Wasserglaslesung mit der Vorarlberger Straßenzeitung marie

Ein Abend über das Erzählen im journalistischen Raum

Die zweite Wasserglaslesung im Literaturhaus setzte einen ungewöhnlichen Akzent. Im Mittelpunkt stand diesmal kein auf den ersten Blick literarischer Aspekt, sondern eine Zeitung: die Vorarlberger Straßenzeitung marie, die in diesem Jahr ihr zehnjähriges Bestehen feiert. Vier Redakteur:innen – Brigitta Soraperra, Hans Platzgumer, Daniel Furxer und Simone Fürnschuß-Hofer – waren zu Gast und lasen aus jenen Reportagen, die ihnen persönlich besonders nahestehen.

Die vier rückten mit dem journalistischen Schreiben eine Form des Erzählens ins Zentrum, die bisher noch nicht auf der Bühne des Literaturhauses präsent war. Dabei öffneten sie unseren Blick auf die Wege, über die ihre Texte entstehen, erzählten von ihren Recherchen, Begegnungen und davon welche Entscheidungen den Ton ihrer Geschichten prägen.

In diesem lockeren Miteinander von Lesung und Gespräch erhielt das Publikum im vollbesetzten Literaturhaus eine leise Idee davon, wie die Redaktionssitzungen der marie klingen mögen. Gleichzeitig spürten die Schreibenden über ihre bewegenden wie humorvollen Einblicke den Fragen nach, wo die Grenze zwischen Dokumentation und literarischer Gestaltung verläuft und wie es ihnen so konsequent gelingt, eine Geschichte zu erzählen, ohne Vereinnahmung zu riskieren.

„Ich bin mir nicht sicher, ob jemals schon eine Straßenzeitung in einem Literaturhaus gelesen hat.“ (Hans Platzgumer)

Die ausgewählten Texte zeichneten ein breites Bild dessen, was journalistisches Erzählen in der marie leistet. Sie führten von persönlichen Lebensgeschichten bis zu gesellschaftlichen Debatten und bewegten sich dabei jeweils an einer klar konturierten Schnittstelle zwischen individueller Erfahrung und öffentlicher Realität. Simone Fürnschuß-Hofer blickte auf ihre Begegnung mit Julian Messner und auf seinen Weg zwischen Atelier, Literatur und gelebter Autonomie, während Daniel Furxer seinen Text über Fernando Hidalgo Gutierrez las, dessen musikalischer Lebenslauf von Nicaragua nach Vorarlberg führte und Themen wie Migration, Arbeitsmigration und künstlerische Verortung berührt. Brigitta Soraperra lud das Publikum in ihre Begegnung mit Marlene Engelhorn ein, deren Wunsch nach Besteuerung vermögender Personen und deren ungewöhnliches Experiment der Vermögens(rück)verteilung auch ein Jahr später noch intensiv diskutiert wird. Hans Platzgumer widmete sich in seinem Text auf humorvolle Weise der Wahrnehmung des eigenen Alters und verband diese auf kluge Weise mit unserem alltäglichen Zeitempfinden.

Eine Textauswahl, die die gemeinsame Haltung sichtbar machte: konsequent dort hinzuschauen, wo gesellschaftliche Fragen in konkrete Lebenssituationen übergehen. Unmittelbar spürbar wurde an diesem Abend, wie sich die marie anfühlt: ernsthaft und leicht zugleich, veranwortungsbewusst und mit einem wachsamen wie behutsamen Blick auf die, die ihre Geschichten den Redakteur:innen anvertrauen. Mit dieser Haltung und diesem Ton hat sich die marie in den vergangenen zehn Jahren längst ihren festen Platz in der Vorarlberger Landschaft erobert.

Zum Schluss erinnerte Frank Andres an die Anfänge der Straßenzeitung und ordnete die Entwicklung der letzten Jahre in einen größeren Kontext ein. Damit erhielt der Abend eine zusätzliche Tiefenschicht, denn Frank Andres verband das Erzählen einzelner Geschichten mit dem Selbstverständnis einer Redaktion, die sich seit 2015 an der Schnittstelle zwischen sozialer Realität und publizistischer Arbeit bewegt.

Wir danken der marie und ihren Redakteur:innen für diesen Einblick in ihr Arbeiten und freuen uns, dass diese besondere Form der Lesung im Literaturhaus so schöne Resonanz gefunden hat.

Wer ist die marie?