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Literaturhaus Vorarlberg x Bücherliebe.lei
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zwischenfragen: mit Alice Hasters und Raphaëlle Red

Spiegelbestseller-Autorin Alice Hasters © Frauke Kühn

Mit der zweiten Ausgabe unserer Gesprächsreihe zwischenfragen verwandelte sich das Literaturhaus Vorarlberg in einen Raum des Nachdenkens über Zugehörigkeiten, Herkunft und Identität. Bei den zwischenfragen laden wir gezielt externe Expert:innen aus dem Kultur- und Literaturbereich ein, um neue Stimmen und Perspektiven bei uns einzubringen. Nach den zwischenfragen im Juni mit FM4-Literaturexpertin Zita Bereuter hatten wir auch im November eine ganz besondere Kuratorin:

Diesmal kuratierte die Spiegel-Bestsellerautorin und „Kulturjournalistin des Jahres 2020“ Alice Hasters und lud Autorin Raphaëlle Red ein, um mit ihr über Zugehörigkeiten zu sprechen.

Ausgangspunkt des Abends waren Passagen aus Raphaëlle Reds Roman Adikou, in dem die gleichnamige Protagonistin von Frankreich über New York bis nach Togo und Ghana reist – auf der Suche nach ihren Wurzeln. Kurze Lesestellen öffneten den Raum für ein Gespräch über Zuschreibungen und die Suche und Sehnsucht nach Herkunft, aber auch über das Navigieren zwischen Kulturen und Erwartungen.

Autorin von „Adikou“ Raphaëlle Red, Foto © Frauke Kühn

Alice Hasters und Raphaëlle Red rückten bei ihrem Gespräch die Ursachen von Zugehörigkeitskonflikten ins Zentrum. Obwohl beide ein klares Gefühl dafür haben, wohin sie gehören, werde diese Selbstverortung von außen immer wieder infrage gestellt. Fragen wie „Woher kommst du wirklich?“ – vielen Menschen mit Migrations- oder Diasporaerfahrung nur allzu vertraut – stehen sinnbildlich für eine zugeschriebene Nichtzugehörigkeit, die innere Zerrissenheit erzeugt. Diskutiert wurde auch, wie Identitäten von People of Color in Frankreich, den USA, Österreich und Deutschland unterschiedlich wahrgenommen und benannt werden – und wie dadurch soziale Machtverhältnisse manifestiert werden.

Foto © Frauke Kühn

Die verschiedenen Spiegel, in die die Figur Adikou auf ihren Reisen immer wieder blickt, stehen exemplarisch für ein Motiv, das auch den Autorinnen vertraut ist: Das Sich-selbst-Erkennen als Akt der Selbstversicherung in einer Welt, in der Körper von Schwarzen Frauen häufig unsichtbar gemacht werden.

Am Ende des Abends rückte der Begriff der Postzugehörigkeit in den Mittelpunkt. In einer Gegenwart, in der Algorithmen multiple Wirklichkeiten erzeugen und jeder seine eigene Realität auf dem Smartphone konsumiert, gewinnen die Perspektiven von Menschen mit diasporischen Erfahrungen zunehmend an Bedeutung. Die Autorinnen sprachen sich dafür aus, Zugehörigkeit nicht als starre Grenze, sondern als bewegliches Gefüge zu verstehen.

Spannungen auszuhalten und zu verhandeln, Diskriminierung klar zu benennen und marginalisierte Stimmen hörbar zu machen – all das, so das Fazit von Alice und Raphaëlle, sei Voraussetzung für echte Gemeinschaft. Oder, wie James Baldwin es formulierte und Alice zitierte: „Zu wem gehörst du? – Zu dir.“

Bei Getränken und dem Büchertisch der Buchhändlerin ließen wir den Abend ausklingen. Alice und Raphaëlle haben Bücher signiert und sind mit dem Zuhörer:innen in spannende und weiterführende Gespräche gekommen.

Wir danken Alice Hasters und Raphaëlle Red für einen Abend voller kluger Mosaikstücke, die sich zu einem Bild fügten, das uns alle dazu einlud, den Begriff der Zugehörigkeiten neu zu denken. Danke, dass ihr eure Perspektiven, euer fundiertes Wissen und eure Erfahrungen zu uns ins Literaturhaus gebracht habt!

