zwischenfragen: mit Johannes (@queerinliterature) und Julia Jost

In der dritten Ausgabe unseres Formats zwischenfragen gingen der Buchblogger Johannes Bullinger von @queerinliterature und die Autorin Julia Jost der Frage nach, wie es – in einer Welt, in der momentan alles gleichzeitig zu passieren scheint – um unser Mitgefühl steht. Wie geht man mit Überforderung und der damit einhergehenden Abstumpfung um? Wie verlernt man das Mitfühlen nicht?
Die beiden Gäst:innen des Abends näherten sich diesen Fragen anhand des Romans „Wo der spitzeste Zahn der Karawanken in den Himmel hinauf fletscht“, in dem Julia Jost einen Mikrokosmos entworfen hat, der durchaus Abstraktionswert hat. Der Abend führte nicht nur in das ländliche Kärnten der späten 1980er- und 1990er-Jahre, sondern auch in die Psyche einzelner Figuren, die sich nach Mitgefühl sehnen, und jener, denen es abhandengekommen ist.

Da ist die Ich-Erzählerin, die sich, wenn der Druck von außen zu groß wird und niemand mit ihr fühlt, in die Welt der Fantasie flüchtet; ihre Freundin Luca, die neu im Dorf ist und zur Außenseiterin wird; der Dorfkommunist Focknhocker; der kleine Franzi, der durch einen SS-Ehrendolch stirbt; Andreas, der brutale Anführer einer Kindergruppe und Gernot Pfandl, sein Vater, der Sohn eines NS-Täters, Burschenschafter und Bürgermeister.
Über ihnen allen schwebt die Vergangenheit. Transgenerationale Traumata erschweren das Zusammenleben in einzelnen Familien und im Dorf. Auch die Rolle, die Institutionen wie die katholische Kirche spielen, hat Julia Jost in ihrem Roman immer im Blick.





Wo die Vergangenheit verdrängt und nicht aufgearbeitet wird, wo keine Gefühle zugelassen werden, nicht über sie gesprochen wird, entsteht „eine Gesellschaft, die keinen Zugriff zu sich selbst hat“, so Julia Jost. Mitgefühl ist nicht mehr möglich, wenn die Basis marode ist. Im Roman finden sich Figuren unterschiedlichster Positionen, sie streiten und mögen sich nicht, treffen sich aber doch jede Woche am Stammtisch wieder, um zusammenzukommen. Alle Menschen haben einen Gefühlshaushalt, der sie prägt, aber wir dürfen nicht aufhören, miteinander zu reden, uns an einen Tisch zu setzen und zu versuchen, einander zu verstehen, betonen Julia Jost und Johannes Bullinger an diesem Abend. Mitgefühl, so das Fazit, kann man trainieren.

Judith von diebuchhändlerin hat Johannes im Vorfeld nach seinen Buchtipps gefragt, die sich mit Mitgefühl beschäftigen – und Johannes hat ihr seine ganz persönlichen Empfehlungen verraten: „Mädchen, Frau etc.“ von Bernardine Evaristo, „Unbegründete Ängste“ von Res Sigusch, „Chain-Gang All-Stars“ von Nana Kwame Adjei-Brenyah und „Hitzetage“ von Oisín McKenna. Auf dem Büchertisch zu finden war natürlich auch Julia Josts Roman „Wo der spitzeste Zahn der Karawanken in den Himmel hinauf fletscht.“
Nach den ersten zwischenfragen mit FM4-Literaturexpertin Zita Bereuter und Kai Michel zur Evolution der Gewalt und den zweiten mit Spiegelbesteller-Autorin Alice Hasters und Raphaëlle Red über Zugehörigkeiten haben wir uns sehr gefreut, Johannes Bullinger und Julia Jost bei uns im Literaturhaus zu begrüßen.
Johannes Bullinger, der an der LMU München über die Entwicklung von Prosozialität und Mitgefühl in der frühen Kindheit promoviert und mit seinem Instagram-Kanal @queerinliterature über 30.000 Menschen erreicht, hat Julia Josts Roman zum Anlass genommen, über Mitgefühl zu sprechen: Warum reden die Menschen im Roman nicht miteinander? Welche Rolle spielen Angst, Scham und transgenerationale Traumata? Braucht es den naiven Kinderblick, um die Erwachsenenwelt zu durchschauen? Und was können Literatur und Forschung uns darüber sagen, wie wir in einer gehetzten, von globalen Konflikten überwältigten Gesellschaft Mitgefühl zurückgewinnen?
Julia Jost, geboren 1982 in Kärnten, studierte Philosophie, Bildhauerei und Theaterregie. Sie arbeitete als Regisseurin und Dramaturgin u. a. am Thalia Theater Hamburg. 2019 wurde sie mit dem Kelag-Preis ausgezeichnet, 2024 stand sie auf der Shortlist für den Österreichischen Buchpreis (Debüt des Jahres) und den ZDF-aspekte-Literaturpreis. Julia Jost lebt in Wien und Berlin.

Mit unserer Programmreihe zwischenfragen öffnen wir zweimal im Jahr den Raum für neue Perspektiven: Prägende Stimmen aus Literatur und Kultur bringen Themen ein, die sie persönlich bewegen und laden dazu Gesprächspartner:innen ihrer Wahl ein. So entstehen Begegnungen, die über das Gewohnte hinausgehen, und die neue Denkanstöße von außen ins Haus holen.






