Datum
18.05.2020
Cara Roberta.
Ein Briefwechsel zwischen Unbekannten. Barbara Ladurner und Paolo Crazy Carnevale
Kategorie
Projekt
Schlagworte

18. Mai 2020

Liebe Barbara!

Die Schlussworte deines Briefes haben mir das Lied eines texanischen Rockmusikers in Erinnerung gerufen, den ich sehr mag: wir blicken auf dieselben Sterne, sein Kontext war ein anderer, der Kern aber bleibt der gleiche, und wir blicken auf dieselben Berge. Und so haben wir, obwohl wir uns nicht kennen, schon etwas, das uns verbindet, außer dem Schreiben natürlich, der Ausgangsbasis dieses Briefwechsels.

Über die Sterne weiß ich wenig, die Berge aber liebe ich, ich liebe sie mit der Hassliebe, die man letztlich oft für jene Dinge empfindet, die uns am meisten berühren, ich betrachte sie gern, doch ich hasse die Kälte, ich stehe gern oben, doch ich hasse es, vom Aufstieg Knieschmerzen zu bekommen. So sind wir eben, wir Menschen: im Verlauf von Jahrtausenden herausgebildete Merkmale und Probleme, und mittlerweile ändert uns keiner mehr.

Mir gefallen die Gipfel, ich wandere aber auch gern im Flachland (wahrscheinlich eben wegen der besagten Kniebeschwerden), ich mag die Wälder, die Lichtungen, die Luft, die man atmet, den Duft dieser Luft, den Unterholzgeruch. Früher bin ich wirklich viel gewandert, musst du wissen. Wenn ich dir jetzt aber sagen müsste, welches mein Lieblingsberg ist, nun, da bringst du mich ein wenig in Verlegenheit. Nicht so sehr, weil ich keinen habe, sondern weil es in etwa so ist wie beim berühmten Buch, das man auf die einsame Insel mitnimmt. Es hängt davon ab, wann man dich danach fragt, von deiner momentanen Gemütsverfassung, glaube ich, nicht jeden Tag würde man letztendlich den gleichen Titel nennen und dann, seien wir ehrlich, ein einziges Buch für die einsame Insel ist doch etwas wenig.

Im Augenblick empfinde ich, dass es mit den Bergen in etwa genauso ist. Ich könnte dir den Mauna Kea nennen, einen sehr hohen Vulkan auf den Hawaii-Inseln, ich war noch nie oben, habe ihn von unten gesehen, er befindet sich aber auf einer Insel, die mir sehr gefällt und auf die ich mich in der Fantasie zurückziehe, wenn mich das Fernweh überkommt. John Steinbeck, mein Lieblingsautor, meinte, der eine reise, um Bücher zu schreiben, der andere schreibe Bücher, um im Kopf zu reisen, ich habe mich immer ein bisschen zwischendrin gefühlt.

Um auf die Berge zurückzukommen, ich könnte auch sagen, die im Passeiertal, von wo mir ein wunderschönes fünftägiges Trekking dauerhaft in Erinnerung bleibt, oder der Becco di Filadonna, ein niedriger Gipfel im Trentino mit atemberaubendem Ausblick. Wahrscheinlicher ist jedoch, dass ich die Dolomiten sage, unsere Hausberge, die ich von meiner Stadt aus sehe, den Rosengarten, der mit seinem Profil mein Bozen Town beherrscht. Es ist der Berg, den ich täglich auf meinem Weg zur Arbeit ins Museum sehe und den ich den Museumsbesuchern zeige, wenn ich sie auf die Turmspitze führe und ihnen Geschichten erzähle, die mit den Bergen, die wir sehen, zu tun haben, denn darauf verstehe ich mich im Grunde am besten: erzählen. Worüber schreibst du denn gewöhnlich, Barbara?

Erzählen ist die Essenz meines Lebens, um welche Art von Erzählung es auch immer gehen mag, das habe ich von meiner Mutter und meiner Großmutter geerbt, das ist alles in den Genen, im Reinzustand. Wichtig ist, jemanden zu finden, der bereit ist, dir zuzuhören, sich selbst zu erzählen, ist hart. Ich denke an meine Großmutter und frage mich, was sie von dieser ganzen Geschichte mit der Pandemie gehalten hätte, sie, die zwei Weltkriege und die famose Spanische Grippe mitgemacht hat … Obwohl sie jetzt weit über hundert Jahre alt wäre, und in Anbetracht der Erziehung, die sie genossen hat, glaube ich, dass sie sie nicht als Strafe Gottes angesehen hätte. Sie war eine aufgeklärte Frau.

