poetica magica: Bilder setzen Lyrik in Bewegung

Was passiert, wenn wir die „laterna magica“ in Poesie übersetzen? Die „laterna magica“ war einst ein faszinierendes Gerät, das Menschen in ganz Europa zum Staunen brachte. Als Vorläufer der modernen Diaprojektion und Filmprojektion setzte sie ab dem 17. Jahrhundert Bilder, Farbenspiele, Ornamente und Schrift in Bewegung. Jahrhunderte später erstrahlt nun die poetica magica und setzt die europäische Lyrik in ein neues Licht.
Dem aktuellen Gastland der Frankfurter Buchmesse entsprechend, verwandelten 2024 das Europäische Zentrum für Literatur und Übersetzung (ZeLT) in Brixen und das Literaturhaus Vorarlberg gemeinsam ihre digitalen Kanäle in Kinosäle und öffneten mit ausgewählten Autor:innen und Illustrator:innen aus dem deutschen und dem italienischen Sprachraum erneut ihre nachhaltige Bühne für die europäische Lyrik. Lyrische Texte treffen auf Bilder und setzen sich in Bewegung. Dabei entstehen eindrucksvolle Graphic Poetry Clips in verschiedenen ästhetischen Stilen: von Visual Poetry bis hin zu Animé.
Mit dem Gedicht ‚ich schiebe wort‘ zielen Anna Horak, Florian Oberleitner, Laurenz Rogi, Sonja Kuzmics, Robin de Zilva, Valerie Zichy von der Universität für angewandte Kunst Wien direkt mitten in den kreativen Prozess des Dichtens, des Ringens um Sprache und Bedeutung. Worte und Sätze werden verschoben, zerbrochen und neu zusammengesetzt und immer wieder zum fließenden, aber auch fragmentarischen Charakter des Schreibens in Beziehung gesetzt. Gleichzeitig eröffnet das Gedicht eine größere Perspektive auf das fragile Miteinander zwischen Individuum und Umwelt. Einer Umwelt, die ständig im Wandel ist, in der das Außen immer wieder die Momente introspektiver Ruhe bricht. Illustratorin Icaro Tuttle setzt die Zeilen des Kollektivs in eine nahezu surreale Bildersprache um und lässt optisch scheinbar Erfasstes im nächsten Moment in überraschende Bedeutungskontexte kippen. Mit ihrer kraftvollen Bild- und Farbsprache fügt sie dem Gedicht ‚ich schiebe Wort‘ eine erweiternde ästhetische Erfahrungsebene hinzu. Übersetzung Anna Giannessi.




“Hokkaido”, so nennt sich das Gedicht der Lyrikerin Frieda Paris, welches 2024 im Verlag Voland&Quist erschienen ist. So wie sie ihre Texte als ein einziges langes Schreiben versteht, so schreibt sich in diesem Gedicht ein Bett in einen Sand aus Worten, zerbröselt, formt sich neu, erstaunt, ob seiner (Un)Möglichkeit. Ein meditatives Hin- und Herschieben von Worten, Sprechweisen und Sand. Die Illustratorin Elizabeth Busani gießt diese meditative Reflexion zum Schreiben und zur Sprache in zarte Bilderfolgen, ein Vor- und Zurückschauen mit dem Meeresrauschen im Atem, im Geist. Die erste Zusammenarbeit der Autorin und der Illustratorin hat einen wundervollen graphic poetry Clip entstehen lassen.




Mit dem Gedicht “Il penultimo viaggio” der Lyrikern Bianca Tarozzi, der vielleicht vorletzten Reise hin zum Haus einer befreundeten Künstlerin, öffnet sich in drei Teilen ein kontemplativer und höchst eindrücklicher Reisebericht. Mit sanftem Blick, begleitet von der ruhigen Stimme der Autorin entfaltet sich das Eindrucksgewebe dieses Besuches. Wir reisen entlang der Tyrrhenischen See, betreten ehrfürchtig die Seele des “Gast”Hauses, begrüßen seine Bewohner:innen und bemerken die Verstörungen und Verschiebungen in den Bildern an der Wand. Die Illustratorin Leonie Schlager fängt mit strahlenden, in sich ruhenden Bildern die Verwobenheit von Raum, Zeit und poetischer Umgebung ein. Ein Gefühl der Zeitlosigkeit stellt sich ein, in dieser wunderbaren ersten Zusammenarbeit von Bianca Tarozzi und Leonie Schlager.




