LeseZeit

Was die LeseZeit und der Tango gemeinsam haben

Vor einem Jahr entstand mit der LeseZeit der erste Leseclub im damals neu eröffneten Literaturhaus Vorarlberg. Gegründet wurde er von den Pensionistinnen Gudrun Wolf und Evi Mathis gemeinsam mit der Buchhändlerin Melanie Rüdisser-König von der Buchhandlung Lesezeichen. Seitdem treffen sich die rund 20 Mitglieder regelmäßig, um gemeinsam Bücher zu lesen und darüber ins Gespräch zu kommen. 

Frauke hat die drei gefragt, wie alles begann und was gemeinsames Lesen für sie besonders macht.

Gudrun, Melanie und Evi von der LeseZeit © Frauke Kühn
Gudrun, Melanie und Evi von der LeseZeit © Frauke Kühn


Eigentlich wolltet ihr zunächst gar keinen eigenen Leseclub gründen. Wie kam es dazu?

Gudrun: Evi und ich waren auf der Suche nach einem Leseclub. Die Gruppen, die wir angefragt haben, waren allerdings alle schon voll. Deshalb sind wir ins Literaturhaus gegangen und haben gefragt, ob es dort einen Leseclub geben wird.

Evi: Als du uns dann gefragt hast, ob wir denn einen gründen möchten, war unsere Antwort zunächst: „Nein, auf keinen Fall.“

Gudrun (lacht): Ein paar Wochen später hatten wir dann plötzlich doch den Namen LeseZeit und eine Idee.


Und wie kam Melanie dazu?

Evi: Wir haben uns allein die Leitung nicht zugetraut. Deshalb haben wir Melanie gefragt, ob sie sich vorstellen könnte, mitzumachen.

Melanie: Anfangs war ich eher skeptisch. Aber wir haben uns mehrmals zusammengesetzt und überlegt, wie wir die Aufgaben aufteilen können. Gudrun und Evi übernehmen die gesamte Organisation, ich kümmere mich um die literarische Vorbereitung. Das funktioniert bis heute sehr gut.

Melanie: „Die LeseZeit ist für mich wie Tango tanzen!“


Wie läuft ein Treffen der LeseZeit ab?

Melanie: Wir treffen uns alle acht Wochen. Die Bücher wähle ich aus. Dabei suche ich vor allem Literatur aus, die Fragen aufwirft und unterschiedliche Perspektiven zulässt. Bücher, über die man diskutieren kann.

Mich erinnert die LeseZeit fast immer an einen Tango. Beim Tango muss ich die Schritte beherrschen. Ich muss wissen, wie Drehungen funktionieren und wie ich mich bewegen soll. Erst dann kann ich wirklich auf mein Gegenüber reagieren.

Ähnlich erlebe ich die LeseZeit. Ich bereite mich intensiv vor, lese oft mehrfach, recherchiere Hintergründe und überlege mir verschiedene Zugänge zu einem Buch. Gleichzeitig möchte ich die Gespräche nicht durchchoreografieren. Die eigentliche Dynamik entsteht erst im Austausch mit der Gruppe. Ich habe das Gefühl, dass ich wirklich offenbleiben kann, wenn ich genügend Sicherheit habe.


Das klingt nach viel Vorbereitung.

Melanie: Ja, durchaus. Unsere Teilnehmer:innen lesen sehr aufmerksam und bringen unterschiedliche Erfahrungen mit. Deshalb ist es mir wichtig, den Büchern gerecht zu werden. Manche Themen verlangen psychologisches Wissen, andere historische oder gesellschaftliche Zusammenhänge. Je besser ich vorbereitet bin, desto freier kann sich das Gespräch entwickeln. Oft entstehen die spannendsten Momente aus dem, was dann im gemeinsamen Dialog passiert.

Teilnehmer:innen der LeseZeit © Frauke Kühn
Teilnehmer:innen der LeseZeit © Frauke Kühn
Gudrun: „Ich lese viel genauer als früher.“


Hat sich euer Lesen durch die LeseZeit verändert?

Gudrun: Auf jeden Fall. Ich lese viel genauer als früher. Oft lese ich ein Buch zweimal. Ich mache mir Notizen, recherchiere Dinge nach und beschäftige mich intensiver mit dem Text.

