Lady Gaga seek&read

seek&read: Lady Gaga und der schlaue Fuchs alle Kapitel

seek&read: Lady Gaga und der schlaue Fuchs © Verena Hochleitner
seek&read: Lady Gaga und der schlaue Fuchs © Verena Hochleitner

Geschrieben und illustriert von Verena Hochleitner

Für Kinder ab 6 Jahren

Herzlich willkommen bei seek&read – deiner literarischen Schnitzeljagd durch Hohenems. Bist du bereit, auf einen Ausflug zu gehen? Einen Ausflug, der dich nicht nur durch die Stadt Hohenems, sondern vor allem durch eine turbulente Geschichte führt?

Dein seek&read Leseabenteuer startet mit der Hinweiskarte, die du im Wintergarten findest. Darauf ist ein QR-Code gedruckt, den du mit deinem Handy scannen musst. Dann bist du schon mittendrin in unserer – oder besser deiner Geschichte. Am Ende eines jeden Kapitels erfährst du, wo sich der nächste QR-Code versteckt. Auf dem Weg, der jetzt vor dir liegt, wirst du insgesamt zehn QR-Codes suchen und finden. Du erkennst sie am Bild, das du auch vorne auf dieser Karte siehst. Jeder QR-Code führt dich zum nächsten Kapitel dieser Geschichte.

Jetzt hast du aber lange genug gewartet! Du solltest jetzt dringend loslesen – äh, loslegen!

Was? Du liegst mit einer dicken Schnupfennase zu Hause und kannst nicht zu uns kommen? Du bist Lehrerin und möchtest die Geschichte schon einmal lesen, bevor du mit deiner Klasse zu uns kommst?

Dann hast Du aber Glück! Denn hier findest du die gesamte Geschichte! Kuschel dich unter deine Decke, mach es dir gemütlich und gehe trotzdem mit Lady Gaga und Hund Nudel auf einen turbulenten Ausflug durch Hohenems!

Wir wünschen dir viel Spaß bei seek&read!
Dein Literaturhaus Vorarlberg

#1 Literaturhaus

Mein Name ist Nudel. Ich bin Therapiehund. Derzeit wohne ich in der Villa Rosenthal. Franziska und Iwan Rosenthal. Und ich erzähle dir heute eine abenteuerliche Geschichte, die hier in der Villa beginnt und dich durch halb Hohenems führen wird. Das Besondere an der Geschichte ist, dass ich sie wirklich erlebt habe! Mir ist auch schon ein Titel eingefallen. Die Geschichte heißt:

Lady Gaga und der schlaue Fuchs

Lady Gaga saß im Wintergarten der Villa und wischte auf ihrem Handy herum. Lady Gaga war ein Huhn, das in der Welt weit herumgekommen war. Sie trug ihre Sonnenbrille auch wenn es draußen regnete. Aber an dem Tag regnete es nicht.

„Ja, bitte?“, rief Lady Gaga. „Herein!“

Ich war neugierig auf unseren neuen Gast und hatte an die Tür des Wintergartens geklopft.

Lady Gaga sah mich über ihre Brille hinweg an.

„Und du bist …?“

„Ich bin Nudel“, sagte ich artig. „Der Therapiehund.“

Das Huhn mit der Sonnenbrille nickte.

„Es ist Sommer“, fuhr ich freundlich fort. „Wollen wir rausgehen?“

Frische Luft konnte schließlich auch einem weit gereisten Huhn nicht schaden.

Das Huhn ließ sich mit der Antwort Zeit.

„Es tut mir Leid“, erklärte es dann. „Aber ich bin im Moment wirklich sehr beschäftigt.“ 

Das Huhn blickte zurück auf sein Handy, auf dem ein süßes Katzenvideo lief. Neben ihm stand eine Schüssel Popcorn. Es nahm sich ein Flügerl voll und schupfte es in seinen aufgesperrten Schnabel.

„Das ist schade!“, sagte ich. „Alle sind heute draußen oder liegen im Freibad. Dort gibt es eine neue Rutsche!“

„Ich bin hier die Muse“, sagte das Huhn bedeutungsvoll.

„Die Muse?“

Lady Gaga nickte.

Lady Gaga war das Huhn der weltberühmten Schriftstellerin Selma Wakolbinger, die über die Sommerferien in der Villa weilte, um an ihrem neuen Buch zu schreiben.

„Und was macht eine Muse?“, fragte ich neugierig.

„Och“, sagte Lady Gaga. „Eigentlich gar nicht so viel. Es genügt, dass ich da bin. Ich bin so eine Art Glücksbringerin. Ohne mich klappt es nicht so recht mit dem Schreiben und Selma fällt nichts ein.“

Ich nickte. Ich wusste, was das Huhn meinte. Auch als Therapiehund riss man sich kein Bein aus. Manchmal verbrachte ich die Vormittage dösend bei den Kindern im Klassenzimmer. Aber jetzt waren ja Ferien und ich jobbte in der Villa, in der sich viele Kinder auf mich freuten, um es sich mit mir auf dem Sitzsack (in der Leseecke) gemütlich zu machen.

