos mit “you” angesprochen wird. Dabei war das “you” des Immigrationsbeamten autoritärer, als noch das zackigste “Sie” je hätte sein können. Trotzdem glaubte ich, in der nur durch den Tonfall modulierten, als Wort aber gleich bleibenden Anrede die ursprüngliche politische Vision dieses Landes erkennen zu können, eine Art Versprechen, das in jedem Gespräch erneuert wird. Daran gewöhnte ich mich gern. Im Gegensatz zu Zürich, einer Stadt, die mir vor allem den Rücken zugewandt hatte, war es in Chicago, der weitaus grösseren und, wie man vermuten würde, anonymeren Metropole, leicht, mit Leuten, die man nicht kannte, ins Gespräch zu kommen und dann – das fiel mir anfangs nicht leicht – auch wieder weiterzugehen, ohne nach dem Namen des anderen gefragt oder den eigenen genannt zu haben. Die englische Sprache nötigte mich nicht, im Voraus zu entscheiden, in welcher Nähe oder Ferne ich mich gegenüber einer anderen Person verortete, und zu bestimmen, welche Verbindlichkeiten ich eingehen wollte und wie formell oder informell ich die Situation einschätzte, in der ich mich gerade befand. Die ersten Monate im neuen Land waren allein deshalb nicht nur eine Einübung in ein anderes Sprechen, sondern vor allem auch in einen andere Art von Gesellschaft. 

Am dritten oder vierten Tag im neuen Land ging ich von der Universität zum Bahnhof, um mit dem Pendlerzug nach Hause zu fahren. Ich wohnte die ersten zwei Wochen bei einer Gastfamilie etwas ausserhalb der Stadt. Der Vater wollte mich dort am Bahnhof abholen und hatte mich gebeten, vorher anzurufen. Als ich vor der langen Reihe von Telefonautomaten stand – es gab noch keine Handys –, bemerkte ich, dass ich nur eine 5-Dollar-Note in der Tasche hatte. Es war nach Feierabend, und der ganze Bahnhof war voll von Menschen. Ich ging auf einen Mann in einem eleganten, blauen Anzug zu, der ein ledernes Aktenköfferchen trug. Er schaute auf, als ich ihn fragte, ob er meine fünf Dollar vielleicht wechseln könne, da ich Münzen brauche, um zu telefonieren. Er steckte seine Hand in die Hosentasche, gab mir eine Handvoll Kleingeld und sagte: “Don’t worry!” Im Weitergehen rief er noch: “Good luck, son!”, bevor er in der Menschenmenge verschwand.

Erst Jahre später begann ich mich zu fragen, ob mir dieser Mann auch geholfen hätte, wenn meine Haut dunkler wäre, und ich einen anderen, nicht-europäischen Akzent hätte. Seine Geste war herzlich und spontan gewesen. Etwas in mir sträubt sich dagegen, diese Grosszügigkeit in Zweifel zu ziehen. Ich rede mir ein, dass solche Äusserlichkeiten für ihn keine Rolle gespielt hätten. Zugleich weiss ich, dass die Statistiken gegen mich sprechen. Schon nach wenigen Wochen in Chicago wurde mir bewusst, dass es mit Gleichheit und sozialer Gerechtigkeit nicht weit her war in diesem Land der grossen Träume. Die Träume aber – sie blieben mir lieb.

In der von einem Virus ausgelösten gegenwärtigen Krise werden diese Träume mehr denn je auf die Probe gestellt. Sozialen Unterschiede, über die das joviale “you” hinwegzutäuschen vermag, treten umso deutlicher hervor. Wer sind die Leute, die noch immer den Abfall abholen, die Pakete ausliefern, den Rasen in den Vorgärten mähen? In den Städten, liest man, steigt die Flut der Toten in armen und schwarzen Nachbarschaften wie nirgendwo sonst. Manche Kommentatoren, die zum schmeichelnden Hofstaat eines unfähigen Präsidenten mit Allmachtsfantasien gehören und das Offensichtliche nicht wahrhaben wollen, behaupten ohne den geringsten Beweis, die Betroffenen hätten es sich selbst zuzuschreiben, da sie sich nicht an die verordneten Massnahmen hielten. Die Wahrheit sieht etwas anders aus: Lange sträubte sich dieselbe Regierung – zuvorderst jener Präsident, der sich um nichts als seine Wahlchancen und den Gewinn seiner Firmen schert – die Kosten für die erforderlichen medizinischen Tests zu übernehmen. Noch dazu deckte seine Regierung die Krankenkassen, die gleichfalls von diesen Kosten nichts wissen wollen. Den Armen, von denen der Grossteil sich ohnehin keine Krankenversicherung leisten kann, und denjenigen Menschen, die seit Jahren langsam aus dem Mittelstand in die Unterschicht abrutschen und deren Gesundheitsversorgung davon abhängt, was von ihrer Versicherung bewilligt wird, bleibt nichts anderes übrig, als sich mehr schlecht als recht zu schützen, wenn sie ihre Jobs für den Minimalstundenlohn von $ 7.25 erledigen. Keiner weiss, wer das Virus in sich trägt und gerade dabei ist, alle seine Arbeitskollegen anzustecken. 