Mit dem Gedicht ‚I am sic‘ aus seinem Band ‚Livestream&Leichen‘, erschienen beim Verlagshaus Berlin, geht Autor Martin Piekar seinen Leser:innen tief unter die Haut. Drastische Bilder führen in den Abgrund, in dem das Schreckliche aber auch das zutiefst Menschliche und Tröstliche schlummern. Illustrator Hannes Pasqualini hat mit seiner ästhetischen Handschrift für und mit Martin Piekars Gedicht eine Form der Visualisierung geschaffen, die das Sprachgewaltige wie das Schwerelose, Leichte und poetisch Schöne sichtbar macht und weiterdenkt. Für die poetica magica schreiben sich Martin Piekar und Hannes Pasqualini mit ihrem Graphic Novel-Clip zum ersten Mal gemeinsam eindrücklich dorthin, wo sie unvergesslich werden: zwischen die Menschen.




Mit dem Gedicht ‚Sëida‘ führt die Lyrikerin Rut Bernardi ihre Leser:innen in einen Raum, in dem viele Bedeutungen wohnen. Deutlich wird nicht nur die Vielschichtigkeit von Sprache, sondern auch ihr verbindendes Moment für das scheinbar Gegensätzliche, das in ihr verborgen liegt. Sie vereint das Sanfte mit dem Wilden, das Helle mit dem Dunklen, das Natürliche mit dem von Menschen Gemachten. Silke Müllers Strich fängt das Ursprüngliche der Sprache Rut Bernardis auf unvergleichliche Weise ein. Die Illustratorin lässt diese Kraft leicht sowie wandelbar werden und schafft aus ihr doch immer wieder feste Kontur. Für die poetica magica gehen Rut Bernardi und Silke Müller zum ersten Mal in die Zusammenarbeit und schaffen einen Graphic Poetry Clip der dem Wort nachspürt– in Deutsch und Ladinisch – der ältesten Sprache Südtirols. Hier geht es zur deutschen Version!




Mit dem Gedicht ‚Garten‘ spürt die Lyrikerin Sonja Steger der Verbindung zwischen äußerer Natur und innerer Zerrissenheit nach. Dafür spiegeln metaphorische Bilder von Kampf und Zerstörung den inneren Konflikt des lyrischen Ich und die bedrohte Fragilität der schöpferischen Kräfte. Doch der Garten ist auch Zuflucht, ist ein Ort der Heilung und Hoffnung, wo Hilfe wartet – bestimmt. Motion Designerin Simone Knecht übersetzt diese in der Sprachwelt ausgelegten Kontraste in eine dichte Bilderwelt und führt das Gedicht im Spiel mit Bild, Perspektive und Farbe auf ihre eigene Weise fort. Für die poetica magica gehen Sonja Steger und Simone Knecht zum ersten Mal gemeinsam auf den Weg und lassen im künstlerischen Miteinander einzigartige Graphic Poetry entstehen.




Die poetica magica schafft Verbindungen zwischen Landschaften, Sprachen, Künsten und Menschen. Wir danken allen beteiligten Autor:innen und Illustrator:innen für ihre Neugier, ihre Offenheit, ihre Begeisterungsfähigkeit und für diese phantastische Zusammenarbeit! Wir umarmen unseren Partner, das ZeLT in Brixen, das uns einmal mehr hat spüren lassen, wie es ist, wenn Gemeinsames trotz geographischer Entfernung in absoluter Nähe entstehen darf!
Mit freundlichster Unterstützung von
Land Voralberg
Stadt Hohenems
Bundeskanzleramt Österreich
SAAV – Südtiroler Autorinnen – und Autorenvereinigung
Autonome Provinz Bozen-Südtirol
Stiftung Fondazione Südtiroler Sparkasse
Nach Slowenien im vergangenen und Italien in diesem Jahr freuen wir uns schon jetzt auf die poetica magica im nächsten Jahr mit den Philippinen als Gastland der Frankfurter Buchmesse!