Ich bemerkte den Laptop der weltberühmten Schriftstellerin. Darauf war eine leere Seite zu sehen, auf der ein Cursor blinkte. Neben dem Laptop lag ein Notizbuch, auf dem nur ein einziger Satz stand. Und der war durchgestrichen. Selma Wakolbinger machte gerade Pause. Ich war ihr vorhin mit einem Coffee-to-go-Becher im Garten begegnet.

Eine Muse mochte zu jedem Zeitpunkt wichtig sein, im Moment gab es für Lady Gaga dennoch nicht viel zu tun. Das schien auch dem Huhn aufzufallen.

Es seufzte. „Gut! Gehen wir! Aber ich sag dir gleich: Ich bin ein Stadthuhn. Vom langen Gehen bekomme ich Hühneraugen. Und ich will keinesfalls in die Nähe des Waldes! Es gibt nichts ärgerlicheres als Wälder. Dort bleibt man mit dem Federkleid im Unterholz hängen. Und am Ende gibt es dort einen Fuchs. Da steh ich nicht so drauf. Ich sags dir, ein Fuchs ist das Letzte, das ich brauchen kann!“ Das Huhn spreizte pikiert seine Flügel.

„Keine Angst!“, sagte ich. „Ich habe hier noch nie einen Fuchs gesehen! Außerdem kann ich den Fuchs vertreiben!“ Ich entblößte vor dem Huhn meine scharfen Eckzähne. „Immerhin stamme ich vom Wolf ab!“

Lady Gaga rümpfte verächtlich die Nase.

„Ich meine ja nur …“ Ich wurde rot und biss mir verlegen auf die Lefzen.

Das Huhn ging nicht weiter darauf ein. Es rückte seine Sonnenbrille zurecht, setzte sich eine Kappe auf, die mit glitzernden Pailletten bestickt war, hängte sich sein Handy um den Hals und wackelte voran über die Prunkstiege ins Freie. Ich schnappte schnell meinen Picknickkorb und eilte dem Huhn hinterher.

Während wir die Marktstraße entlang marschierten, hängte sich das Huhn bei mir ein und grüßte alle Leute, die uns entgegenkamen.

So spazierten wir Richtung Schloßplatz zum Nibelungenbrunnen.

#2 Der Palast

Am Nibelungenbrunnen angekommen, bestand Lady Gaga darauf, dass ich mir die Pfoten wusch. „Mindestens 20 Sekunden!“, befahl das Huhn. „Sonst werden sie nicht richtig sauber! Du bist total eklig und unhygienisch!“

Ja, ich geb’s zu! Ich musste mal für kleine Hunde und hatte mich nach alter Gewohnheit an einer der vier Linden erleichtert, die um den Brunnen herumstehen. Doch ich verstehe beim besten Willen nicht, was das mit meinen Pfoten zu tun hat!

„Nach dem Klo gehen wäscht man sich prinzipiell die Hände!“, behauptete das Huhn.

Liebe Kinder, hier handelt es sich um ein grundlegendes Missverständnis zwischen Hund und Huhn! Lady Gaga dachte völlig falsch über mich! Ich habe den Baum nicht einfach so angepinkelt, sondern markiert. Es ist eine Grußbotschaft an alle anderen Hunde, die hier leben. Die Botschaft lautet ungefähr so: Hey Freundinnen und Freunde auf vier Pfoten, nur damit ihr es wisst: ich, euer Nudel, bin hier heute schon vorbeigekommen!

Mit dem Huhn war leider nicht zu reden. Damit es aufhörte, herumzugackern, badete ich meine Pfoten gehorsam im Brunnen.

Lady Gaga war zufrieden. Und als sie den prächtigen Palast erblickte, vergaß sie unsere kleine Auseinandersetzung. „Ein richtiger Palast“, rief sie begeistert. Ein Palast war ganz nach ihrem Geschmack. Sie wollte sofort hineingehen, um dem prinzlichen Grafen und der gräflichen Prinzessin ihre Aufwartung zu machen.

Von einem der Schornsteine der riesigen Anlage stiegen vier Raben in die Luft und kamen herbeigeflogen.

Sie ließen sich auf dem Brunnenrand nieder und stellten sich der Reihe nach vor. Es handelte sich um Earl Grey, Duke Ellington und Lady Cracker.

Das Huhn plusterte sein Gefieder auf. Dann machte es einen galanten Knicks. „Lady Gaga!“, sagte es würdevoll.

Mich ließ man mit meinen patschnassen Pfoten einfach links liegen.

Nun ersuchte Lady Gaga die schwarzen Vögel um Audienz im Palast. Um sich noch mehr Würde zu verleihen, erwähnte das Huhn die weltberühmte Schriftstellerin Selma Wakolbinger, für die sie das unvergleichliche Vergnügen hatte, als Muse tätig zu sein.

Die Rabenvögel warfen sich Blicke zu.

„So, so“, sagte Earl Grey. „Selma Wakolbinger

Es war offensichtlich, dass er den Namen Selma Wakolbinger noch nie in seinem Leben gehört hatte.

„Im Palast gibt es eine weltberühmte Bibliothek!“, sagte Lady Cracker. „Welches weltberühmte Buch hat Selma Wakolbinger denn geschrieben?“

Da es nicht zu den Aufgaben einer Muse gehört, die Werke, die sie inspiriert hat, auch zu lesen, wurde Lady Gaga nervös.

