Datum
17.05.2020
Cara Roberta.
Ein Briefwechsel zwischen Unbekannten. Antonie Schneider und Hansjörg Quaderer. Mai bis Juni 2020
Kategorie
Projekt
Schlagworte

Weiler im Allgäu, den 17. Mai 2020

Lieber Hansjörg

„Zu hören wie das Leuchten von blühenden Eichkätzchen am Wegrand“,
schrieben Sie, hellhörig zu hören am Wegrand wie … von blühenden Eichkätzchen das Leuchten zu hören …Ich spiele damit, wie ein Kind seinen Vers aufsagt, langsam, schneller, Wörter entlässt, springt.
Ich höre es, das Leuchten aus den „wenigen Geräuschen“.

Und dann bezaubert mich dieses Wort „primavera“, Frühling mit der ersten Wahrheit, dem ersten wahr sein, gewahr sein in den Tagen der Pandemie, ein Rätselwort im Widerhall, ein Sehnsuchtswort.

Gestern mailte mir ein alter Freund auf meine Bitte hin, Dietmar Kampers Zitat, das ich Ihnen nicht vorenthalten will in seiner Präzision, jene Erfahrung des Raums, die Sie kennen.

„So wie der Raum Götter, Menschen und Dinge trennt, so verbindet sie die Zeit. Sein Wesen ist die Grenze, ihre Wahrheit ist der Augenblick“. Dietmar Kamper, Zur Soziologie der Einbildungskraft, Carl Hanser Verlag, München/Wien 1986, p.124.

Diesen Augenblick, das gegenseitige sich Erkennen von Künstler und Werk ahne ich als Geschehen in Ihrem Arbeitsraum, aber auch als Köstlichkeit der unvermuteten, unerwarteten Begegnung in Ihrem letzten Brief. 

Beethoven, sagte der Freund im gestrigen Gespräch, begleite ihn nun neben Mozart täglich und Hyperion seit seiner Jugend und er fügte noch hinzu, dass der Mensch sterben müsse, weil er den Anfang und das Ende nicht zusammenbringen könne. Wenn wir nur schrieben, lebten aus dem Phänomen, um uns selbst zu sein, käme etwas zur Geburt, dass einen die Dinge anschauen…

Woran Sie wohl gerade arbeiten…

Ihr Nennen von Evgeni Koroliovs Bachinterpretation machte mich neugierig, ist es nicht diese schlichte Frömmigkeit, das Umsonst des Tuns, ausgerichtet auf etwas Größeres, dieses „soli deo gloria“, was uns bei Bach in Erstaunen versetzt und eine wunderbare Beglückung auszulösen vermag, dem Ankommen bei sich selbst in der Leichtigkeit und Tiefe des Seins.

Seit einem Jahr besitze ich ein Clavichord und Koroliov bestätigt mich in meinem Gefühl, dahin gehört Bach auch, in den kleinen privaten Raum.
Vielleicht gelingt es mir einmal, Bach und eigene kleine Kompositionen zu spielen, nur für mich.

Inger Christensens alfabet berührt mich zutiefst, als ob Sie gewusst hätten, dass Inger Christensen zu meinen Lieblingsdichterinnen gehört, sie weiß, dass das Gedichteschreiben immer auch wie das Stehen auf nacktem Boden ist…

Da Sie ganz spontan die Musik ins Spiel bringen, möchte ich Ihnen von einer jungen chinesischen Komponistin erzählen, die gerade in Hongkong festsitzt und sobald wie möglich wieder nach Deutschland ausreisen will. Vielleicht interessiert es Sie?
Ihr Brief kam dem Ihrigen zuvor. Ich glaube, dass es Gemeinsamkeiten gibt, trotz der räumlichen wie kulturellen Entfernung zwischen Ihnen und ihr und mir.
Wir hatten uns kennengelernt durch Prof. Robert H.P.Platz, der für die Abschlussarbeit seiner Studenten einen Text von mir auswählte: „Fastentage“, und der am 17.3.19 zur Uraufführung im Neumünster in Würzburg kam.

Seither schreiben wir uns. Natürlich auch über die gegenwärtig bedrängende Situation.
Cong Wei sandte mir ihre Soundcloud, damit ich einen besseren Einblick in ihr Werk bekäme. 

