RaumBildGeschichten ©Frauke Kühn
Ich warte an der Bushaltestelle mitten im Ortskern. Emsbachrauschen, das sich mischt mit jenem der vorbeifahrenden Autos. Mit dem Rascheln einer Packung Kerne in der Hand des alten Mannes neben mir. Kern für Kern, erst hochkant in seiner Hand, dann das spitze Ende zwischen den Schneidezähnen. „Auch einen?“

In einer fortlaufenden Serie von RaumBildGeschichten nehmen sich die Autorin Sarah Rinderer und die Illustratorin Katharina Ralser in Hohenems Zeit, über Raum nachzudenken und dabei Themen der Raumplanung in öffentlichen Interventionen zur Sprache und ins Bild zu bringen. Dafür verwandeln sie die Bushaltestelle am Schlossplatz in eine begehbare Graphic Novel, einen literarischen Comic, und laden alle Wartenden, Vorbeikommenden und Ankommenden in ungewöhnliche Geschichten und zu außergewöhnlichen Raumerfahrungen ein. Die Bildsprache der Graphic Novel, einer der Schwerpunkte des künftigen Literaturhauses Vorarlberg, das 2023 in der Hohenemser Villa Iwan und Franziska eröffnet werden wird, spielt immer wieder mit der pointierten Darstellung von Räumen. Nun wird das Genre selbst zum Medium für lustvolle fiktive Raumerlebnisse.

Ortskerne knacken

©Frauke Kühn


Ortskerne knacken lautet der Titel der ersten RaumBildGeschichte in der Bushaltestelle am Hohenemser Schlossplatz. Damit steht gleich zum Start der Interventionen ein für die Stadtentwicklung Hohenems zentrales Thema im Fokus. Über die Sprache schafft die mehrfach ausgezeichnete Bregenzer Autorin Sarah Rinderer jetzt und in den Fortsetzungen, die im Sommer und Herbst folgen, fiktive literarische Sequenzen, die sich langfristig in Form von Miniaturgeschichten auch innerhalb Vorarlbergs durch die Regionen und öffentlichen Räume erzählen und dabei unterschiedliche ortsrelevante Themen der Raumplanung thematisieren. Die literarischen Erzählmomente werden von der Hohenemser Illustratorin Katharina Ralser, Trägerin des European Design Awards, in eine poetische Bildsprache im Sinne einer Graphic Novel übersetzt. Über skizzenhaft gedachte Figuren, Objekte und Farben werden die Menschen in Vorarlberg zur Identifikation eingeladen. Sie erleben mit den Geschichten, die in loser Reihenfolge aneinander anknüpfen, überraschende, fantastische, berührende Raum-Momente. So entsteht allmählich, Sequenz für Sequenz, ein feines Netzwerk an Erzähl-Zusammenhängen, das der Thematik gleichermaßen Komplexität wie Kontinuität verleiht. 

Katharina Ralser hat uns exklusiv ein paar Ortskernfragen beantwortet und gibt damit Einblick hinter die Kulissen des Projektes.

Raum erleben

Ortskerne der Konditorei Fenkart ©Frauke Kühn

In den nächsten Monaten werden unterschiedliche abwechslungsreiche Begleitaktionen die RaumBildGeschichten und ihre Themen in ganz Hohenems erlebbar machen. So hat die Konditorei Fenkart exklusiv für den Start des Projektes Ortskerne zum Naschen kreiert, die in Hohenems erhältlich sind. Während die Abteilung für Raumplanung des Landes im Sommer zu Wahrnehmungsspaziergängen einladen wird, werden Schüler_innen der Mittelschule Hohenems Herrenried im Herbst mit den Autor_innen Ruth Schmiedberger und Amos Poster den Geschichten ihrer Lieblingsorte nachspüren und das Flüstern der Stadt Hohenems über Texte an die Oberfläche spielen. Bereits im Mai werden auch die Busse der VVV zur Erzählbühne der RaumBildGeschichten. In kleinen animierten Clips gehen die Geschichten der Bushaltestelle am Schlossplatz mit den Fahrgästen in Hohenems und in Vorarlberg auf den Weg und erzählen sich auf charmante Weise weiter.

Zukunftstaugliche Raumplanung

Ausgangspunkt der RaumBildGeschichten ist das Raumbild Vorarlberg 2030, das als landesweites räumliches Leitbild die Richtung für eine zukunftstaugliche Raumplanung vorgibt, die zahlreiche Chancen für einen qualitätsvollen Lebensraum und den Standort Vorarlberg birgt. Es baut auf den Stärken des Landes auf und hat das Ganze im Blick: Siedlungsraum, Wirtschaft, Mobilität, Natur, Landschaft und die gemeindeübergreifende Zusammenarbeit. Das Raumbild wurde in breiter Beteiligung der Gemeinden, Regionen Vorarlbergs und der Interessensvertretungen erarbeitet. 

Die RaumBildGeschichten in Hohenems zeigen, dass der private wie der öffentliche Raum zur spannenden Welt werden kann, wenn Literatur und Kunst ihn einfallsreich in Frage stellen und seine gegebenen Gesetzmäßigkeiten aufbrechen. Gleichzeitig stärkt diese außergewöhnliche Zusammenarbeit zwischen Raumplanenden und Künstler_innen das Bewusstsein für die Bedeutung von Planungsprozessen bei den Menschen und laden sie zum Mitmachen ein. Raumplanung und Stadtentwicklung lässt sich nicht immer leicht vermitteln, die RaumBildGeschichten öffnen die Alltagsbühne dafür, diese Themen über lebendige Inhalte lustvoll zu erzählen.

Eine Kooperation von literatur.ist, der Abteilung für Raumplanung und Baurecht des Landes Vorarlberg und der Stadt Hohenems.