Duke Ellington begann ein ziemlich langes Gedicht vorzutragen.

Das Huhn schaute den Duke verständnislos an. So ein blödes Gedicht hatte es noch nie gehört. Lady Gaga hatte überhaupt noch nie ein Gedicht gelesen. Wenn das Huhn sein Herz erfreuen wollte, schaute es Katzenvideos.

Trotzdem wollte Lady Gaga dem Duke um nichts nachstehen.

Sie sagte das einzige Gedicht auf, das sie kannte. Wenn auch nur die erste Strophe.

Ich wollt, ich wär ein Huhn, Gaga,

dann hätt ich nichts zu tun, Gaga“

Ich lege jeden Tag ein Ei

und sonntags sogar zwei!

Die Krähen warfen sich schon wieder Blicke zu. Blicke, die mir gar nicht recht gefielen. Ich konnte nicht mit ansehen, wie diese eingebildeten Vögel mit Lady Gaga umsprangen. Earl hin oder her. Ich zog meine Lefzen zurück und entblößte meine Reißzähne. Zur Sicherheit knurrte ich auch ein bisschen.

„Oha!“ Duke Ellington grinste.

„Huch!“ Lady Cracker ging theatralisch in dem Trinknapf, der die Mitte des Brunnens bildete, in Deckung. Das sprudelnde Wasser perlte elegant auf ihrem rabenschwarzen Gefieder ab. Eines musste man den Vögeln lassen, sie sahen wirklich vornehm aus.

Earl Grey sagte gar nichts. Er breitete seine Schwingen aus. Das Zeichen zum Aufbruch. Die Rabenvögel zogen ab.

Lady Gaga rückte ihre Kappe zurecht. Zum ersten Mal, seit ich das Huhn kennengelernt hatte, wusste es nicht, was es sagen sollte.

„Banausen“, sagte das Huhn endlich. „Wer Selma Wakolbinger nicht kennt, sollte sich mal nicht so wichtig machen!“

Ein schönes Picknick war jetzt genau das Richtige. Gut, dass ich daran gedacht hatte, den Picknickkorb einzupacken. Ein gemütliches Picknick auf einer schönen Wiese würde die Laune des Huhns wieder heben. Ich wusste auch gleich wo.

„Wir könnten zur alten Mühle wandern“, schlug ich dem Huhn vor.

„Wandern?“, rief Lady Gaga entsetzt.

Dann war ich es, der gekränkt war. War es nicht so, dass ich mir mit dem Huhn die größte Mühe gab? Ich schwieg es eine Weile eisig an.

„Wie weit ist es denn zu dieser Mühle?“, lenkte Lady Gaga ein.

„Gar nicht weit!“ Ich zeigte auf den Torbogen. „Nur die Straße runter, dann ist man auch gleich dort. Ich kenne auch eine Abkürzung!“

„Okay!“, sagte Lady Gaga und hängte sich wieder bei mir ein. „Solange wir nicht in den Wald gehen!“

Ich schüttelte den Kopf. Kurz dachte ich an die Bäume, die hinter der Mühle standen. Es waren zu wenige, als dass man von einem richtigen Wald sprechen konnte. War es nicht so? Ein paar Bäume machten noch keinen Wald! Oder? Allenfalls ein Wäldchen. Jedenfalls kein Ort, an dem ich schon jemals einen Fuchs gesehen hätte. Lady Gaga konnte ganz beruhigt sein.

#3 Die Mühle

An der Mühle, wo ein netter plätschernder Bach ein hölzernes Mühlrad antreibt, breitete ich die Picknickdecke aus.

Es stellte sich heraus, dass Lady Gaga in ihrem Leben noch nie eine Mühle gesehen hatte. Das Huhn war begeistert.

„Was für ein wunderbares Zeugnis einer hochentwickelten Kultur“, lobte Lady Gaga.

Sie bewunderte das kreisrunde Mühlrad. Wenn das Huhn selbst versuchte, einen Kreis zu zeichnen, kam dabei immer ein Ei raus.

„Und damit kann man also auch Mehl machen? …“, sagte Lady Gaga interessiert.

Das Huhn hatte sich in seinem ganzen Leben noch nie gefragt, wo das Essen eigentlich herkommt, das ihr von Selma Wakolbinger serviert wurde. Popcorn schienen ja nicht einfach so auf den Bäumen zu wachsen. Jetzt war es vollkommen davon fasziniert, dass eine Mühle Getreidekörner zu Mehl verarbeiten konnte, aus dem sich ein Kuchen backen ließ. Körner waren für das Huhn immer eher etwas für blinde Hühner gewesen. Aber einen Kuchen ließ es sich einreden. Warum ein Korn aufpicken, wenn man das Korn auch in Form von Kuchen essen konnte?

Glücklicherweise fand sich in meinem Picknickkorb ein Gugelhupf. Lady Gaga rührte die Karotten und Selleriestangen, die ich mühselig geschält und mundgerecht zurecht geschnippelt hatte, nicht an. Es aß zuerst den ganzen Kuchen und dann alle anderen Sachen, die Mehl enthielten.