BATHE MY SOUL IN THE FIRE
erschütterte mich zutiefst, den gewaltigen Klangraum, den diese zarte Person schuf an weltumfassendem Klagegesang.
Ich musst an A. Delps Worte denken: „Keiner durchschreitet die Glut ohne Verwandlung.“

BEAMS OF LIGHT IN THE DARKNESS
lösten Assoziationen aus in dem ergreifenden Gesang, Aufschrei der geschundenen Kreatur und Materie, wie der vom Brand gezeichneten Kathedrale Notre Dame, der nach Atem Ringenden…im hellen Klang der Glocken, ein stellvertretendes Wachen in den Flüchtlingslagern, Krankenhäusern, bei den Verzweifelten, Vereinsamten.

„Hören des Leuchtens“

In dem kleinen Band:
„Migranten“, das ein Gespräch zwischen Edmond Jabès, Massimo Cacciari und Luigi Nono wiedergibt, fand ich eine Stelle, die auszudrücken versucht, was  nicht auszudrücken ist, was Musik und Sprache verbindet, jene Stille, jenes Leuchten, in die das Wort, die Musik letztlich heimkehren, rufend, singend, jedoch erwartet.

Es war, vielleicht nun schon vor einem Jahr. Bei mir die erste Begegnung mit einem Mann, der in sich die Stille von tausend nahen oder fernen Stimmen trug, die jedoch alle erwartet wurden. 

Ist sie nicht weiß, die Farbe der Stille, die alle Farben miteinzuschließen vermag, wie Morsezeichen es vermögen bei Nacht, unsere Hoffnung leuchten zu lassen. 

Nun ist es Nacht geworden, das Heu duftet, nach einem strahlenden Sommertag im Mai, 
grüß ich hinüber nach Schaan, vielleicht steht der Orion am Himmel…wer weiß, 

herzlich
Antonie

Blinder Orion
Schiffbrüchige sind wir
in der Ordnung des Lichts
Morsezeichen
Gesandte
in Eile
Von Insel zu Insel
Im entfesselten Frühlingswind.

Schaan, 12. Mai 2020

liebe Antonie

schaan, 12. mai 2020

liebe antonie 

sie zaubern mit ihrem brief kammermusik in meinen arbeitsraum.
wohltemperiert und von feiner weite. sie lassen revue passieren, wie wir ins gespräch kamen, im bewusstsein, dass wir ein gespräch sind. lyrische stimmen begleiten uns. die «wenigen geräusche», die philippe jaccottet genügen, sind noch leiser geworden. zu hören wie das leuchten von blühenden eichkätzchen am wegrand.

«ist uns nur noch mit gedichten zu helfen?» fragen sie so entwaffnend, wie das nur kinderseelen vermögen. ich möchte mir helfen, das zu glauben. verhalten, mit dem unterton von «erkenne die lage, rechne mit deinen defekten».
es gehört fraglos innere noblesse dazu, eine form von selbstvergewisserung in gedichten auszuüben, die den bann der lage zu brechen versucht. ich bewundere das wagnis, das sie damit eingehen. in leichter sprache, die die schwerste ist. sie haben friederike mayröcker angerufen. wie in innerer anrufung. jemanden, der schon solange in nicht endendem schreibzustand, eine eminente dichterin, die sich in so vielfältigen étuden der aufmerksamkeit verschenkt: sich an gedichte zu verlieren, scheint mir die nachahmenswerteste kunst zu sein. die vornehmste art zu verschwinden und vielleicht im verschwinden zu bleiben. eine kunst, die sich gleichwohl von angeregtem ferngespräch alimentiert, ein drinnen und draussen herzaubert, mühelos. es genügen schon wenige worte.

das hellhörig werden auf details erzeugt so etwas wie eine lakonische trance. erzeugt einen zusammenklang, ausgelöst von beobachtungen im kleinen. man kann sich das aufsagen und aufzählen in hüpfender litanei bis sich ein fast unhörbarer oberton einstellt. eine wahrnehmung und weltbenennung mitunter wie in alfabet von inger christensen. selbstvergewisserung in der wortfindung auch hier.

