colorit: Eine Abend über das Lesen und Sehen
Ein voller Raum, gespannte Aufmerksamkeit und eine einfache wie irritierende Frage zum Einstieg: Was steckt noch im Text?

Zur Eröffnung der Ausstellung colorit von Lea Kubeneck im Literaturhaus Vorarlberg wurde schnell deutlich, dass es an diesem Abend nicht um Illustrationen oder das Nachzeichnen von Literatur ging. Vielmehr ging es um eine Art künstlerische Protokoll einer zweiten Textebene, die beim Lesen meist unbemerkt bleibt.
Künstlerin Lea Kubeneck liest literarische Texte nach Farben. Sie markiert jede Farbnennung, recherchiert sie, ordnet sie und überträgt sie in ein strenges System. Es ist nicht nur eine langsame und konzentrierte Arbeit, sondern eine Form des Lesens, die Präzision verlangt und Entscheidungen. Denn jede Farbe, die nicht genau bestimmt ist, muss festgelegt werden, auch dann, wenn der Text eher vage bleibt.















Im Gespräch wurde genau das greifbar. Wie entsteht ein colorit konkret? Was passiert, wenn ein Text von „Blau“ spricht, ohne es zu bestimmen und was erzählt die zweite Textebene, die allein über Farben funktioniert? Auch anhand von Mary Shelleys Frankenstein zeigte sich, wie stark diese Ebene sein kann. Helle und dunkle Kontraste, ein Kippen zwischen Natur und Bedrohung, zwischen der Schönheit und dem Unheimlichem, dem Menschen und der Maschine. Facetten, die beim Lesen spürbar werden, aber selten so klar sichtbar.
Mit Autor Heinz Helle kam eine zweite Perspektive dazu. Als Autor von Die Überwindung der Schwerkraft (Suhrkamp, 2018), das ebenfalls als colorit zu sehen ist. Der Roman ist ein Text, der intensiv über den Klang und den Rhythmus der Sprache arbeitet, die Farben hatte der Autor beim Schreiben eher weniger vor Augen. Umso erstaunlicher ist, dass genau auch sie von dem Gegensätzlichen erzählen, mit dem der so sensibel angelegte und ausgearbeitet Roman arbeitet. Heinz Helle erzählt von zwei Brüdern, von denen der ältere häufig zum Alkohol greift, hochintelligent die Welt in ihren Widersprüchlichkeiten erfassen kann und gleichzeitig deren gesamte Last auf seinen Schultern zu tragen scheint. Daraus resultiert eine Ohnmacht, die mit einer Ausweglosigkeit einhergeht. Eine Geschichte über das Helle und das Dunkle, um die Aussichtslosigkeit und diesen Funken Zuversicht, um das Leben und den Tod, die Traurigkeit und das kleine Glück.
Bereits über 115 Texte hat Lea Kubeneck in colorits verwandelt. Die Auswahl der literarischen Werke basiert auf ihrem persönlichem Lektürekanon und umfasst eigenwillige, ästhetisch prägnante Texte: Klassiker ebenso wie zeitgenössische Literatur in deutscher Sprache oder Übersetzung. Dabei bewegt sich Lea Kubeneck nicht selten als Künstlerin in einer Welt, in der auch literarischer Übersetzer:innen zu Hause sind, denn, was zunächst als Protokoll erscheint, ist vielmehr das neue Öffnen eines nur scheinbar abgeschlossenen Textes.
Lea Kubeneck selbst bezeichnet ihre Art des Lesens als creative writing und erzählt, dass sie inzwischen nicht nur auf der Suche nach Farben in Texten ist, sondern auch Bleistifte findet. Eine Passion, die sie bereits aus dem fiktiven in den realen öffentlichen Raum übertragen hat. Am Abend der Vernissage präsentierte Buchhändlerin Raminta Lunskyte von der Buchhandlung Denkerei in Wolfurt zahlreiche der Bücher, die derzeit als colorit im Literaturhaus zu sehen sind.
Lea Kubeneck (*1993) hat Medienwissenschaft, Germanistik und Literaturwissenschaft in Hamburg und Basel studiert. Zwischen 2015 und 2020 war sie Herausgeberin des Stadtmagazins City Brief in beiden Städten. Sie hat als Konzepterin und Texterin für Agenturen gearbeitet, ist seit 2024 freiberuflich in der Buchbranche tätig und unterrichtet an der LMU München sowie an der Universität Potsdam im Bereich Buch- und Medienwissenschaft. Das Projekt colorit begleitet sie bereits seit 2018 und umfasst mehr als 110 Werke.
Heinz Helle, geboren 1978, studierte Philosophie in München und New York und arbeitete als Texter in Werbeagenturen, bevor er Literarisches Schreiben am Schweizerischen Literaturinstitut in Biel studierte. Für seinen Roman, Die Überwindung der Schwerkraft, wurde er mit dem Förderpreis zum Bremer Literaturpreis ausgezeichnet. 2018 stand er auf der Shortlist des Schweizer Buchpreises und erhielt 2023 den ZKB Schillerpreis für sein Buch Wellen. Heinz Helle lebt mit seiner Frau, der Schriftstellerin Julia Weber, und den beiden gemeinsamen Töchtern in Zürich.






