Datum
07.06.2023
Kategorie
writers:class
Schlagworte
©Frauke Kühn

…. oder: Vor dem Schreiben kommt das Erleben

Es ist ein sommerlicher Tag, die Sonne steht hoch am Himmel und es ist schwül, als die writers:class der Mittelschule Bregenz Rieden gemeinsam mit Klassenvorständin Ewa Fritz und dem Autor Jürgen Thomas Ernst in Richtung Natur aufbricht. Der Weg führt auch über einen Friedhof. Die Schritte einzelner Schüler:innen verlangsamen sich, es werden leicht verstohlene Blicke auf die Grabsteine geworfen und Inschriften gelesen, dann noch eine lange steile Treppe hoch und schon sind wir da, am Pfadfinderheim Bregenz und dem sich dort anschließenden kleinen Wäldchen. Weidensamen schaukeln sanft wie dicke Schneeflocken durch die heiße Luft. Jürgen Thomas Ernst hat eine besondere erste Aufgabe für die writers:class: „Sucht euch einen Platz im Wald, jede und jeder von euch allein für sich. Setzt euch hin und beobachtet für 20 Minuten lang die Natur. Hört hin, schaut hin, riecht und fühlt. Achtet auf kleine Tiere. Merkt euch, was ihr wahrnehmt.“ Wie der Blitz verschwindet ein Großteil der Jugendlichen im Wald, eine kleinere Gruppe möchte lieber am Friedhof die Natur beobachten. Autor und Klassenvorständin verständigen sich kurz, beide sind sehr einverstanden. 

„Ich habe sogar einen Floh gesehen!“ ruft Ben, als er zur verabredeten Zeit rennend aus dem Wald zurückkommt. „Und ich Ameisen und eine kleine weißgrau gestreifte Schnecke!“, ergänzt Umar.

Jürgen Thomas Ernst gibt allen Eindrücken Raum und erzählt dann, dass er auf einem Baum weit oben das dumpfe Klopfen eines Spechts wahrgenommen hat. Er hat daraufhin sein Ohr an den Stamm gelegt und konnte das Klopfen klar und deutlich hören. Ein Telefonat mit einem Specht. „Wer möchte mit mir ganz leise an die Stelle zurückgehen und das auch hören?“ lädt der Autor die Erstklässler der Mittelschule ein. Klar, das wollen fast alle. Also geht es wieder in den Wald. Bei der Rückkehr der Gruppe entlädt sich ein Sommergewitter mit grollenden Donnerschlägen und dicken kühlenden Regentropfen. Für die writers:class kein Problem: Sie ziehen unter das Vordach des Pfadiheims, schlagen ihre Hefte auf und zücken ihre Stifte. Denn jetzt sollen die Walderlebnisse in kurzen Texten festgehalten werden. 

„Ich weiß nicht, was ich schreiben soll!“ „Soll ich jetzt schreiben, dass ich ein Blatt gesehen habe?“ „Wie heißt noch einmal das Geräusch, das Raben machen?“
©Frauke Kühn

Die Fragen der Schüler:innen gehen am Anfang noch laut durcheinander. Nach einigen Minuten aber kehrt Ruhe ein und man sieht lauter über Hefte gebeugte Köpfe. Wer so gar nicht ins Schreiben kommen mag, der bekommt Unterstützung von Jürgen Thomas Ernst, denn gemeinsam geht bekanntlich alles besser. Nach einer halben Stunde ruft der Autor alle Schüler:innen in den Halbkreis, denn jetzt werden einige der Texte laut vorgelesen. Das kostet nur wenige Überwindung, andere lesen mit großer Freude vor. „Achtung, jetzt kommen aber nur Sachen, die es nicht gibt!“, kündigt Selima an und nimmt alle unter dem Vordach des Pfadiheims mit in ihre Welt voller Dinosaurier und Kobolde. „Wir sind auf dem Weg 24/7 ausgerutscht,“ liest sie. „Moment, was heißt 24/7?“, fragt Jürgen Thomas Ernst irritiert. „Na, immer!“, ruft die Klasse und hat diebische Freude daran, dem Autor einen neuen Ausdruck beizubringen. „Phantastisch!“, würdigt dieser die Wortschöpfung, die ihm bis eben noch fremd war. Nach jedem Text gibt es Applaus. „Halt, ich habe noch einen Text!“, ruft Elyasa, als das Klatschen bei ihm zu früh einsetzt.

Schließlich erhört Jürgen Thomas Ernst das Flehen der Klasse, die unbedingt noch einmal auf eine letzte Runde in den Wald mag, bevor es zurück in die Schule geht. Es dauert keine zwei Minuten und die writers:class ist zwischen den immer dichter werdenden Bäumen verschwunden. 

Als Literaturhaus Vorarlberg freuen wir uns sehr über die writers:class an der MS Bregenz Rieden mit Jürgen Thomas Ernst und der freundlichen Unterstützung des Landes Vorarlberg