Datum
22.06.2022
Ort
Feldkirch, Neustadt
Karte
Kategorie
writers:class
Schlagworte
©FKühn

Es ist früh morgens um 8 Uhr. Wir treffen uns mit den Schüler:innen der Klasse 2c, unserer writers:class an der Mittelschule Hasenfeld in Lustenau, direkt vor ihrer Schule. Es wird heiß werden, aber jetzt ist es noch angenehm kühl. Ein perfekter Vormittag, um ihn nicht im Klassenzimmer zu verbringen und lieber draußen auf Geschichtensuche zu gehen. Findet auch Eugene Quinn. Er ist Inspirateur, Urbanist, DJ und Profi-Spaziergänger. Ja, ihr habt richtig gelesen! Heute geht er mit der writers:class auf den Schleichwegen der Schüler:innen durch Lustenau.

@FKühn

Eugene trägt eine knallorange Hose, die man sonst eher an Arbeiter:innen auf Baustellen oder eben auf der Straße sieht. Genau deshalb hat Eugene die Hose gewählt. Sie zeigt, dass er eben auf die Straße gehört. Außerdem ist er so immer sofort auffindbar, selbst auf einem Weg durchs Dickicht, der zu einem Schrebergarten in der Nähe des Alten Rheins führt. Wir ziehen durch Lustenau, die Schüler:innen führen uns abwechselnd und wir landen in Ecken der größten Marktgemeinde Österreichs, in denen wir uns selbst nicht mehr so ohne Weiteres orientieren können. Hin und wieder machen wir Halt und Eugene erhebt Statistiken, wie viele Jugendliche der Klasse mit dem Auto, dem Rad, dem Roller oder zu Fuß in die Schule kommen. Berichtet von den Gefahren für die Kinder, die ein SUV auf der Straße mit sich bringen kann und stellt immer wieder inspirierende bis skurrile Fragen, wie z.B.: Warum heißt das Hasenfeld eigentlich Hasenfeld? Wer hatte schon einmal einen Wurm in der Hand und wer hat schon einmal einen gegessen? Gibt es Vorteile ein Kind zu sein?

Die Schüler:innen überlegen nicht lang und antworten frei und direkt heraus: „Ich! Ich habe ihn sogar geschluckt!“, „Weil es hier so viele Hasen gibt!“, „Weil ich keine Steuern zahlen muss!“ Die lockere und lustige Atmosphäre innerhalb der Gruppe kreiert Eugene mit leichter Hand. Der Profi-Flaneur ist Brite und sein Deutsch lustig holprig. Nicht selten würfeln sich beide Sprachen durcheinander, was der Verständigung mit der Klasse in keiner Weise Abbruch tut.
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Währenddessen haben die Wege, auf denen wir schleichen, und die Orte, an denen wir verweilen, Vielfältiges zu bieten. Ein Schüler entdeckt in der Hecke eines Friedhofs eine kleine Spinne und er wartet mit aller Geduld bis sein Mitschüler sie ebenfalls erkennen kann. Eine Mutter fährt auf dem Fahrrad mit einem Kleinkind im Kiki an uns vorbei und winkt ihrer Tochter, die zufällig in die writers:class geht. Eine andere bremst ihr Auto neben uns ab, kurbelt kurz das Fenster herunter und nutzt die Gelegenheit für ein kurzes Hallo mit ihrem Kind. Gemeinsam mit Autor Jürgen Thomas Ernst, der die writers:class in diesem Jahr beim Schreiben, Suchen und Finden von Geschichten begleitet, hören wir Vögel, Grillen und Frösche und Eugene erzählt, dass Tiere in anderen Ländern andere Sprachen haben. Kurz wird laut überlegt, ob die Frösche in Lustenau einen Quak-Dialekt haben. Die Lehrerin Birgit Schwarzmann erzählt an der Antonius Kapelle, wie verlässlich der Heilige Antonius dafür sorgt, dass sie Verlorenes wiederfindet, wenn sie eine kleine Spende in der Kapelle hinterlässt. Ein Schüler hat Gleiches erlebt und damit outen sich die beiden als eingeschworene Fans des Heiligen.

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Wir sind schon fast wieder an der Schule angelangt, als Eugene kurzerhand mit Helga, der Oma einer Schülerin, die zufällig am Weg wohnt, eine Balkonszene kreiert, die den Briten spontan an Shakespeare erinnert. „Helga! Ich könnte dein Romeo sein!“, ruft er laut über die Straße und schon beginnt unser aller Kopfkino ganz unterschiedliche Geschichten über Helga und Eugene zu drehen. Lachend und winkend verabschieden wir uns von Helga.

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Was uns von diesem Vormittag bleibt? Geschichten sind überall zu entdecken – links und rechts des Weges, unter der Brücke, über die wir gehen, oder auch auf dem Friedhof, an dem wir vorbeilaufen. Vor allem aber entstehen Geschichten, wenn wir auf unseren Wegen Menschen treffen und mit ihnen ins Gespräch kommen. Als die Schüler:innen schon wieder im Klassenzimmer sind, meint Eugene: „Ich rate jedem, für einen Spaziergang nicht mit dem Auto an einen vermeintlich besonders schönen Ort zu fahren. Geht vor eurer Tür auf den Wegen, auf denen ihr sonst auch unterwegs seid. Es gibt immer Unentdecktes zu finden und vor allem Nachbarn, Freunde und Fremde, mit denen ihr einzigartige Begegnungen erleben könnt.“ In den nächsten Wochen schreiben die Schüler:innen Geschichten zu ihren Wegen, die sich dann auf überraschende Weise in ihre ganz persönlichen Schleichgeschichtenwege verwandeln werden. Stay tuned!

Was für ein toller Vormittag, der ohne die Schüler:innen der Klasse 2c der Mittelschule Hasenfeld, ohne ihre Lehrerinnen Birgit Schwarzmann und Helga Riedmann, ohne Eugene Quinn, Jürgen Thomas Ernst, unseren Kooperationspartner W*ORT Lustenau und ohne die Unterstützung der Marktgemeinde Lustenau nicht möglich gewesen wäre. DANKE!