Evi: Mir geht es ähnlich. Durch die Gespräche entdecke ich Aspekte, die mir allein nie aufgefallen wären. Oft interessieren mich nach einem Buch plötzlich Themen, Orte oder andere Bücher, die darin erwähnt werden.

Melanie: Man liest anders, wenn man weiß, dass man später darüber sprechen wird. Viele lesen aufmerksamer und bewusster. Das finde ich sehr schön.


Gibt es Bücher, die besonders intensive Diskussionen ausgelöst haben?

Alle drei: Trophäe von Gaea Schoeters!

Melanie: Dieses Buch wurde sehr kontrovers diskutiert. Einige waren begeistert, andere haben sich schwer damit getan. Wieder andere haben die Lektüre sogar abgebrochen. Genau solche unterschiedlichen Reaktionen machen die Gespräche spannend.

Evi: Überraschend war auch Der Pole von J. M. Coetzee. Viele hätten dieses Buch vermutlich nicht selbst ausgewählt. Gerade deshalb hat es viele positiv überrascht.


Wer trifft sich bei der LeseZeit?

Gudrun: Unsere Mitglieder sind zwischen Anfang dreißig und etwa siebzig Jahre alt. Das macht die Gespräche besonders interessant.

Evi: Die unterschiedlichen Lebensperspektiven bringen ganz verschiedene Blickwinkel auf dieselben Bücher hervor.

Evi: „Jeder kann. Niemand muss.“

Was macht für euch die besondere Atmosphäre der LeseZeit aus?

Evi: Dass niemand etwas sagen muss. Wer einfach zuhören möchte, darf das genauso.

Gudrun: Gleichzeitig erlebt man, wie unterschiedlich Menschen ein und dasselbe Buch lesen. Das finde ich jedes Mal aufs Neue faszinierend.

Melanie: Es entsteht ein Raum, in dem unterschiedliche Sichtweisen nebeneinanderstehen dürfen. Gerade das macht Literatur für mich spannend.


Was würdet ihr Menschen raten, die selbst einen Leseclub gründen möchten?

Evi: Man sollte sich nicht von der Vorstellung abschrecken lassen, dass alles perfekt sein muss.

Gudrun: Wichtig ist vor allem die Freude am Lesen und am Austausch.

Melanie: Gleichzeitig hilft es, sich gut vorzubereiten. Wer eine Runde begleitet, sollte neugierig bleiben, unterschiedliche Perspektiven zulassen und bereit sein, sich immer wieder neu auf die Bücher einzulassen. Die Offenheit im Gespräch entsteht nicht von allein. Sie braucht Aufmerksamkeit und ein gutes Fundament.


Zum Schluss: Was bedeutet euch die LeseZeit persönlich?

Gudrun: Für mich ist sie eine große Bereicherung. Ich entdecke immer wieder neue Gedanken und Aspekte, die mir allein nie aufgefallen wären.

Evi: Mich begeistert die Vielfalt. Jedes Gespräch eröffnet neue Blickwinkel.

Melanie: Mich überrascht immer wieder, wie unterschiedlich Menschen dieselbe Geschichte lesen. Genau darin liegt für mich die besondere Kraft von Literatur.

Die LeseZeit trifft sich alle acht Wochen im Literaturhaus, ist aber leider mit rund 20 Teilnehmer:innen von Beginn an ausgebucht. Unser Dank geht an Evi, Gudrun und Melanie, die das Literaturhaus Vorarlberg mit der LeseZeit um ein ganz besonders schönes Programmformat bereichern. 

Neugierig geworden?

Elisabeth Zury startet im Juli mit Brot und Rosen einen feministischen Lesekreis im Literaturhaus. Für alle zwischen 17 und 33 Jahren könnte aber auch Selinas Buchclub Read & Meet genau richtig sein. 

Du bist jetzt voller Motivation und möchtest deinen eigenen Leseclub gründen? Dann haben Evi, Gudrun und Melanie noch einen besonderen Tipp für dich. Auf der Website www.leseforum.ch findet ihr Ratschläge zur Gründung und Führung eines Lesekreises, die auch den Gründerinnen der LeseZeit sehr geholfen haben!