Hier in Ithaca, auf halbem Weg zwischen New York City und Buffalo, zwischen Hügeln und Wäldern, Wasserfällen und Seen leben wir seit Wochen in einem seltsamen Schwebezustand. Die Cornell University, an der ich arbeite und die der grösste Arbeitgeber in dieser Kleinstadt ist, stellte im März, noch bevor die Regierung in Washington sich zu entsprechenden Empfehlungen durchringen konnte, den ganzen Lehr- und Forschungsbetrieb drei Wochen lang ein, um alle Lehrveranstaltungen auf ein Internetformat umzustellen. Das war für Professoren und Forscher eine Herausforderung, denn nicht jedes Seminar und jedes Labor kann ohne weiteres auf die unmittelbare Realität, die Anwesenheit der Studierenden und die Materialität der zu untersuchenden Gegenstände verzichten. Als Kulturwissenschaftler fiel mir das leichter als einer guten österreichischen Freundin, die hier als Astronomin arbeitet.

Die Läden und vielen Restaurants der Stadt blieben zunächst noch geöffnet. An einem der letzten Abende, an denen das gesellschaftliche Leben noch nicht zum Stillstand gekommen war, gingen meine Frau und ich mit unserem vierjährigen Sohn und unserem Hund in unser Lieblingsrestaurant essen. Es war gut gefüllt. Die Leute hielten ein wenig linkisch Abstand voneinander, denn man musste sich an diese neue Realität erst noch gewöhnen. Viele hatten Handseife dabei. Andere rannten alle paar Minuten auf die Toilette, um dort ihre Hände zu waschen. Es war ein heller, sonniger Abend, der schon den nahenden Frühling ankündigte. Man nahm alles gelassen und war sich noch nicht bewusst, was schon zwei Tage später auf uns zukommen würde. 

Es ist schwierig zu den aktuellen Entwicklungen in Amerika etwas zu schreiben, das nicht schon am nächsten Tag von einer neuen, von höchster Stelle abgesegneten oder sogar initiierten Absurdität überholt wird. Lange hatte der Präsident die Krise bestritten und bagatellisiert, bis er schliesslich Mitte März einsehen musste, dass noch das vehementeste Leugnen, unterstützt von einem weit gespannten Propagandaapparat mit dem Fernsehsender Fox News und unzähligen Talk-Radio-Stationen sowie allen erdenklichen konspirativen Webseiten und anderen Internetformaten, am Ende die rasant ansteigende Anzahl von Infektionen und Todesfällen nicht ungeschehen machen kann. Der Präsident hält sich selbst für ein medizinisches Naturtalent, was er auf seine ausgezeichneten Erbanlagen und einen Onkel zurückführt, der am berühmten Massachusetts Institute of Technology (MIT) Professor für Ingenieurwissenschaft war und dessen Erfindungen für die Anwendung von Röntgenstrahlen und die Strahlentherapie wichtig waren. Der Präsident, der aufgrund dieser natürlichen Qualifikationen von sich behauptet, komplexe medizinische Probleme auf Anhieb intuitiv zu verstehen, versuchte darauf, sich als entschlossener Krisenmanager in Szene zu setzen. Auch hier sollte die unaufhörliche Wiederholung der immer gleichen Lügen – nämlich dass er als erster die Gefahr erkannt und sofort gehandelt habe – eine neue, alternative Wahrheit schaffen. Journalisten, die bei Pressekonferenzen des Weissen Hauses kritisch nachfragen, werden vom Präsidenten persönlich beschimpft und als moralisch fragwürdige Personen verunglimpft. In manchen Fällen wird ihnen kurzerhand die Akkreditierung entzogen – ein unerhörter Vorgang in der Geschichte der Vereinigten Staaten. Ich habe den Eindruck, dass man sich in Europa nicht im Klaren darüber ist, in welchem Masse die gegenwärtige Regierung demokratische Grundrechte und Institutionen in den letzten Jahren ausgehöhlt hat. Im Windschatten des Virus hat sich diese Tendenz noch gesteigert. Sie ist in mancher Hinsicht beängstigender als die eigentliche Pandemie.