Das war der Moment, als ich tatsächlich einen Fuchs am Waldrand sah. – Okay, okay, es tut mir wirklich leid. Ich verstehe völlig, wenn ihr mich ins Tierheim werft. Ich kann es leider nicht ändern. Ja, die Bäume hier hatten sich tatsächlich zu einem Wald zusammengetan. Und in diesem Wald erspähte ich, wie ein Fuchs die Witterung der gefiederte Muse der weltberühmten Schriftstellerin Selma Wakolbinger aufnahm. – Ein Fuchs!!! Ich schwöre es, es ist der erste Fuchs den ich hier je erblickt hatte. Aber vielleicht hatte ich Füchse bisher nicht so auf dem Radar.

Ich wurde etwas blass um die Schnauze. Der Appetit war mir schlagartig vergangen. Ich schob mit meiner Schnauze die Gemüsesticks in die Tupperdose zurück.

Was sollte ich tun? Den Fuchs in die Flucht schlagen? Ich stamme zwar vom Wolf ab, aber das ist halt schon eine Weile her. Meine nächsten Vorfahren waren väterlicherseits allesamt Schoßhunde gewesen. Dass aus mir ein Therapiehund geworden ist, verdanke ich allein meiner Mutter, die einer langen Linie an friedfertigen Hütehunden entstammt.

Leute, ich bringe es schlichtweg nicht zustande, wie ein Wolf zu fühlen. Zu denken schon gar nicht.

Nervös begann ich, mit meinen Mahlwerkzeugen einen Gummistiefel zu bearbeiten, den ich neben der Picknickdecke im Gras fand. Was würde Selma Wakolbinger sagen, wenn ich ihre Muse nicht heil nach Hause brachte?

„Ich glaube, wir brechen jetzt besser auf!“, sagte ich zu Lady Gaga.

„Warum?“, fragte das Huhn verwundert. „Wir sind doch gerade erst gekommen!“

„Äh …“, stammelte ich. „Weil man immer gehen soll, wenn es am schönsten ist?“

Das leuchtete Lady Gaga überhaupt nicht ein.

Ich deutete zum Himmel. „Ein Gewitter zieht auf!“

Das Huhn inspizierte das makellose Blau über uns.

„Ich kann Gefahr riechen, bevor sie da ist“, behauptete ich. „Ich bin ein Hund!“

Dass ich ein Hund bin, konnte Lady Gaga nicht leugnen. Sie stellte den Picknickkorb auf den Kopf. Bis auf die Gemüsesticks waren die Vorräte zuneige. Das Huhn hatte alles aufgegessen.

„Okay!“, sagte es.

Allerdings war Lady Gaga nun so träge, dass sie kaum vorankam. Ich linste nach dem Fuchs, der näher gekommen war. Er lauerte hinter einem Baum und hatte das Huhn im Visier.

Ich hob den Deckel vom Picknickkorb. „Hier rein!“, sagte ich zum Huhn.

„In den Korb?“

„Genau!“, erklärte ich. „Genug gewandert. Ich trage dich ein bisschen.“

Das gefiel dem Huhn außerordentlich. Ich baute für Lady Gaga mit der Picknickdecke ein gemütliches Nest in den Korb und brachte sie von der Wiese weg, die, wie ich nun gelernt habe, am Waldrand liegt.

Der Picknickkorb schaukelte in meinen Pfoten und das Huhn war im Nu eingeschlafen. Flugs machte ich mich auf den Weg in die Stadt zurück. Nach dem Fuchs brauchte ich mich nicht umzudrehen. Ich wusste, dass er uns verfolgte. Ich konnte ihn riechen.

Auf der anderen Straßenseite erblickte ich das alte Alte Rathaus.

#4 Das alte Alte Rathaus

Ich beschloss, im alten Alten Rathaus Unterschlupf zu suchen und so lange auszuharren, bis dem Fuchs die Warterei zu blöd wurde.

Weil das neue Rathaus über den Sommer umgebaut wurde, fanden alle Sitzungen im alten Alten Rathaus statt. Als ich die alte alte Klinke zum alten alten Sitzungssaal öffnete, platzte ich mitten in den Bürger*innenrat, der hier tagte. Die Bürgermeisterin, deren Kind Renè in die Schule ging, in der ich als Therapiehund tätig war, erkannte mich und grüßte mich freundlich.

Um die Sitzung nicht zu stören, nahm ich in der letzten Reihe Platz. Das schnarchende Huhn stellte ich am Boden ab.

Ich atmete auf. Hier war Lady Gaga fürs Erste in Sicherheit. Der Fuchs würde es nicht wagen, unter den Augen der Bürgermeisterin ein Huhn zu ermorden. Hier hatte ich Zeit, in Ruhe nachzudenken und meine nächsten Schritte zu planen. Für den Fall, dass der Fuchs draußen wartete.

Die Sitzung war todlangweilig. Ich döste nach wenigen Minuten ein. Der Sekretär der Bürgermeisterin weckte mich wieder auf.

Eine wichtige Abstimmung war unentschieden ausgegangen. Die Bürgermeisterin hatte verfügt, dass ich an der Abstimmung teilnehmen sollte. Der Sekretär der Bürgermeisterin nahm mich ins Protokoll auf und so hatte alles seine Richtigkeit. Ich war das Zünglein an der Waage.

