Im Gewächshaus: mit Luca Kieser und Simsalabim, Simon Brenner

In einem raffinierten und wagemutigen Spiel mit doppeltem Boden nimmt der Autor seine Leser:innen mit in ein Heidelberg, das 2010 nach einem aufsehenerregenden Spitzel-Skandal als Basislager deutscher Studierendenproteste galt. Wir erleben Universitäten, in denen es bereits brodelt. Immer öfter flammen die Proteste auf. Dann werden die ersten Hörsäle besetzt und es dauert nicht lang, da ist auch Simon Brenner auf den Barrikaden. Eigentlich hat er nach einer Schlosserlehre nur noch ein Studium in Heidelberg anhängen wollen, jetzt organisiert er sich in immer radikaleren Gruppen, taucht schwarz vermummt auf Demonstrationen auf und fährt zum Ersten Mai nach Berlin – endlich fühlt er sich angekommen. Die Sache dabei ist nur, er wird bezahlt. In Wahrheit ist er Polizist, ein verdeckter Ermittler vom LKA, der über die neuen Freunde Buch führen und seine Gefühle im Griff haben muss.
Damit greift Luca Kieser in seinem dritten Roman Simsalabim, Simon Brenner, kürzlich erschienen Blessing, den realen Fall rund um Simon Brenner auf, der Ende 2010 in Heidelberg als junger LKA-Beamter monatelang unter diesem Decknamen als Student lebte. Er freundete sich mit Menschen aus der linken Hochschulszene an, beteiligte sich an politischen Aktionen, protokollierte Gespräche und leitete seine Beobachtungen weiter. Krimi-Kenner:innen sticht dabei sofort der Deckname des jungen Polizisten ins Auge, denn Simon Brenner ist genau jener Name, der seit 1996 durch die Kriminalromane von Wolf Haas längst literarisch besetzt ist.
Luca Kieser, der mit seinem Debütroman Weil da war was im Wasser 2023 direkt auf der Longlist des Deutschen Buchpreises gelandet ist, konzentriert sich jedoch nicht darauf, die real Beteiligten zu porträtieren. Vielmehr schreibt sich der Autor, der selbst in Heidelberg studierte, als der verdeckte Ermittler Simon Brenner aufflog und die Verunsicherung, die Gerüchte und die aufkommende Paranoia innerhalb der linken Szene miterlebt hat, in die Geschichte hinein. So erhält der Ich-Erzähler Luca das Angebot für einen verdeckten Einsatz und entwickelt gemeinsam mit seinem Führungsoffizier Wolfgang die Figur Simon Brenner. Je glaubwürdiger diese Figur wird, desto unsicherer wird, wer hier eigentlich wen spielt. Aus einer politischen Affäre entsteht ein autofiktionaler Roman über Überwachung und Vertrauen, Verwandlung und Verrat.
Die Spannung des Romans spiegelt sich gleichzeitig in der literarischen Arbeit dazu. Lange arbeitete Luca Kieser im Verborgenen: Nur die Menschen, mit denen er Interviews führte, wussten davon. Er nahm Umwege auf Lesereisen in Kauf, um Gesprächspartner unbemerkt zu treffen, benutzte einen eigenen Laptop und ein separates E-Mail-Konto. Doch was heute als fertiger Roman vorliegt, hatte zunächst eine ganz andere Gestalt. Exklusiv für das Literaturhaus öffnet Luca Kieser sein sorgfältig bewahrtes Archiv und bringt ausgewählte Manuskriptfassungen und Materialien mit, die von seinem Schreibprozess zum aktuellen Roman erzählen. Im Gespräch mit Frauke Kühn und Martina Baldauf-Hofer verfolgt er anhand seiner unterschiedlichen Manuskriptfassungen gemeinsam mit dem Publikum, wie sich der Stoff verändert hat: durch neue Erkenntnisse bei der Recherche, den Wechsel der Perspektive, dramaturgische Entscheidungen im Lektorat sowie die juristischen und ethischen Fragen, die das Schreiben über einen tatsächlichen Fall mit sich bringt
Mit diesem Abend startet die neue Reihe des Literaturhauses Im Gewächshaus. Sie lädt Autor:innen in unterschiedlichen Phasen ihres Schreibens ins Literaturhaus ein: mit einem Debüt, einem neuen Projekt oder an einem Punkt, an dem sich ihr Schreiben verändert und andere Wege einschlägt. Welche Form ein Abend annimmt, entwickelt sich mit den jeweiligen Gäst:innen und deren Arbeit. Es können verworfene Möglichkeiten im Mittelpunkt stehen, ein noch unfertiger Text, eine neue literarische Sprache, ein künstlerisches Wagnis oder auch eine Frage, die von Buch zu Buch weiterwächst.

Luca Kieser lebt nach einem Studium der Philosophie in Heidelberg und Leipzig als Schriftsteller in Wien. Mit seinem Debütroman »Weil da war etwas im Wasser« war er unter anderem für den Deutschen Buchpreis nominiert. Sein Roman »Pink Elephant« wurde vom Deutschen Literaturfonds ausgezeichnet und von Books at Berlinale ausgewählt. »Simsalabim, Simon Brenner« ist sein dritter Roman.