In den Tagesnachrichten sieht man jetzt viele Menschen, die, angestachelt vom Präsidenten, gegen die von seiner eigenen Regierung angeordneten Massnahmen protestieren. Viele meiner akademischen Freunde sehen in ihnen nur rechts-konservative Fanatiker. Die gibt es, keine Frage. Allerdings sind bei diesen Demonstrationen auch viele dabei, die ihre Arbeitsstelle verloren haben, sei es auf Zeit oder permanent. Seit Beginn der Coronakrise sind bereits gut 22 Millionen Amerikaner arbeitslos geworden. Die “soup kitchens,” in denen Bedürftige etwas zu essen bekommen, melden Engpässe und diskutieren über die Möglichkeit, das Essen zu rationieren. Es ist absehbar, dass bald mehr Menschen ihre Hypotheken nicht mehr bezahlen können und Konkurs anmelden müssen als nach der Finanzkrise von 2008. Diese Menschen, die sich seit Jahrzehnten von der Regierung allein gelassen fühlen, haben keine Zeit, um lange auf einen noch fernen Aufschwung zu warten. Viele von ihnen wollen an ihren oft schlecht bezahlten Jobs festhalten, bei denen soziale Distanzierung kaum möglich ist. Vor die Wahl zwischen finanziellem Ruin und diffuser Corona-Gefahr gestellt, zögern sie nicht lange. Denn von höchster Stelle in Washington werden die Auswirkungen des Virus noch immer zum Nutzen der Wirtschaft heruntergespielt.

Unter den Transparenten und Plakaten der Demonstranten entdeckte ich eines, auf dem stand “Give me liberty or give me death!” Freiheit oder Leben. Das war die von Patrick Henry – er war einer der sogenannten founding fathers der amerikanischen Nation – ausgegebene Devise im Amerikanischen Unabhängigkeitskrieg. Man kann nicht sagen, dass diese Demonstranten, die einem sich despotisch gerierenden Präsidenten zujubeln, verstanden haben, worum es Patrick Henry gegangen war.

Ich sitze hier in Ithaca, arbeite weiter, so gut es mit einem vierjährigen Kind zuhause geht. Doch kann ich mich der schleichenden Melancholie nicht entziehen. Ich frage mich, was für eine Welt mit Covid-19 begonnen hat. Die Krise kam mit Ankündigung. SARS und MERS hatten wir schon, weitere Mutationen und Virusübertragungen über Artengrenzen hinweg sind vorhersehbar. Es wäre vermessen zu behaupten, dass unsere westliche Gesellschaftsordnung darauf eingestellt sei. Und zugleich wird im Moment deutlicher als vielleicht je zuvor, dass das demokratische Experiment Amerika am Abgrund steht. Der Gedanke macht mich schaudern.

Eine auffällige Sache ­– vielleicht ein Hoffnungsschimmer – an der gegenwärtigen Krise: Sie ist nicht lokal, nicht begrenzt und auf absehbare Zeit auch nicht eingrenzbar. Was mich daran interessiert ist weniger die damit verbundene Gefahr, sondern die Tatsache, dass die Situation und die getroffenen Massnahmen an allen Ecken und Enden der Welt recht ähnlich sind. Die Posts von Bekannten in Neuseeland, die Berichte meiner Verwandten in Liechtenstein, meiner Freunde in der Schweiz, in Österreich, Deutschland, Japan und Brasilien gleichen sich. Es ist, als hätte die mehr oder weniger resolut vorangetriebene, letztlich unvermeidliche Vereinzelung jede und jeden aus ihren bisher stillschweigend vorausgesetzten sozialen Konstellationen herausgelöst und dabei zu einer Art chemischem Radikal gemacht, das sich rundherum als sehr bindungsfreudig erweist, wenn auch nur in virtuellen Medien, die das alles auf Distanz halten.

Wenn ich an meinem Schreibtisch lese, nachdenke und schreibe, schaue ich dazwischen oft hinaus in den Garten, wo die leuchtenden Frühlingsblumen schon langsam verblühen. Am Abend beobachte ich das Murmeltier, das nach ein paar Tagen Abwesenheit, während derer ich schon befürchtete, dass es von einem Nachbarn vertrieben oder in der Nacht von einem Kojoten geholt worden sei, zurückgekommen ist. Es lässt sich Zeit, schnuppert im Gras herum, um die saftigsten Blätter und Kräuter zu finden. Ab und zu setzt es sich auf die Hinterbeine und horcht. Wenn es etwas Ungewohntes hört, macht es sich schnell aus dem Staub. Später kommt es wieder, frisst weiter und trollt sich, wenn es genug hat. Ich schaue ihm gern zu. Ein Quantum Trost würde in meinem jetzigen Leben fehlen, wenn es nicht mehr käme.

Mit herzlichen Grüssen aus Ithaca, N.Y.,
Peter

Cara Roberta. ist ein Kooperationsprojekt von Literaturhaus Liechtenstein, Literaturhaus & Bibliothek Wyborada, dem SAAV und literatur.ist.