So stimmte ich dafür, dass das Geld für das Literaturprogramm der Stadt auf das Doppelte erhöht wurde. Das bedeutete, dass Selma Wakolbinger und das Huhn so lange in der Villa Franziska und Iwan Rosenthal bleiben durften, bis die weltberühmte Schriftstellerin mit ihrem Buch fertig war.

Die Bürgermeisterin schlug mit einem Holzhammer auf den alten alten Sitzungstisch und erklärte die Versammlung für beendet.

Daraufhin erwachte das Huhn.

Lady Gaga rieb sich die Augen. „Selma? Selma!“, greinte es. Da es geschlafen hatte, wusste es nicht, wo es war. Es hatte komplett die Orientierung verloren. „Wo ist Selma? Ist sie hier?“

Ich fasste für das Huhn zusammen, was in der Zeit, in der es geschlafen hatte, geschehen war. Den Fuchs erwähnte ich natürlich mit keiner Silbe.

Dem Huhn fiel nun reichlich spät ein, dass es sich bei der weltberühmten Schriftstellerin vor dem Ausflug nicht ordnungsgemäß abgemeldet hatte.

„Selma wird mich vermissen!“, schluchzte Lady Gaga. „Ohne mich wird sie keine einzige Zeile zu Papier bringen.“

Ich dachte an die leere Seite und den vorwurfsvoll blinkenden Cursor auf dem Laptop der weltberühmten Schriftstellerin.

Die Bürgermeisterin half weiter.

„Ich habe Selma Wakolbinger vor der Sitzung in der Buchhandlung getroffen“, erzählte sie.

Mittlerweile war ihr Sohn Renè im alten alten Sitzungssaal des alten Alten Rathauses erschienen und zog ungeduldig an ihrem Sommerkleid. Er hatte seine Schwimmente dabei. Die Bürgermeisterin hatte ihm hoch und heilig versprochen, nach der Sitzung mit ihm ins Freibad zu gehen. Dort gab es eine neue Wasserrutsche mit Looping, die die Bürgermeisterin am Anfang des Sommers feierlich eröffnet hatte.

Renè hatte recht. Es war wirklich ein perfekter Tag fürs Schwimmbad.

Kurz überlegte ich, ob man das heulende Huhn damit locken konnte. Da fiel mir ein, dass ein Huhn nicht schwimmen kann. Fliegen kann es auch nicht gescheit. Wie gut, dass Lady Gaga anderwärtig talentiert war und einen Job als Muse bekommen hatte.

Unser Ziel war also die Buchhandlung im Zentrum der Stadt. Die Bürgermeisterin bot an, uns mit ihrem kleinen E-Auto bei der Buchhandlung vorbeizuschubsen.

Und der Fuchs?

Leute, wie ich innerlich jubelte! Gerettet!! Ich möchte es in die Welt hinausschreien: Gerettet!! In nur wenigen Minuten würde ich Lady Gaga unversehrt der weltberühmten Schriftstellerin zurückgeben.

Als wir uns alle in das kleine Auto gequetscht hatten und die Bürgermeisterin den E-Motor zum Schnurren brachte, drehte ich dem Fuchs, der am Parkplatz hinter einer Hecke zurückblieb, durch das Heckfenster eine lange Nase.

Ha, Ha, da schaust du, was? Dummer, dummer Fuchs!

Kennt ihr Sprichwörter? Ich hasse Sprichwörter! Habt ihr schon einmal dieses gehört: Man soll den Tag nicht vor dem Abend loben?

Das klingt jetzt ein bisschen geheimnisvoll. Kommt mal alle zur Bushaltestelle am Schlossplatz, dann versteht ihr, warum.

#5 Die Bushaltestelle am Schlossplatz

Wo waren wir stehengeblieben? Ach ja, Sprichwörter. Sprichwörter, die sich bewahrheiten, hasse ich besonders! Leute, wie es aussah, hatte ich mich zu früh gefreut!

Und das war die Schuld von Renè!

Schon beim Einsteigen in das Auto der Bürgermeisterin hatte er herum gequengelt, dass seine Schwimmente angeblich nicht genug Platz hätte. Ich überließ also der Schwimmente den Vordersitz und zwängte mich mit Lady Gaga und dem Picknickkorb zu Renè auf die Hinterbank.

Als die Bürgermeisterin bei der Bushaltestelle am Schlossplatz den Blinker setzte, um zur Buchhandlung abzubiegen, zuckte Renè plötzlich aus. Das Kind bekam einen regelrechten Tobsuchtsanfall.

Renè bestand darauf, dass das Huhn und ich aussteigen mussten. Die Bürgermeisterin hatte nämlich versprochen, mit ihm gleich nach der Sitzung – und ohne Umwege und diesmal wirklich, wirklich! – ins Freibad zu fahren.

Eine Minute später standen Lady Gaga und ich auf der Straße und schauten dem kleinen grünen E-Flitzer hinterher. An der Heckscheibe klebte Renè und drehte uns eine lange Nase.

Zu guter Letzt verließ mich auch noch mein Orientierungssinn! Ich hatte keine Ahnung, wo wir uns befanden. Ich war zu 100% lost. Ich bat das Huhn, auf seinem Handy die Route zur Buchhandlung herauszusuchen.

Im gleichen Moment hielt an der Haltestelle der Bus, der die ganze Zeit hinter uns hergefahren war und aus dem Fahrzeug stieg, du ahnst es vielleicht schon: der Fuchs!