fast beiläufig bin ich gestern auf die interpretation der goldberg-variationen von evgeni koroliov gestossen, die mich begeistern. da legt jemand so beredtes zeugnis ab vom inneren aufbau der dinge, in souveräner leichtigkeit, klar und hell. er hört das gesetz, oder macht es hörbar. nichts anderes als das, was nur musik von bach vermag. so selbstvergessen und herrlich, sodass fast pötzlich alles diffuse weicht, nichts mehr zu dämpfen vermag. es lüftet sich aller schleier. dieses momentum allein zählt, nährt und wärmt. – die äussere welt kann einem gestohlen bleiben mit ihren vielfältigen zumutungen …

ich lese aus ihrem brief, wie gedichte lebenselexier sind, zu sauerstoffreichen stellen werden, kleine exile, um sich zu begegnen. tomas transströmer hat, das muss ich sagen, eine unerhörte photosynthese mit worten geschaffen.
gelegentlich kommt ein wetterleuchten, das uns erhellt. der regen tröstet.

herzliche grüsse in alle weiler und gärten der poesie.

hajqu

Weiler im Allgäu, 8. Mai 2020

Lieber Hansjörg Quaderer,

im April klopften Sie bei mir an, im April, „dem schrecklichsten aller Monate“, wie ihn T.S. Eliot benannte.
Via Lichtgeschwindigkeit, via Mail vom Liechtensteiner Rheintal über den Bodensee ins unbekannte Westallgäu.
„Wie beginnen?“, fragte ich.
„Es ist gut zu fragen, wie beginnen?“, schrieben Sie.
„Zu fragen beginnen“.

„Wie einen Briefwechsel also anzetteln? Sorglos zu beginnen, wäre gut, nichts vorauszusetzen. Ein Schriftwechsel gleicht einem Wildwechsel…
zu lesen nämlich, wo einer gegangen“, schrieben Sie in Kleinschreibung.

So war ich versucht, in die Kleinschreibung meiner 70er Jahre zurückzukehren, beließ es aber dann bei einem Versuch.

„Sorglos zu beginnen“, schrieben Sie. 
„Con sordino“, antworte ich, 
„in diesen Tagen nur mit Dämpfer, gedämpft,
mit leisen Tönen wie beim Geigenspiel, auch im Erinnern.“

„Wo grad so vieles aus den Fugen“, sagten Sie: „Den blühenden Birnbaum zum Trost nehmen für die Zumutungen der Pandemie.“

Worauf hören? Auf „die wenigen Geräusche“? Auf diese kleine Hoffnung, die seilhüpfen würde in den Prozessionen…Péguy

Und auf das Geläut der Glocke am Morgen, wenn ich das Fenster öffne, den Gesang der Vögel zu hören. Es gibt da etwas, was mich erschrecken lässt, das bei großen Bränden manchmal auftritt, es ist diese Unerklärlichkeit der Stille, der Pausen, die mich verwirren und beglücken zugleich, wie das Gefühl vom Ende einer Welt, ohne die ich nicht mehr atmen könnte.
Trotzdem glaubt man an Worte im Vorübergehen, die ins Herz springen und sogleich verstummen.

Ist uns nur mit Gedichten noch zu helfen?  So versuche ich es mit der Poesie, um die Welt um mich herum wieder zu verstehen. 

Da schaue, höre ich Dinge, als hätte ich sie nie gekannt?  Da stehe ich plötzlich inmitten einer Welt, angstvoll wie ein Kind und schreibe Kindergedichte.

Auf leisen Sohlen schleicht manchmal das Glück
über Stock und Stein, stolpert, strauchelt, stakst
und lässt sich nieder als kleine Feder auf deinem Bein.

Dieses Kindergedicht stammt aus meinem neuen Buch „Es flattert und singt, Gedichte und mehr und alles für Kinder“,
das erscheinen wird in diesem Herbst.

Heute Abend habe ich die Fahnen gelesen und mich gefreut wie ein Kind  am Dichten zwischen Hahn und Henne im Hühnerstall inmitten der CoronaTage. Ist es nicht so? Wo das Unsichtbare sein Unwesen treibt, dichtet das Kind dagegen an, gegen die Dünnhäutigkeit, dem ‚Aussätzig Geworden Sein‘, dem Ausgesetzt-Sein der Sätze. 
Wieder läuten die Glocken, rufen, als wollten sie mich in meiner stillen Verzweiflung trösten. Sie singen, sie dichten die Glocken, verbinden Himmel und Welt.

