Datum
10.02.2022
Kategorie
Aktuelles, Veranstaltung
Schlagworte

Gespräche, Erzählungen, Lebenslinien.

Eine neue Veranstaltungsreihe mit stets zwei besonderen Gästen und einem ausgesuchten Text. Abgehalten in Hinterzimmern von Gaststätten und in Literaturinstitutionen, konzipiert und durchgeführt von Stefan Gmünder sowie Martin Prinz und im Herbst zu Gast im künftigen Literaturhaus Vorarlberg in Hohenems!

Alles geht unter, aber wie wir es gespielt haben, bleibt in der Luft.
(Ilse Aichinger)

Auftakttext zur Veranstaltungsreihe: Geheimdienst für Unebenheiten.

Von Stefan Gmünder und Martin Prinz

Kunst ist Scheitern. Literatur, wie jede Kunst, ist Erzählung davon. Ohne Fallhöhe, ohne Aufprall, Nullpunkt und Wiedergängertum gibt es keinen Blick auf das eigene Leben. Angst, Scham, Trauer, Verdrängung, Lust, Entsetzen, Glauben, Enttäuschung, Stummheit und Erschöpfung. Alle Gesichter des Todes sind der Kunst eingeschrieben wie dem Leben. Alle sind sie darin Fluchtpunkte wie Horizonte des Weiterlebens – und eines Neuanfangs.

Ob in Ilse Aichingers Spiegelgeschichte, ob in Boves Meine Freunde, in Bachmanns Malina, in Camus Der Fremde oder Hemingways Der alte Mann und das Meer – jeder Erzählung, die ihren Gegenstand selbst überdauert, ist jener Nullpunkt eingeschrieben, ab dem alles Erzählte zum bedingungslos Überlebenden wird. Oder – wie bei Beckett – zu einem Streik gegen die Zumutungen des Realen.

Literatur, wenn sie gut ist, kann daher niemals harmlos sein, wie Sloterdijk im Essay Stress und Freiheit postuliert: Die Träumerei des einen provoziert die Träumerei des andern. Die Freiheit des einen spricht unwillkürlich das Freiheitspotenzial des anderen an. Das Scheitern des einen wirft in seinem Gegenüber Fragen auf, die jenseits des nur Persönlichen liegen.

Jedoch: Im Zeitalter der Selbstoptimierung und Flexibilität, der Einpersonenunternehmen und eines in sämtliche Lebensbereiche diffundierten Nützlichkeits- und Transaktionsdenkens ist für Beschädigungen kein Platz. Schließlich hat man sich als Ich- Marke zu bewähren auf dem Markt der Meinungen, Arbeitsplätze und Körper. Tiefschläge müssen weggesteckt, am besten wegretuschiert werden. Ob digital oder real, sie dürfen am Ende keine Spuren hinterlassen. Das Nichtgelungene, Brüchige gilt alsunsexy – nicht nur auf Instagram, Facebook oder in Influencer-Videos.

Scheitern macht einsam, oft spielt es sich im Versteckten ab, daran ändern auch die in der Ratgeberliteratur ausgegebenen Durchhalteparolen wenig, die ResilienzFrustrationsresistenz und eine Work-Life-Balance fordern. Man braucht indes nur Houellebecqs 1994 erschienene Ausweitung der Kampfzone zu lesen, um zu ahnen, wie lange unsere Generation bereits damit konfrontiert ist, dass die Grenzen zwischen beruflich und privat gefallen sind. Der Mensch ist unter den vorherrschenden ökonomischen Prämissen angehalten, vieles gleichzeitig zu sein. Achtsam und organisiert in Gefühlen ebenso wie in Arbeitsfeldern, vorausschauend wie nachsichtig in Bedürfnissen, Betroffenheiten und Erreichbarkeiten. Nach außen versuchen wir alles zu sein – und sind gleichzeitig doch nur unser eigener Kokon, in dem wir verschwinden, je mehr uns die Sehnsucht nach Freiheit antreibt.

Das Berufliche und das Private, in unserer Zeit verschränkt es sich so deckungsgleich, dass Erlebnisse, Träume, Wünschen oder Wunder als logisches Ergebnis eines Nullsummenspiels verschwinden. Scheitern, schreibt Marlene Streeruwitz in Können. Mögen. Dürfen. Sollen. Wollen. Müssen. Lassen über diese Fehlkalkulation, ist als Perpetuum mobile in das System eingebaut.

Doch Scheitern ist wie ein Schatten. Als Horizont jeder Existenz gehört es zu uns wie die Schwerkraft. So gern uns die Grenzen- wie Ortlosigkeit der digitalen Wirklichkeit von Neoliberalismus und Postmoderne das Gegenteil glauben machen und dies überall dort auch beweisen, wo die Arbeit des Geldes der finanziellen Wertschöpfung jeder anderen Tätigkeit längst den Rang abgelaufen hat. Keine noch so große Wirtschafts- oder

Finanzkrise hebelte die faktische Bedeutung fiktiver Wetten, Werte und Steigerungskurven je aus. Bis sich die Viruskrise vor die Truman-Show-Kulissen unserer Welt 2.0 schob, und der abrupte Abbremsvorgang so gut wie alle zu Crash Test Dummies ihrer selbst macht.

Wo wir aufschlagen, und was davon bleibt, Trümmer oder bloßes Verschwimmen – das Journal des Scheiterns liest die Spuren der Nullsummenspiele unserer Zeit. Es ist weder Bühne noch Veranstaltung. Vielmehr versteht es sich als Jour fix eines Vermessungsinstituts oder Geheimdienstes für Unebenheiten, Grundlosigkeiten, Eigentore und transzendentale Obdachlosigkeiten. Sein Forschungsgebiet ist die Welt, der Forschungsgegenstand jegliche Erzählung von ihr als Spiegel – und als Lebensbeweis.

Das ›Journal des Scheiterns‹ wird als Video aufgezeichnet und einige Tage nach der Veranstaltung auf blog.ogl.at, Volltext und der Facebookseite Journal des Scheiterns zugänglich sein.

Seit Ende Mai ist der Mitschnitt der ersten Veranstaltung mit Birgit Birnbacher und Hans Raimund erschienen, aufgenommen im Studio Molière, Wien-Alsergrund.

Journal des Scheiterns Folge 2, Juni 2021

In der zweiten Folge diskutieren Martin Prinz und Stefan Gmünder mit Marlene Streeruwitz und Ferdinand Lacina im Foyer des Hotel Wandl.

„Das war wirklich ein Scheitern des Neoliberalismus. Nur hat er´s gut überlebt, nicht …“ (Ferdinand Lacina)

„Wenn´s eine Hegemonie gibt, wird es immer Leute geben, welchen Geschlechts auch immer, die sich dem angleichen, weil sie aufsteigen wollen. Und deswegen ist Aufsteigen eben falsch!“ (Marlene Streeruwitz)

Journal des Scheiterns Folge 3, August 2021

In der dritten Folge diskutieren Martin Prinz und Stefan Gmünder mit Ferry Ebert und Gilbert Prilasnig

Journal des Scheiterns Folge 4, September 2021

In der vierten Folge diskutieren Martin Prinz und Stefan Gmünder mit Dana Grigorcea und Eva Schmidt in der Kegelbahn des künftigen Literaturhauses Vorarlberg.

Journal des Scheiterns Folge 5, Februar 2022

In der fünften Folge diskutieren Martin Prinz und Stefan Gmünder mit Karin Mölling und Benjamin Heisenberg.