Diesmal sah ihn auch Lady Gaga, die augenblicklich das Sprechen verlernte und aufgeregt zu gackern begann.

Tja, Leute, was soll ich sagen. Ich steckte Lady Gaga zurück in den Picknickkorb und nahm die Beine in die Hand. Der Fuchs zögerte nicht lange und nahm die Verfolgung auf.

Um ihn zu verwirren, schlug ich wie ein Hase einen Haken.  Ich lief in die Graf-Maximilian-Straße und bog beim Haus der Gesundheit in einen Gehweg ein. 

#6 Haus der Gesundheit

Als ich um die Ecke gebogen war, war mir aufgefallen, dass der Fuchs hinter mir etwas zögerlich wirkte. Er bewegte sich in der Stadt nicht mit der gleichen Sicherheit wie im Wald.

Das nutzte ich zu unserem Vorteil aus. Wie gut, dass ich in der Schule nicht nur gedöst habe! Als die Verkehrsregeln durchgenommen worden waren, hatte ich aufgepasst.

„Bei Grün musst du stehn!“, rief ich ihm zu, genau umgekehrt, als man es machen sollte. „Und bei Rot musst du gehn!“

Obwohl weit und breit keine Ampel zu sehen war, bremste der Fuchs tatsächlich ab und ich gewann einen schönen Vorsprung.

Ha, ha! Dummer, dummer Fuchs!

Oha!

Ich legte einen Zahn zu. Der Fuchs war mir schon wieder auf den Fersen.

Der Gehweg führte in die Schiller-Allee. „Hier müssen wilde Füchse an die Leine!“, rief ich dem Fuchs zu. „Bei Zuwiderhandeln bekommst du einen Strafzettel und dir wird die Wildtierlizenz entzogen!“

„Hä?“, sagte der Fuchs. Wieder hatte ich unseren Verfolger erfolgreich verunsichert. Das hatte zur Folge, dass er langsam wurde. Es fehlte ihm zunehmend an Entschlossenheit. Der Fuchs hatte einfach nicht mehr den richtigen Drive für ein Raubtier.

Ich raste mit dem Huhn die Allee entlang zur Brücke, die über den rauschenden Ems-Bach zur Buchhandlung führt. Ich drehte mich um. Der Fuchs lag weit abgeschlagen hinter uns. Erneut schlug ich einen Haken. Ich lief nun doch nicht über die Brücke, sondern hüpfte über die steilen Stufen zum Emsbach hinunter und versteckte mich unter der Brücke. Ha, Ha, wie schlau ich war! Was für ein geniales Versteck! Der Bach hatte unsere Spur verwaschen. Der Fuchs würde uns hier nie und nimmer finden. 

#7 Steinstufen

Unter der Brücke waren die Steine mit Moos bewachsen. Es war ein wenig glitschig und feucht. Das tosende Wasser übertönte jedes andere Geräusch. Lady Gaga kletterte aus dem Picknickkorb. Gemeinsam beobachteten wir, wie der Fuchs die Brücke erreichte. Er war überhaupt nicht mehr schnell. Mitten auf der Brücke kam er zum Stillstand. Er wusste nicht recht wohin und hielt die Nase in die Luft. Er befand sich direkt über uns. Was hatte er vor? Konnte er uns riechen? Hatte der Fuchs die Witterung wieder aufgenommen? Lady Gaga und ich hielten den Atem an. Ich sah mich um. Die Steinstufen waren der einzige Weg zur Allee hinauf. So gesehen, war unser Versteck eine Sackgasse und wir saßen in der Falle. Mein Herz trommelte gegen meine Brust. Das Huhn hielt sich an meiner Pfote fest.

Aber wir hatten Glück! Der Fuchs machte kehrt. Er setzte seinen Weg auf der Allee fort, die aus der Stadt hinaus Richtung Bahnhof führte.

Als der Fuchs nicht mehr zu sehen war, jubelten wir! Der Fuchs war fort! Wir waren dem Fuchs entkommen! Der Fuchs war auf dem Weg zum Bahnhof!

Die Luft war rein. Wir wagten uns aus dem Versteck hervor. Über die Steinstufen ging es die Ufermauer hinauf und über die Brücke Richtung Innenstadt. In die wunderbare Stadt, in der kein gefährlicher Fuchs unterwegs war, um einem ehrwürdigen Huhn nachzustellen. Denn der Fuchs – wir hatten es mit eigenen Augen gesehen – war Richtung Bahnhof gegangen. Wenn es nach Lady Gaga ging, konnte er ruhig in den nächsten Zug nach Bregenz steigen. Oder noch besser Paris. Jedenfalls weit weg.Bevor es zur Buchhandlung ging, wollte ich noch einmal die Pfoten waschen. Denn mit erdigen Pfoten würde mich die Buchhändlerin wohl wieder fortschicken. Bevor es zur Buchhandlung ging, wollte ich noch einmal die Pfoten waschen. Denn mit erdigen Pfoten würde mich die Buchhändlerin wohl wieder fortschicken. Deshalb ging es nach rechts zu einer Parkbank, auf der man gut verschnaufen kann, und zu einem Brunnen. Danach noch einmal nach rechts Richtung Jüdisches Museum und zur Bibliothek gegenüber.