Heute sprach ich mit Friederike Mayröcker am Telefon und wir beschlossen, den Fuss in die Luft zu setzen, gemeinsam, dass sie trüge, war unsere Hoffnung mit Hilde Domin, die sie mag, wie das Gedicht, 
ebenso jenes, das Angelika Kaufmann, die Freundin, schreibt, Tag für Tag, schon zum 80. Mal
immer und immer wieder auf ein neues Blatt. 

zwei feuchte Lappen
Seele und Leib
                      Friederike Mayröcker

Ein bisserl schreibe sie noch gegen die Angst und bald, sagte FM, wenn der Spuk vorüber ist, treffen wir uns im Café Sperl.

Es liegt in der Luft, dieses Gedämpfte, Abstand halten, Tröpfchen, die uns Krankheit und Tod bringen können: verhalten die Stimme, das Lachen gedämpft … Wie wesentlich ist uns der Mund, das Wort – als hätte man es uns verboten?

Dabei umhüllt uns die Natur mit solcher Schönheit, mit solchem Blühen, einem unerwartet frühen Sommer, dem kreisenden Milan, dem Ruf der Amsel, mit duftendem Flieder, weißen und schwarzen Tulpen, Päonien, Akelei, Löwenzahn, Wiesenschaumkraut, Ehrenpreis… und immer doch der Gesang der Vögel am Morgen und diesem Blau und dem Wolkenspiel des Himmels.

Es wird gesagt, dass das „Herunterfahren“ der Natur gutgetan habe, dem Klima geholfen, die Verschmutzung reduziert, nur mit dieser rätselhaften Bedrohung kommen wir nicht zurecht, wie sollten wir auch? Wir haben genug von der Quarantäne und trotzdem sehne ich mich wieder nach einer Art Abgeschlossenheit, den Zimmerkonzerten, dem Bei-Sich-Sein, natürlich ist dies privilegiert…
Und dann ist da Europa, was ist dir, altem Europa? In der Übertragung des Europa Konzerts der Berliner Philharmonie mit Abstand und kleiner Besetzung, höre ich Musik, spüre etwas rätselhaft Gemeinsames, wir sind im gleichen Boot, bei den „Fratres“ von Arvo Pärt, bei Ligeti und Mahler überkommt mich für einen kurzen Moment dieses Gefühl der Verbundenheit, des Trostes. Wie ist es eine Stunde danach?
Zahlt es sich aus, dieses bedingungslose Grundeinkommen?
Ich denke an Aristoteles, der mich als Jugendliche so beeindruckte mit seiner Nikomachischen Ethik und an den biblischen Text vom Weinbergbesitzer. Was ist gerecht? Was gewährt ein gutes Leben?
Die Freiheit bleibt uns sowieso, etwas daraus zu machen oder auch nicht.
Was ist die Erde, die uns alle leben lässt, die wir ausbeuten?
Sind wir nicht alle nur Gewordene aus Geschenktem, Empfangenen, aus dieser rätselhaften Mahlzeit, dem 1:1 eingelösten Stoffwechsel?
Es wird nicht überall gejammert, Veränderungen werden konstatiert im alltäglichen Miteinander, wir erkennen uns hinter, unter der Maske, wir sind müde, vereinzelt, betroffen, haben uns eingerichtet oder auch nicht, sind verzweifelt, fühlen uns wohl.
Und heute, der 8. Mai, das Ende des 2. Weltkrieges, 75 Jahre danach. 
Das „Lacrimosa“ im Essener Dom in Abstand und Nähe. 
Was ist nur Leben? Und was Sterben?
Nichts mehr ist wie zuvor. 

Ich höre das Plätschern des Brunnens, sehe den Mond, der aufgeht…
es gibt diese kleine Pause nach dem Regen, wo alles noch nass ist und doch
der Weg, die Straße trocken erscheint.
Heißt etwas begreifen, sich verwandeln? Und ich spreche leise:

zwei feuchte Lappen
Seele und Leib

zwei feuchte Lappen
Seele und Leib

und dann lese ich FM und mir zugleich diese Zeilen vor:

Zwei Wahrheiten nähern sich
einander. 
Eine kommt von innen, eine kommt
von außen,
und so sie sich treffen, hat man eine 
Chance, 
sich selbst zu sehen. 
Tomas Tranströmer

Es kommt Regen heute noch und während ich aus dem Fenster schaue, sind sie nahe, die Berge, zum Greifen nahe aus Österreich und der Schweiz,
herzlich grüsse ich hinüber  nach Schaan

Waren da zwei Wahrheiten, die sich einander nähern, 
Die eine kommt von innen, eine von aussen
und so sie sich treffen, hat man eine Chance, 
sich selbst zu sehen?