Auch wenn die christliche Religion den Leuten zu viele Jahrhunderte lang von einem strafenden, strengen und schrecklichen Gott erzählt hat. In gewisser Weise ein bisschen das Gegenteil jener olympischen Götter, von denen du mir in deinem Brief schreibst: die waren im Vergleich dazu Operettengötter, wenn man so sagen kann, zu unsäglichen Bosheiten fähig, gewiss, doch voller Fehler: Neidhammel, unverbesserliche Sünder und Gauner, genau wie die Menschen, die sie sich so ausgedacht hatten, nach ihrem Ebenbild. Ganz das Gegenteil vom Gott der Christen. Und von dem der anderen Monotheisten.

Ich bin drauf und dran, mich auf ein Minenfeld zu begeben, und verlasse es schnell wieder, bevor ich mich darin festfahre. Worauf ich hinauswollte, ist jener Punkt in deinem Brief, an dem du auf die Desertifikation und auf den Klimawandel zu sprechen kommst, ein Thema, das uns allen nahegeht, eines der vielen, gegenüber dem ich mich gleichzeitig ohnmächtig und schuldig fühle: ohnmächtig, weil ich nicht sehe, was meine getrennte Müllsammlung nützt (die ich auf jeden Fall weiterhin praktiziere), während in den Ozeanen ganze Plastikatolle entstehen; schuldig, weil ich mir vollkommen bewusst bin, dass der Verzicht auf so viele unverzichtbare Bequemlichkeiten unserer Tage der Umwelt helfen könnte.

Was mich an diesem Virus-Notstand beeindruckt hat, ist die Feststellung, dass die Zwangsklausur, zumindest in der ersten Phase, zu einer zeitweiligen Entvölkerung der besiedelten Räume geführt hat, und ich beziehe mich genau auf unsere Alpenräume: mit den gezwungenermaßen zu Hause eingeschlossenen Menschen ist es in einigen Dörfern des Trentino dazu gekommen, dass sich Wildtiere (Bären und Steinböcke) bewohnten bzw. unbewohnten Gebieten näherten und sogar auf Balkone kletterten. Ich kann mir nicht helfen, aber ich denke, das ist eine Folge der Quarantäne. Was meinst du?

Eher als eine Strafe scheint mir das eine Warnung von Mutter Natur zu sein, die zu Recht darüber erbost ist, wie wir mit ihr umgehen.

Manche glauben, dass das Schlimmste schon vorbei ist. Weißt du, Barbara? Ich bin mir da nicht so sicher. Die Kriege, die unsere Großeltern und Eltern erlebt haben, waren zweifellos schlimmer, doch ich traue mich nicht, einen Schlussstrich unter dieses unerwartete Ereignis zu ziehen, gegen das es noch kein Gegenmittel gibt. Ich versuche, optimistisch zu sein, doch die Aussicht erscheint mir düster und bedrohlich. Ich versetze mich in die Lage jemandes, der, so wie du, kleine Kinder hat, ich denke, es ist eine moralische Pflicht, auf eine unbeschwerte Zukunft zu hoffen, für sie zumindest. Andererseits wird, wie du geschrieben hast, der versprengte Samen von heute zur Blume von morgen gedeihen und, wenn ich mich in diesem verrückten, beispiellosen Frühling so umschaue, sehe ich die Natur erblühen, diesem unserem Menschengeschlecht mit seinen Fehlern und Mängeln zum Trotz.

Und mit diesem positiven Befund (nicht in Bezug auf das Virus!) wünsche ich dir einen schönen Abend, bis bald,

aloha, wie man im Schatten des Mauna Kea sagt

Paolo
übersetzt von Werner Menapace

Cara Barbara!

Le ultime parole della tua lettera mi hanno portato alla mente una canzone di un rocker texano a me molto caro: vediamo le stesse stelle, il suo contesto era diverso ma il succo resta il medesimo, e vediamo le stesse montagne. E quindi, pur non conoscendoci, abbiamo già qualcosa che ci accomuna, oltre la scrittura naturalmente, che è il fondamento su cui si basa questo epistolario.

