Ich 
… kaum Zeit für … naja, egal … hast du inzwischen … 

Du 
… schon wieder so viel seit wir uns das letzte Mal … 

Ich 
… schau, die Kinder … 

Du 
Wir haben uns ja draußen auch immer alles zu Nutzen gemacht … 

Ich 
… zwischen, mehrfach, neben, nacheinander …
Alles wurde für einen bestimmten Zeitraum zu etwas anderem. 

Du 
Der Gehsteig eine Ladenzeile. Für altes Spielzeug und Bilderbücher. Die Straße eine Bühne, ein Rollschuhhockeystadion zwischen zwei Kanaldeckeln. Wir haben den sicheren Ort beim Fängerlis auf den Asphalt gemalt. 

Ich 
Echt? 

Du 
Oder gleich das ganze Rheintal. 

Ich 
Ahja, stimmt, das weiß ich noch, und wir auf den Fahrrädern die Buslinien. Stofftierpassagiere auf den Gepäckträgern. 

Du (lacht) 
Du hattest immer Verspätung. 

Ich 
Und überall Straßenkreidestaub. 

Du 
Ein anderes Mal sind wir einen Parcours geritten. Auf sonnenwarmen Satteln. 

Ich 
Wir waren schon zwei so Sommerkönige… 

Du 
Ja, und das Versteck zwischen in den Baum gehängten Tüchern unser Palast… 

©Frauke Kühn

zwischen nutzen

Mit der zweiten RaumBildGeschichte an der Bushaltestelle am Schlossplatz in Hohenems erinnern uns Autorin Sarah Rinderer und Illustratorin Katharina Ralser an die Zeit unserer Kindheit. Eine Zeit, in der wir alle jeden Raum im Handumdrehen erobern und in unzählige Varianten verwandeln konnten. Da wurde der winzige Platz unter dem Esstisch zum eigenen Haus mit Fenstern, der öffentliche Park zum Turnierparcour mit gedachten Hindernissen und Pferden, der Weg zur Schule zur Rennstrecke, auf der Weltrekorde möglich waren.

Hohenems ist beispielhaft für eine Stadt, die sich seit geraumer Zeit im Wandel und der Entwicklung befindet. Dabei birgt auch der Ortskern, der auf den ersten Blick fixiert und codiert wirkt, das Potenzial neu gedacht zu werden. Wenn Straßen und Plätze vom Verkehr entlastet, mit neuen Funktionen bedacht und sortiert werden, gibt es nicht nur die Chance, dass sich die Bewohner:innen der Stadt den öffentlichen Raum auf neue Weise erobern, sondern auch, dass die Flächen längst vergangene Nutzungen wieder zurück in unsere Gegenwart spielen.

©Frauke Kühn

Die kreative Neunutzung und Zwischennutzung gewohnter Flächen führt dazu, dass ungewöhnliche Perspektiven auf vermeintlich längst Bekanntes geöffnet werden. Hier kann eine neue Erlebnisqualität des öffentlichen Raumes entstehen, der zum Ankommen, Verweilen, Flanieren, zum Betrachten ebenso wie zur Aktion einlädt und somit zu einer wortwörtlichen Begegnungszone avanciert.

RaumBildGeschichten

Nach dem Knacken von Ortskernen nehmen sich Sarah Rinderer und Katharina Ralser erneut Zeit, um in Hohenems über Raum nachzudenken und dabei Themen der Raumplanung in öffentlichen Interventionen zur Sprache und ins Bild zu bringen. Dafür nutzen sie die Bushaltestelle am Schlossplatz auf innovative Weise zwischen und verwandeln sie in eine begehbare Graphic Novel, einen literarischen Comic, der alle Wartenden, Vorbeikommenden und Ankommenden in ungewöhnliche Geschichten und zu außergewöhnlichen Raumerfahrungen einlädt.