Wir möchten uns auch ganz herzlich beim Publikum bedanken: Da das Interesse an der Veranstaltung so groß war und wir so vielen Menschen wie möglich ermöglichen wollten, bei der Veranstaltung dabei zu sein, fand das Gespräch zwischen Alice und Raphaëlle im Esszimmer statt und wurde in den Gartensalon live übertragen.

Danke, dass ihr mit uns diese Lösung getragen und euch auf dieses Experiment mit uns eingelassen habt!

Wir freuen uns ganz besonders, dass wir bei dieser Ausgabe mit dem Verein Bücherliebe.lei zum ersten Mal in die Partnerschaft gegangen sind und bedanken uns herzlich für die schöne Zusammenarbeit!

Alice Hasters

Alice Hasters ist Autorin, Podcasterin und Kulturkritikerin. Sie veröffentlicht 2019 den Longseller „Was weiße Menschen nicht über Rassismus hören wollen, aber wissen sollten“ (hanserblau). Die großen (Identitäts-)Krisen unserer Gegenwart und Gesellschaft stehen im Fokus ihres im Oktober 2023 erschienenen zweiten Sachbuchs „Identitätskrise“ (hanserblau). Als Redakteurin ist sie bis 2021 für die „Tagesschau“ und „Jetzt mal konkret“ (rbb) tätig, bis 2022 als Host für „Einhundert – Storys mit Alice Hasters“ (Dlf Nova). Mit ihrer Freundin Maxi Häcke produziert und präsentiert sie seit 2016 den Podcast „Feuer&Brot“, in dem die beiden alle zwei Wochen aktuelle Themen aus Popkultur, Politik und Gesellschaft unter die Lupe nehmen. Für ihre Bildungsarbeit zum Thema Rassismus wurde Alice Hasters 2020 zur Kulturjournalistin des Jahres gewählt.

2020 wurde Alice Hasters für ihre Bildungsarbeit zum Thema Rassismus zur Kulturjournalistin des Jahres gewählt. Foto © Joanna Legid 

Raphaëlle Red

Raphaëlle Red wurde 1997 in Paris geboren, wuchs in Deutschland auf und wohnt derzeit in Berlin. Sie studierte zunächst Sozialwissenschaften, danach Literatur und schloss 2020 mit einem Master in Literarischem Schreiben an der Université Paris VIII ab. Zurzeit forscht sie an der Freien Universität in Berlin zu zeitgenössischer Literatur der afrikanischen Diaspora. Ihre Texte wurden auf Französisch (Jef Klak, L ‚Humanité), Englisch (gal-dem, The Funambulist) und Deutsch (Bella Triste, Anthologien Resonanzen und Glückwunsch) veröffentlicht. „Adikou“ ist ihr Debütroman. 

Raphaëlle Red schreibt nicht nur auf Deutsch, sondern auch auf Englisch und Französisch. Foto © Adeline Rapon

Bücherliebe.lei

Neun buchbegeisterte Menschen, ein gemeinsames Ziel: Aus dem stillen Lesehobby ein lebendiges Miteinander machen. Seit 2021 trifft sich die Bücherliebe.lei etwa einmal im Monat, um gemeinsam über ein ausgewähltes Buch zu diskutieren – offen, kritisch und mit viel Herzblut. Doch sie wollen mehr: Feldkirch soll ein literarischer Hotspot werden! Dafür holen sie Autor:innen aus dem gesamten deutschsprachigen Raum nach Vorarlberg. Gäste wie Mareike Fallwickl, Caro Wahl, Jaqueline Scheiber und demnächst auch Takis Würger bereichern das Jahresprogramm. Sie weben Literatur in den Alltag Feldkirchs – bei Lesungen, „Coffee & Books“ im Café Momo oder gemeinsamen Projekten wie mit dem Verein Aufblüherei und bald vielleicht auch bei „Feldkirch liest“, Bücherflohmärkten oder stillen Lesestunden. Das Ziel: Orte schaffen, an denen Geschichten Menschen verbinden, egal ob als Zuhörer:in, Gesprächspartner:in oder einfach als stille Genießer:in guter Worte. Mehr dazu auf Instagram: @buecherliebe.lei

Foto © Michael Berchtel