Wasserglaslesung: Dunkellesung Radio Silence mit Ulrike Draesner

Was hören wir, wenn es still wird? Was sehen wir, wenn die Dunkelheit uns das Sehen erschwert und was verändert sich, wenn wir einer Landschaft nicht nur gegenüberstehen, sondern versuchen, uns ihr auszusetzen?
Für Radio Silence, erschienen im mare Verlag, reist Ulrike Draesner zweimal in den hohen Norden: im Sommer nach Spitzbergen, im Winter von Tromsø aus durch die nordnorwegischen Fjorde. Sie begegnet Polartag und Polarnacht, Gletschern und Walen, Rentierspuren, Flechten, Schnee und einer Stille, die sie genauer hinhören lässt. Zugleich erlebt sie eine Landschaft, in der die Folgen menschlichen Handelns längst sichtbar geworden sind.
Draesner sucht und findet eine Sprache, ein Schreiben, das genau hinsieht, sich berühren lässt und nicht den Menschen in den Mittelpunkt stellt. Sie weiß, Vernunft allein wird nicht ausreichen, um unser Verhältnis zu einer bedrohten Welt zu verändern. Literatur kann einen anderen Zugang schaffen, kann aufmerksam machen für das, was leicht übersehen oder überhört wird, für Atmosphären, Lebensräume und Formen von Leben, die unseren menschlichen Maßstab überschreiten.
Im Literaturhaus liest Ulrike Draesner in dunkler Atmosphäre aus Radio Silence. Ihre Bilder aus der Arktis begleiten den Abend und öffnen einen zusätzlichen Resonanzraum für ihre Texte. Licht und Dunkelheit, Sprache und Bild, Hören und Sehen schließen einen Pakt und führen uns mitten hinein in jene Landschaften, aus denen das Buch entstanden ist.
Dabei geht es nicht um das Abenteuer Arktis. Es geht um Aufmerksamkeit. Um Schönheit und Zerbrechlichkeit. Um die Frage, was geschieht, wenn die vermeintlich stille Natur aus dem Hintergrund tritt und selbst zum Gegenüber wird. Vielleicht erzählt uns die „Dunkellektion“ auch davon, wie vieles wir nicht sehen, wenn wir sehen.
Radio Silence ist eine Einladung, unsere Vorstellung von Natur beweglicher werden zu lassen und darüber nachzudenken, wie eng unser eigenes Leben mit Räumen und Lebewesen verbunden ist, die uns zugleich fremd bleiben.
Ulrike Draesner, 1962 in München geboren, gehört zu den vielfach ausgezeichneten Stimmen der deutschsprachigen Gegenwartsliteratur. Für den ersten Essay aus Radio Silence erhielt sie 2020 den Deutschen Preis für Nature Writing. Seit 2018 ist sie Professorin am Deutschen Literaturinstitut Leipzig und Mitglied unter anderem der Akademie der Künste Berlin sowie der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung.






