emsiana: Ein Tisch für zwei
Das Hohenemser Kulturfest emsiana stand in diesem Jahr ganz im Zeichen des Reisens. Für uns der schönste Impuls, um dem Erzählen und dem Zuhören bei unserem Dialogformat ‚Tisch für zwei‘ im Literaturhaus wieder eine besondere Bühne zu bieten. Wir freuen uns sehr, dass unterschiedliche Menschen von ihren ganz persönlichen Reisen erzählt haben.

Ein Tisch und zwei Menschen, die sich für eine besondere Begegnung öffnen. Wir haben Neugierige zu einem 20-minütigen Gespräch mit einem Menschen eingeladen, der eine besondere Reise-Geschichte im Gepäck hat. Zu zweit und in privater Atmosphäre spüren sie im Dialog nach, welche Reisen die Erzähler:innen erlebt haben. Gemeinsam schufen sie an insgesamt vier Tischen einen Moment des Miteinanders, der auf beiden Seiten neue Perspektiven öffnen konnte.
Grenzenlosigkeit über den Wolken

Judith Berchtel, ehemalige Flugbegleiterin bei SWISS und heutige Inhaberin von die Buchhändlerin
Ihre ersten Lebensjahre hat Judith Berchtel in Frankfurt verbracht – und somit in der Stadt, die den größten Flughafen Deutschlands beherbergt. „Das Kerosin habe ich also schon früh in den Adern gehabt“, erzählte Judith lachend. Dass sie Flugbegleiterin werden will, hat sie schon ziemlich früh gewusst: Direkt nach der Schule ist ihr bewusst geworden, dass sie ein Leben hoch oben in den Wolken führen will. Trotzdem hat sie dann zuerst einen anderen Weg eingeschlagen und eine Ausbildung zur Hotelfachfrau gemacht und danach einige Jahre in der Luxushotellerie gearbeitet hat. Erst dann hat sie sich der Ausbildung zur Flugbegleiterin gewidmet. Heute ist sie froh darüber, zuerst einen anderen Weg eingeschlagen zu haben. Warum? „Das Leben als Flugbegleiterin ist auf jeden Fall herausfordernd und abenteuerreich.“
Nach der abgeschlossenen Ausbildung war sie dreizehn Jahre lang bei SWISS auf dem gesamtem Streckennetz unterwegs. Was sie alles erlebt hat? „Echt alles“: Von Heiratsanträgen und Repatriierungsflügen, also Flügen, um erkrankte, verletzte oder gestrandete Personen aus dem Ausland zurück in ihr Heimatland zu bringen, bis hin zu zwei Wiederbelebungen. Vor kurzem hat sich Judith dann an eine neue Reise gewagt – sie ist Buchhändlerin geworden!
Mit mehr spannenden Geschichten von Reisefieber und Traumländern im Gepäck war Judith beim Tisch für zwei anzutreffen. Sie erzählte, wie ihre Ausbildung zur Flugbegleiterin war, warum das Leben in den Wolken manchmal ein „Lotterleben“ sein kann und warum sie sich dann doch entschieden hat, Buchhändlerin zu werden.

Eine Reise voller queer joy

Amelie Sabine Irma, Drag Queen Fräulein Bürgerschreck & Mitglied bei GoWest, Verein für LGBTQIA+
Aufgewachsen ist Amelie Sabine Irma in Vorarlberg. Auf die Frage, wo denn genau, antwortete sie geheimnisvoll: „In jenem Teil von Vorarlberg, in dem man nach 22 Uhr noch mit Bus und Zug verkehren kann, und in einer Stadt, die von den meisten Nicht-Vorarlberger:innen nicht korrekt ausgesprochen wird.“
Mit 17 outete sie sich als Transgender und lebt seit mittlerweile 15 Jahren offen als transidente Frau. Amelie erzählte, wie der Weg zum Outing für sie war: „Es war in der Tat latent weniger dramatisch, als manche Beobachter es gern erzählt hätten, aber definitiv interessanter als der durchschnittliche Dorftratsch.“
Sie verbrachte einige turbulente Jahre in der Modebranche – und das mit zu wenig Schlaf, zu vielen Aufputschmittel und erstaunlich vielen Menschen mit Sonnenbrillen in Innenräumen. 2017 führte sie ihr Weg nach Wien, wo sie zwei Leidenschaften für sich entdeckte: eine auffallend und durchaus ernst gemeinte Liebe zu dekadentem Gebäck und ein wachsendes Interesse an Politik, Rechtswissenschaften und Kulturleben. Man könnte sagen, sie tauschte gelegentlich die Kaffeetasse gegen den Gesetzestext, allerdings ohne dabei auf Stil zu verzichten.
2019 begann sie sich intensiver mit Travestie und Drag als Mittel künstlerischen Ausdrucks und politischem Stilmittel zu beschäftigen. Sie merkte dabei schnell, wie Bühne, Übertreibung und ein gutes Gespür für gesellschaftliche Nervpunkte (wortwörtlich!) sich dabei als erstaunlich kompatibel erwiesen.
2022 begann sie dann regelmäßig als Kunstfigur „Fräulein Bürgerschreck“ aufzutreten. Spätestens nach einem kleinen, aber recht öffentlich ausgetragenen Skandal 2024 ist Fräulein Bürgerschreck in aller Munde. Seither tingelt sie, wie sie selbst sagte, recht zuverlässig zwischen Wien und Vorarlberg hin und her – gewissermaßen als kulturelles Exportgut, nur mit mehr Pailletten und deutlich mehr Meinung.
Wer Amelie kennenlernen wollte, hatte beim Tisch für zwei die Möglichkeit. Sie erzählte von ihrer Reise als queere Frau zwischen Wien und Vorarlberg, von ihrem (mehr oder weniger) glamourösen und aufregenden Leben als Drag Queen und ihrem politischen Engagement bei GoWest, Verein für LGBTQIA+.