Di stelle so poco, ma amo le montagne, le amo di quell’amore/odio che spesso si finisce per provare per le cose che ci toccano maggiormente, amo guardarle ma odio il freddo, amo starci sopra ma odio il fatto di aver male alle ginocchia per poterci salire. Siamo fatti così noi esseri umani: caratteri e problematiche forgiati nell’arco di millenni e ormai non ci cambia più nessuno.

Mi piacciono le cime ma mi piace anche camminare in piano (probabilmente proprio per quel male alle ginocchia di cui ti dicevo), e mi piacciono i boschi, le radure, l’aria che si respira, il profumo di quell’aria, gli odori del sottobosco. Una volta camminavo davvero tanto sai? Però da qui a saperti dire quale sia la mia montagna preferita, beh, mi metti un po’ in crisi. Non tanto perché non ne abbia una, ma perché credo sia un po’ come il famoso libro da portare su un’isola deserta.Dipende da quando te lo chiedono, dal tuo stato interiore del momento credo, non tutti i giorni si finirebbe col dire lo stesso titolo, e poi diciamocelo, un libro solo per l’isola deserta è un po’ poco.

In questo momento sento che è un po’ la stessa cosa con le montagne. Ti potrei dire il Mauna Kea, un vulcano altissimo delle Hawaii, non ci sono mai stato sopra, l’ho visto da sotto, ma si trova su un’isola che mi piace molto e dove mi rifugio con la fantasia quando sento la nostalgia del viaggiare. John Steinbeck, il mio autore preferito, diceva che qualcuno viaggia per scrivere libri, qualcun altro scrive per viaggiare con la fantasia, io mi sono sempre sentito un po’ nel mezzo.

Ma tornando alle montagne, potrei dire anche quelle della Val Passiria, dove ho il ricordo permanente di un bellissimo trekking di cinque giorni, o il Becco di Filadonna, una piccola cima trentina con un panorama mozzafiato. Più prevedibilmente dirò invece le Dolomiti, le montagne di casa, quelle che vedo dalla mia città, il Catinaccio col suo profilo che domina la mia Bozen Town. È la montagna che vedo tutti i giorni recandomi al museo per lavorare, ed è quella che mostro ai visitatori del museo quando li accompagno in cima alla torre, raccontando loro qualche storia legata alle montagne che vediamo, perché questa è la cosa che mi viene meglio in fondo: raccontare. Tu di cosa scrivi di solito, Barbara?

Raccontare è l’essenza della mia vita, di qualunque tipo di racconto si tratti, l’ho ereditato da mia mamma e da mia nonna, è tutto nel DNA, allo stato puro. L’importante è trovare qualcuno disposto ad ascoltarti, altrimenti è dura a raccontarsela da soli. Penso a mia nonna e mi chiedo cosa avrebbe pensato di tutta questa storia della pandemia, lei che aveva visto due guerre mondiali e la famosa epidemia spagnola… Nonostante ora avrebbe molto più di cent’anni e considerata l’educazione che aveva ricevuto, credo che non l’avrebbe considerata un castigo divino. Era una donna illuminata.

Anche se la religione cristiana per troppi secoli ha raccontato alla gente di un dio punitore, severo e temibile. Per certi versi un po’ l’opposto di quegli dei dell’Olimpo di cui mi scrivi nella tua lettera:

quelli a confronto erano divinità da operetta, se così possiamo dire, capaci di cattiverie indicibili, certo, ma pieni di difetti: invidiosi, peccatori incalliti e cialtroni proprio come quegli uomini che se li erano inventati così, a propria immagine e somiglianza. Tutto l’opposto del dio dei cristiani. E di quello degli altri monoteisti.

Mi sto addentrando in un territorio minato, e ne esco prontamente prima d’impantanarmi. Quello a cui volevo arrivare era il punto della tua lettera in cui fai riferimento alla desertificazione e ai cambiamenti climatici, un tema che ci tocca tutti da vicino, uno dei tanti nei cui confronti mi sento al tempo stesso impotente e colpevole: impotente perché non vedo a che serva la mia raccolta differenziata dei rifiuti (che continuo a fare comunque) nel momento in cui vediamo crearsi interi atolli di plastica negli oceani; colpevole in quanto sono pienamente consapevole che rinunciare a tante irrinunciabili comodità dei nostri tempi potrebbe essere d’aiuto all’ambiente.