Antonie Schneider        

Schaan, 6. Mai 2020

liebe antonie schneider

wir haben in kurzer vorkorrespondenz verschiedene felder berührt.

die pandemie hat viele, insbesondere künstlerische freiberufler über das verschärfte prekariat hinaus in unmittelbare not gestürzt. die lohnarbeit ist weggebrochen. 
zu sagen und zu tun gibt es immer. arbeit geht nicht aus,  vieles gelingt sogar in grosser dringlichkeit besser. aber die lohnarbeit versiegt.
die arbeitsleistung lässt sich nicht mehr verdingen, bleibt einstweilen unvermittelbar, auch wortwörtlich, da keine bühne, keine plattform, kein öffentlicher raum zur verfügung steht. 
die öffentlichkeit wurde bis auf weiteres reduziert bzw. plombiert:
machen „geisterspiele“ in imaginären treibhäusern oder zirkuszelten sinn?

anders betrachtet: die formen der  wirksamkeiten verändern sich, bei virulenter vorhandenheit der eigenen person, der es immer weniger gelingt, lebensmittel zu produzieren.
man lebt nicht von luftwurzeln, lebt nicht vom verschieben, sondern von 1 : 1 eingelöstem stoffwechsel.
es verhält sich paradox. wenn die gering vorhandenen reserven aufgebraucht, zahlt sich trotz gesteigerter produktivität
die präsenz nicht mehr aus.
ausgesetzt, ‚aussätzig‘ geworden, kommt man ‚in die sätze‘; beginnt, weiter zu denken. 
es schmerzt, dass leute in sog. risikoberufen unverschuldet in existenzielle not geraten sind.
aber welche berufe sind keine risikoberufe?
welchen ausweg gibt es? 
keine(r) der freiberufler gibt sich mit staatlichen almosen zufrieden.
wann, wenn nicht jetzt ist die zeit reif für ein bedingungsloses grundeinkommen?

ich gestehe, sehr privilegiert zu sein: meine lebensmittel verdiene ich durch verschiedene (noch krisenfeste) projektarbeiten oder ‚parallelaktionen‘ als ‚funktionär‘,
sporadische einkünfte durch ein buchantiquariat. bin dankbar, dass es so ist.
nüchtern beobachte ich: quarantäne ist künstlern und autoren kein fremdwort, es ist schlichtweg die arbeitsbedingung im atelier. 
sich isolieren, sich zurückziehen, sich aussetzen in den engsten, eigenen kreis, zu sich kommen, bei sich sein, ist die voraussetzung aller kunst. 
«… geh mit der kunst in deine allereigenste enge. und setze dich frei.» schreibt paul celan.
die kunst der engführung lernt man nie genug. wie vertraut auch immer man mit den stimmen in der kunst der fuge.
kunststück: zurückgeworfen auf sich selbst, blättert einer in höchsten realisationen, liest, schaut und hört dinge,
die eine/r liebt, die einem notwendig, wie das atmen.
das kosten von lebenselexier, die sehnsucht nach dingen, die einem heilig sind. 
die rückkoppelung zu dem, was eine/r als wesentlich erkennt.
das eintreten in einen strom von selbstvergessenheit.
sich einschreiben, der spur folgen, die man selber wird. 
der satz von edmond  jabès, den sie als zusatz am schluss eines briefes hinschrieben, klingt nach.
ich wiederhole ihn:  «als ich, noch kind, zum ersten mal meinen namen schrieb, war mir bewusst, dass ich ein buch begann…» 
dem beginnen in der beginnlosigkeit bewusst werden. das aufgreifen von fäden, nachdenken, denken, was bei paul valéry ‚den faden verlieren‘ heisst.
den knoten sehen, in den einer selber geknüpft, die schlaufe, die einen fasst, das gewebe in dem man hineinverwoben.
ich meine, man wird porös und wach, im dialekt heisst es bei uns ‚pluug‘, was dünnhäutig, fragil oder geschwächt bedeutet, 
ein unübersetzbares wort.

über das unübersetzbare beginne ich nachzudenken und mich in gedanken zu verlieren.

ich grüsse sie herzlich ins allgäu, hansjörg quaderer

Cara Roberta. ist ein Kooperationsprojekt von Literaturhaus Liechtenstein, Literaturhaus & Bibliothek Wyborada, dem SAAV und literatur.ist.