Reisen kennt kein Alter

Margarethe und Wernfried Ruff, pensioniertes Ehepaar aus Hohenems
„Wir sind schon vor 50 Jahren viel gereist“, erzählte Margarethe Ruff mit einem Lächeln. Mit ihrem Mann Wernfried hat sie schon über 100 Länder besucht. Bei ihrer ersten gemeinsamen Reise fuhren sie mit dem Zug und nur mit Rucksack bepackt zu Wernfrieds Tante nach Baghdad. Zurück ging es über den Libanon, Syrien, die Türkei und gleich im folgenden Jahr über den Iran, Afghanistan und Pakistan nach Indien.
Als die beiden dann Eltern von drei Söhnen wurden, war mit dem Reisen für einige Jahre Schluss – bis sie von der kostengünstigen Möglichkeit erfuhren, ihr Haus während des Urlaubs mit anderen Familien in der Welt zu tauschen. In den folgenden Jahren besuchten sie zum Beispiel Neuseeland, wo sie gleich nach der Ankunft ein Erdbeben der Stärke 6,3 erlebten. Trotz ihres Alters, Margarethe und Wernfried sind beide 77 Jahre alt, geht ihnen die Puste noch lange nicht aus: Sie bereisen noch immer mehrmals im Jahr verschiedene Länder, vor allem solche, in denen sie noch nie waren.
Als wir unsere Anfrage aus dem Literaturhaus für den Tisch für zwei geschickt haben, war niemand erreichbar. Der Grund? Das Ehepaar war gerade in Indien!
Was haben Margarethe und Wernfried Ruff auf ihren Reisen um die ganze Welt alles erlebt? Welche Länder wollen sie unbedingt noch besuchen? Und wie hat sich das Reisen in den letzten Jahren und Jahrzehnten verändert – für sie ganz persönlich und auf gesellschaftlicher Ebene? Das und noch viel mehr erzählten sie allen Interessierten beim Tisch für zwei.

Wenn die letzte Reise ansteht

Margaritha Matt, Leiterin des mobilen Hospizteams, und Thomas Matt, ehrenamtlicher Mitarbeiter im Hospiz am See
„Wir sind da – für die Patient:innen selbst und auch für ihre Angehörigen. Und das rund um die Uhr“, sagte Thomas Matt, Moderatior und Journalist, verantwortlich für die Reihe „Wissen fürs Leben“ der AK Vorarlberg – und ehrenamtlicher Begleiter im Hospiz am See und Mitglied des Förderkreises. Das Hospiz Vorarlberg hat es sich zum Ziel gesetzt, eine respektvolle, umfassende und kompetente Begleitung und Betreuung von Menschen in der letzten Lebensphase zu ermöglichen. Betreut werden Menschen mit einer schweren, nicht mehr heilbaren Erkrankung – fachlich, menschlich und mit einem interprofessionellen Team. Dabei kommen ehrenamtliche Mitarbeiter:innen aus den unterschiedlichsten Bereichen zusammen.
„Ganz egal, ob die Patient:innen zu Hause, im Pflegeheim oder im Krankhaus sind: Wir gehen immer dorthin, wo die Menschen uns auf ihrer letzten Reise brauchen,“ erzählte Margaritha Matt, Leiterin des mobilen Hospizteams. Sie ist außerdem mitverantwortlich in der Leitung des Hospizteams und Koordinatorin der Ehrenamtlichen Hospizbegleiter:innen in der Region Dornbirn.
Gerade wenn die Patient:innen Kinder oder Jugendliche sind, bietet das Hospiz wertvolle und umfassende Unterstützung an. Die ehrenamtlichen Mitarbeiter:innen stehen dabei an der Seite von Angehörigen, Freund:innen und Mitschüler:innen.
Teil der Hospiz ist auch die Kontaktstelle Trauer, in der ganz individuelle Begleitung angeboten wird. Außerdem gibt es Gesprächsrunden für Trauernde sowie Seminare und Vorträge.
An diesem Tisch für zwei konnten Interessierte mit Margaritha Matt, Leiterin der mobilen Hospizteams, und Thomas Matt, ehrenamtlichem Mitarbeiter im Hospiz am See, ins Gespräch kommen und erfahren: Wo genau wirkt das Hospiz in Vorarlberg? Wie sind Margaritha Matt und Thomas Matt zur Hospiz gekommen und was erleben sie bei ihrer Begleitung?