#8 Bibliothek

Lady Gaga ordnete vor dem spiegelnden Schaufenster der Bibliothek ihr Federkleid. Ich trocknete mein nasses Fell und entfernte das Moos, das an mir hängen geblieben war. Das Huhn schielte über seinen Rücken. „Und der Fuchs ist uns auch wirklich nicht gefolgt?“

Ich schüttelte den Kopf. Auch wenn ich natürlich nicht schwören konnte, dass der Fuchs wirklich zum Bahnhof weitergelaufen war. Hier in der Stadt unter den vielen Leuten fühlte ich mich dennoch sicher.

Lady Gaga lächelte. „Das hast du toll gemacht! Du hast den schlauen Fuchs ausgetrickst!“, sagte es bewundernd. „Mein lieber Freund Nudel, du bist schlauer als der schlaue Fuchs! Das macht dir niemand so schnell nach!“

Ich freute mich, dass das Huhn etwas so Nettes zu mir sagte. Kann sein, dass ich sogar ein bisschen rot wurde.

Ich war schlauer gewesen als der schlaue Fuchs, dachte ich stolz.

Doch dann machte das Huhn alles kaputt.

„Herrje!“, rief es. „Meine Kappe!“ Das Huhn betrachtete bestürzt sein Spiegelbild im Schaufenster.

„Äh, Kappe? Wie meinst du das genau?“ 

Tatsächlich. Lady Gagas Kappe war während der Verfolgungsjagd verloren gegangen.

„Sie ist weg!”, klagte Lady Gaga. „Wahrscheinlich auf der Brücke. Oder bei den Steinstufen. Ja, jetzt erinnere ich mich, dort hab ich einen Windstoß gespürt!“

Ich hatte nicht die geringste Lust, das Schicksal erneut herauszufordern. „Ist diese blöde Kappe so wichtig?“, fragte ich unwillig.

Doch die Kappe war natürlich weder blöd noch unwichtig. Lady Gaga hatte das Glitzerding von Selma Wakolbinger zum Geburtstag bekommen.

Ich seufzte, denn das hieß wohl, dass wir noch einmal zur Allee zurückmussten.

Lady Gaga flatterte in die Luft und landete auf meinen Schultern. 

#9 Emsbach Allee, Steinskulptur

Wir grasten die halbe Allee ab. Lady Gagas Kappe blieb unauffindbar. Sie lag weder auf der Brücke noch bei den Steinstufen. Falls sie in den Bach gefallen war, schwamm sie wahrscheinlich bereits im Rhein Richtung Nordsee. Das Huhn senkte traurig seinen Kopf. Geschenke bedeuteten ihm viel. Ich spähte Richtung Bahnhof. Der Abschnitt der Allee, auf dem der Fuchs lang gelaufen war.

Weiter vorne blinkte etwas in der Sonne.

Bling Bling

Lady Gaga flatterte auf meinen Kopf. Gar nicht weit von der Brücke auf einer Parkbank neben einer Steinskulptur glitzerte tatsächlich Lady Gagas Pailletten-Kappe. Juhu! Jemand musste sie gefunden und dorthin gelegt haben.

Doch da war auch gleichzeitig ein Problem. Ich spürte, wie sich Lady Gaga versteifte. Die Kappe befand sich am ungünstigsten Ort, den man sich ausdenken konnte. Denn unter ihr, auf der Parkbank, lag der Fuchs und schlief. Zumindest hatte er die Augen geschlossen.

Ich verfluchte den vermaledeiten Fuchs! Bruder! Es war helllichter Tag! Der Weg zum Bahnhof war wirklich nicht besonders kompliziert. ​​Paris ist eine schöne Stadt. Als Fuchs musste er nicht einmal den vollen Preis für das Ticket bezahlen. So viel ich als Hund wusste.

Vorsichtig dirigierte mich Lady Gaga von Baum zu Baum. Zum ersten Mal konnte ich den Fuchs aus der Nähe betrachten. Für einen Fuchs sah er komisch aus. Irgendwie gar nicht richtig wie ein Fuchs.

Es fehlte ihm alles Füchsische. Ich dachte fieberhaft darüber nach, woran mich diese Büschel an seinen Ohren erinnerten … so sah doch kein Fuchs aus!

Als wir schon ziemlich nahe waren und der Fuchs die Augen öffnete, ging auch mir ein Licht auf. Das war kein Fuchs! Das Tier, das auf der Parkbank schlief, war ein Luchs!

Der Luchs blinzelte. Als er uns erkannte, nahm er Lady Gagas Kappe und hielt sie dem Huhn, das auf meinem Kopf thronte, mit einem langen Ast entgegen.

„Friede!“, rief er. „PEACE! Ich tu euch nichts!“

Vorsichtig näherte ich mich der Parkbank. Das Huhn krallte sich mit beiden Beinen an mir fest, beugte sich flatternd über meinen Kopf hinaus und nahm seine Kappe in Empfang.

„Ich hätte im Wald bleiben sollen!“, jammerte der Fuchs, der kein Fuchs war, sondern ein Luchs.

Er war völlig KO.

„Du willst das Huhn nicht mehr fressen?“, erkundigte ich mich.