Una cosa che mi ha colpito di questa emergenza virale è stato vedere come la clausura coatta abbia portato, almeno nella prima fase, ad un temporaneo spopolamento delle zone antropizzate, e mi riferisco proprio alle nostre zone alpine: con la gente chiusa in casa forzatamente, in un paio di paesi del Trentino ci sono stati casi di animali selvatici (orsi e stambecchi) che si sono avvicinati ai centri abitati/disabitati fino al punto di entrarvi arrampicandosi sui balconi. Non riesco a non pensare che sia un effetto della quarantena. Ti pare?

Più che un castigo, mi viene da pensare ad un ammonimento da parte di madre natura, a buon diritto arrabbiata per come la trattiamo.

Qualcuno pensa che ormai il peggio sia passato. Sai Barbara? Io non riesco ad averne la certezza. Le guerre viste dai miei nonni e dai miei genitori sono state sicuramente peggio, ma non me la sento di mettere la parola fine su quest’esperienza inattesa e ancora senza rimedio. Provo ad essere ottimista, ma l’orizzonte mi pare fosco e minaccioso. Mi metto nei panni di chi come te ha bimbi piccoli, immagino che sia un dovere morale sperare in un futuro sereno, per loro almeno. D’altra parte, come scrivevi, i semi sparsi oggi fanno crescere i fiori di domani e, guardandomi attorno in questa pazza primavera senza precedenti, vedo la natura andare avanti, alla faccia di questa nostra difettosa razza umana.

E su questa dichiarazione di positività (non al virus!), ti auguro una buona serata, a presto, aloha, come si dice all’ombra del Mauna Kea

Paolo

15. Mai 2020

Lieber Paolo!

Es ist Abend und ich blicke ein letztes Mal aus dem Fenster, bevor ich die Jalousien schließe. Vor mir ragt die Zielspitze in den schwarzen Himmel, nebelverhangen, wie der Olymp, auf dessen Gipfel die Götter hausen, im Verborgenen. Die Zielspitze ist mein absoluter Lieblingsberg. Ich war aber noch nie oben. Hast du einen Lieblingsberg, Paolo?
Wo die Götter hin sind, frage ich mich. Ob sie auch husten und röcheln, oder ob sie im Schatten ihrer Unantastbarkeit ihrem ewigen Leben frönen, fernab von jeglichem menschlichen Leid und Sterben, im Glanze der Unendlichkeit. Langweilig eigentlich, nicht wahr, aber faszinierend erhaben in einem Sumpf kurzlebiger Geschöpfe und deren Erzeugnisse. Häuser auf Sand, manchmal nur Marmor, aber die Desertifikation schreitet gerade in Zeiten wie diesen unerhört voran, vielleicht auch der Klimawandel dran schuld. Ob der geistige Schrott der dunklen Materie gleicht, die die Sterne am Himmel erst zusammenleimt? Der Schein heller Ideen wirkt lang, aber wir wissen heute, dass ihr Licht oft erst die Weltbühne erreicht, wenn der Himmelskörper dahinter schon lang erloschen. Und dann ist es manchmal zu spät. Nur noch bunter Sternenstaub, der sich tröstlich auf das matte Grab legt. Nebel eben, wie er die Zielspitze heute großzügig umbauscht. Nicht ein Lichtstrahl ringt sich durch zu uns. Dabei hatte mich die letzten Wochen hinweg immer wieder ein helles Leuchten rechts des Gipfels fasziniert, nicht der Sirius, vielleicht die Venus oder der Merkur. Sie sollen sich ja momentan auf derselben Höhe befinden, von hier unten aus gesehen. Dabei ziehen die beiden Planeten ihre Kreise auf völlig verschiedenen Umlaufbahnen. Aber hier für das ungeschulte Auge zum Verwechseln ähnlich. Tückisch. Doch ich kenne mich mit Astronomie nicht aus. Manchmal betrachte ich die Flut der Informationen und Gegeninformationen und weiß nicht, auf welcher Seite ich der Sonne näher bin. Kennst du dieses Gefühl, Paolo? Ich spüre dann nur dieses wachsende Unbehagen und dieses vereinnahmende Bedürfnis, es in Worte zu fassen, zu artikulieren, ja hinauszuschreien in eine abgestumpfte Welt, die sich schon längst an alles und viel mehr gewöhnt hat und mühselig ihren Ballast Umdrehung für Umdrehung mit sich wälzt. Doch dann ertappe ich das Rotieren meiner Gedanken, die sich ebenso beschwerlich im Kreise drehen und vergeblich plagen, im Hamsterrad der genormten Scheinwirklichkeit mehr als nur die Denkmühle selbst zu bewegen. Und schließlich erkenne ich, dass mir schlecht wird von diesem ständigen Purzelbaumschlagen und ich mache einfach nicht mehr mit, aber der Schädel schwirrt noch immer, und die Welt scheint abwechselnd kopfzustehen. So falle und erhebe ich mich, taumle und stehe, irre und erringe ich, den Blick fest auf den geliebten Gipfel gerichtet, besser noch auf das Himmelslicht daneben, so fern unddoch so nah, auf der Suche nach einer Wahrheit, die es gibt, nicht in tausend Scherben, zersprungen im Fall, sondern rein und rund wie die gläsernen Murmeln der Götter, die sich damit im Schatten der Wattewolken die Zeit vertreiben. Ob sie herabblicken und lachen, frage ich mich, angesichts des rührseligen Auslotens unserer viel zu straff gezogenen Grenzen. Mauern und Zäune, jetzt wieder maschinengewehrbewacht. Aber was nützen mir das Spielen des Zeus, der Hera und deren Kinder, während unsere auf Leistung getriggert in einer nicht nur seit Corona viel zu beengten Welt hergetrieben werden vor dem kategorischen Imperativ eines perversen Wirtschaftssystems, dessen Höher-Schneller-Weiter in keinem Maße mit einem ethischen, geistigen, sozialen oder emotionalen Fortschritt zu korrelieren vermag. Ich jedenfalls wünsche mir keine Vergeltung jenseits des Olymps, sondern ein bisschen mehr Himmelreich auf Erden. Es ist zum Greifen nah. Außerhalb des eigenen Kosmos Ich, einen Schritt vom Du und eine Armlänge vom Wir entfernt. Hier fängt die Freiheit an, ein wirklich dauerhaftes Licht an dem Himmel zu entzünden, auf den wir alle und auch zukünftige Generationen aufblicken werden, klagend, weinend, verzweifelt und lachend, dankend, hoffnungsfroh.