Die Bildsprache der Graphic Novel, einer der Schwerpunkte des künftigen Literaturhauses Vorarlberg, das 2024 in der Hohenemser Villa Iwan und Franziska Rosenthal eröffnet werden wird, spielt immer wieder mit der pointierten Darstellung von Räumen. Nun wird das Genre selbst zum Medium für lustvolle fiktive Raumerlebnisse.

Über die Sprache schafft die mehrfach ausgezeichnete Harder Autorin Sarah Rinderer jetzt auch in der ersten und ab Herbst in der zweiten Fortsetzung fiktive literarische Sequenzen, die sich langfristig in Form von Miniaturgeschichten auch innerhalb Vorarlbergs durch die Regionen und den öffentlichen Räume erzählen und dabei unterschiedliche ortsrelevante Themen der Raumplanung thematisieren. Die literarischen Erzählmomente werden von der Hohenemser Illustratorin Katharina Ralser, Trägerin des European Design Awards, in eine poetische Bildsprache im Sinne einer Graphic Novel übersetzt. Skizzenhaft gedachte Figuren, Objekte und Farben laden die Menschen zur Identifikation ein. Sie erleben mit den Geschichten, die in loser Reihenfolge aneinander anknüpfen, überraschende, fantastische, berührende Raum-Momente. So entsteht allmählich, Sequenz für Sequenz, ein feines Netzwerk an Erzähl-Zusammenhängen, das der Thematik gleichermaßen Komplexität wie Kontinuität verleiht. 

RaumBildGeschichten für alle

Mit abwechslungsreichen Begleitaktionen werden die RaumBildGeschichten und ihre Themen in ganz Hohenems erlebbar. Während die Konditorei Fenkart exklusiv für den Start des Projektes Ortskerne zum Naschen kreierte, die in Hohenems erhältlich sind, lädt die Abteilung für Raumplanung des Landes gemeinsam mit der Stadt Hohenems im Sommer zu einem Schlossplatzspaziergang ein. Im Herbst werden Schüler_innen der Mittelschule Hohenems Herrenried mit den Autor_innen Ruth Schmiedberger und Amos Poster den Geschichten ihrer Lieblingsorte nachspüren und das Flüstern der Stadt Hohenems über Texte an die Oberfläche spielen. Auch die Busse der VVV werden zur Erzählbühne der RaumBildGeschichten. In kleinen animierten Clips gehen die Geschichten der Bushaltestelle am Schlossplatz mit den Fahrgästen in Hohenems und in Vorarlberg auf den Weg und erzählen sich auf charmante Weise weiter.

©Frauke Kühn


Zukunftstaugliche Raumplanung

Ausgangspunkt der RaumBildGeschichten ist das Raumbild Vorarlberg 2030, das als landesweites räumliches Leitbild die Richtung für eine zukunftstaugliche Raumplanung vorgibt, die zahlreiche Chancen für einen qualitätsvollen Lebensraum und den Standort Vorarlberg birgt. Es baut auf den Stärken des Landes auf und hat das Ganze im Blick: Siedlungsraum, Wirtschaft, Mobilität, Natur, Landschaft und die gemeindeübergreifende Zusammenarbeit. Das Raumbild wurde in breiter Beteiligung der Gemeinden, Regionen Vorarlbergs und der Interessensvertretungen erarbeitet. 

Die RaumBildGeschichten in Hohenems zeigen, dass der private wie der öffentliche Raum zur spannenden Welt werden kann, wenn Literatur und Kunst ihn einfallsreich in Frage stellen und seine gegebenen Gesetzmäßigkeiten aufbrechen. Gleichzeitig stärkt diese außergewöhnliche Zusammenarbeit zwischen Raumplanenden und Künstler_innen das Bewusstsein für die Bedeutung von Planungsprozessen bei den Menschen und laden sie zum Mitmachen ein. Raumplanung und Stadtentwicklung lässt sich nicht immer leicht vermitteln, die RaumBildGeschichten öffnen die Alltagsbühne dafür, diese Themen über lebendige Inhalte lustvoll zu erzählen.

Eine Kooperation von literatur.ist, der Abteilung für Raumplanung und Baurecht des Landes Vorarlberg und der Stadt Hohenems.