Der Luchs schüttelte den Kopf. „Ich bin für die Stadt nicht geschaffen. Im Moment möchte ich eigentlich nur in den Wald zurück!“ Frustriert zerbrach er den Ast, mit dem er Lady Gaga die Kappe gereicht hatte und schleuderte ein Stück davon in den rauschenden Bach.

„Och!“, sagte Lady Gaga, die nun ihre Kappe wieder auf dem Kopf hatte. „Eigentlich hält dich gar niemand auf!“

„Ich weiß nicht, wie ich zurückkomme!“, gestand der Luchs. „Ich hätte euch niemals bis hierher folgen sollen. Diese Straßen mit den vielen Regeln machen mich nervös. Ich bin irgendwie total verwirrt!“

Er fand nicht in den Wald zurück? Der Luchs war wirklich nicht besonders schlau. Aber es hieß ja auch Ohren wie ein Luchs und nicht Schlau wie ein Luchs. Er musste doch einfach nur den Bus nehmen, wie er es schon getan hatte. Linie 175 Richtung Emsreute, Station altes Altes Rathaus.

Der Luchs bedankte sich, als ich ihm mit dem Stock, der vom Ast übrig geblieben war, am Boden aufzeichnete, wie er zur nächsten Bushaltestelle kam. Sicherheitshalber begleiteten wir ihn ein Stück und überzeugten uns höchstpersönlich, dass er auch wirklich in den Bus einstieg und davonfuhr.

Endlich konnte es zur Buchhandlung gehen. Wenn wir Glück hatten, war Selma Wakolbinger noch dort.

#10 Buchhandlung

„Ha, ha“, johlte ich auf dem Weg zur Buchhandlung. „Ich habe es von Anfang an gewusst! Hier gibt es keinen Fuchs!“

Ich hopste mit dem Huhn durch die Gassen und sang triumphierend: „Es war gar kein Fuchs, es war kein Fuchs, der Fuchs war ein Luchs!“

„Na hör mal!“, empörte sich das Huhn. „Das macht doch keinen Unterschied! Der Luchs hätte mich genauso erlegt und gefressen!“

Da hatte Lady Gaga recht. Aber für mich machte es einen Unterschied! Mir ging es darum, dass ich das Huhn, das sich von Anbeginn so sehr vor dem Fuchs gefürchtet hatte, nicht leichtfertig einem Fuchs ausgeliefert hatte. Dass da irgendetwas anderes Gefährliches daherkommt, habe ich schließlich nicht ahnen können. So war das Leben nun mal. Man kann sich unmöglich gegen alles wappnen.

„Doch, doch!“, rief ich übermütig, als wir bei der Buchhandlung angekommen waren. „Ein Buchstabe macht den Unterschied! Nämlich der Buchstabe L!“, sagte ich oberschlau. Wieder machte sich bezahlt, dass ich in der Schule manchmal aufgepasst hatte. 

Das Huhn schien angestrengt nachzurechnen. Um die Worte FUCHS und LUCHS zu buchstabieren, brauchte es beide Flügel. Die Buchhändlerin schielte wohlwollend über ihre Brille. Zwei Tiere, die das Alphabet konnten, waren ganz nach ihrem Geschmack und in ihrer Buchhandlung willkommen.

„So wie bei Huhn und Hund!“, sagte Lady Gaga nach einer halben Ewigkeit.

Ich zählte nach. Tatsächlich. Das Huhn hatte recht. Ich unterschied mich von Lady Gaga nur durch einen einzigen Buchstaben. Um aus einem HUN einen HUND zu machen, musste man nur einen Buchstaben anfügen. Den Buchstaben D.

Ich strahlte Lady Gaga an und freute mich, dass ich mit dem Huhn mehr gemeinsam hatte, als man auf den ersten Blick denken mochte.

Ein Rundgang durch die Regale offenbarte, dass Selma Wakolbinger die Buchhandlung bereits verlassen hatte. Die Buchhändlerin schenkte uns zum Abschied ein ABC-Buch aus ihrem Sortiment für Leseanfänger*innen. Es war an der Zeit, in die Villa zurückzukehren. Ich hob Lady Gaga auf meine Schultern und spazierte überglücklich mit dem Huhn durch die Harrachgasse nach Hause. 

#11 Literaturhaus Wintergarten

Selma Wakolbinger saß im Wintergarten der Villa. Sie hatte einen ganzen Stapel Bücher aus der Buchhandlung vor sich liegen.

Wir nahmen gemeinsam mit der weltberühmten Autorin ein Abendmahl ein und Lady Gaga berichtete von unserem Abenteuer mit dem schlauen Fuchs.

Das Huhn lief zur Höchstform auf.

Es erzählte unser Abenteuer so spannend und lustig und unterhaltsam, dass es eine Freude war, ihm zuzuhören. Das musste man Lady Gaga lassen! Sie konnte wirklich gut Geschichten erzählen!

Die weltberühmte Schriftstellerin Selma Wakolbinger lauschte andächtig, fieberte mit und freute sich über den glücklichen Ausgang der Geschichte.

Beiläufig schnappte sie sich ihren Notizblock und machte sich erste Notizen für ihren neuen Roman, den sie am Ende des Sommers fertig haben musste.

Selma Wakolbinger hatte ihre Krise überwunden.

Lady Gaga war wirklich eine fantastische Muse!