Die Nacht ist sehr dunkel und kalt, ungewöhnlich kalt für diese Jahreszeit. Der Mensch braucht wieder Wärme und Nähe in dieser pseudokontaktreichen Gesellschaft, deren Losigkeiten sich schon längst in die Herzen der Menschen gefressen haben. Freudlos, kontaktlos, hoffnungslos, energielos, ziellos, mutlos, ruhelos, interessenlos, tabulos, schamlos, wertelos. Virale Verbreitung. Unbemerkt und tödlich. Corona als Symptom einer krankenden Gemeinschaft. Leiber gehen zugrunde, Seelen auch – das war des Dramas erster Akt. Regisseure besprechen sich, passende Akteure werden gecastet, das Publikum ist erstarrt vor Schreck. Aber einzelne Stimmen erheben sich, der Chor wird immer lauter, ich mittendrin.

Es ist schon spät, wahrscheinlich ist der Mond schon aufgegangen, nur sehen kann ich ihn nicht. Jede Krise birgt auch Chancen, herrschende Missstände können behoben und ein Neuanfang gewagt werden. Die Herausstellung der Würde, ein dem Menschen wirklich gemäßes Leben, eine humanere Welt – das sind keine Träumereien zu schläfriger Nachtzeit, das ist vielmehr das Gebot der Stunde für uns alle. Gedanken, Ideen, Visionen führen zu Handlungen und konkreten Ergebnissen im Hier und Jetzt, auf dessen Boden der versprengte Samen von heute zur Blume von morgen gedeihen wird.

Nun grüße ich dich herzlich, lieber Paolo, und freue mich darauf, von deiner Gedanken- und Lebenswelt zu erfahren. Ich kenne dich nicht – aber wir blicken auf dieselben Sterne und dieselben Berge, das fühlt sich vertraut an.
Liebe Grüße,
Barbara

Cara Roberta. ist ein Kooperationsprojekt von Literaturhaus Liechtenstein, Literaturhaus & Bibliothek Wyborada, dem SAAV und literatur.ist.